Sie fuhr auf die niedrigeren Hänge zu, die sanft gewunden in der Sonne lagen. Ascraeus war wegen der Albedo einer der klassischen Namen gewesen, da er so groß war, daß man ihn leicht von der Erde aus sehen konnte. Ascraeus Lacus. Das war während der Kanalmanie gewesen, und darum hatten man ihn für einen See gehalten. Pavonis hatte man Phoenicus Lacus, Phönix-See, genannt. Ascra war, wie sie gelesen hatte, die Geburtsstätte von Hesiod gewesen, »gelegen rechts von Mount Helicon auf einer hohen und rauhen Stelle«. Obwohl man ihn also für einen See gehalten hatte, wurde er nach einem Berg benannt. Vielleicht hatten sie im Unterbewußtsein die teleskopischen Bilder letztlich doch richtig verstanden. Ascraeus war im allgemeinen ein poetischer Name für das Hirtengedicht. Helicon war der Berg in Böotien, der dem Apollo und seinen Musen gewidmet war. Hesiod hatte einstmals von seinem Pflug aufgeschaut und das Gefühl gehabt, eine Geschichte erzählen zu müssen. Seltsam ist die Geburt von Mythen, seltsam sind die alten Namen, die lange gelebt hatten und vergessen wurden, während man die alten Geschichten immer wieder erzählte.
Er war der steilste der vier großen Vulkane; aber es gab keine ihn umgebende Böschung wie bei Olympus Mons. Darum konnte Ann den Rover in einen kleinen Gang schalten und hochjagen, als ob sie in Zeitlupe in den Weltraum starten wollte. Sie lehnte sich zurück und machte ein Nickerchen. Den Kopf auf der Kopfstütze, entspannen. Aufwachen bei Ankunft in 27 Kilometern über Meereshöhe, der gleichen Höhe, die die anderen drei Großen hatten. Das war so hoch, wie ein Berg auf dem Mars im Grunde werden konnte. Es war die isostatische Grenze, an der die Lithosphäre unter dem Gewicht des aufgetürmten Gesteins abzusacken begann. Die vier Großen hatten das Maximum erschöpft. Sie hatten nicht höher werden können. Ein Zeichen ihrer Größe und ihres hohen Alters.
Sehr alt, gewiß, aber gleichzeitig war die Oberflächenlava von Ascraeus eine der jüngsten vulkanischen Gesteinsanhäufungen auf dem Mars und durch Wind und Sonne nur leicht verwittert. Bei ihrer Abkühlung waren die Lavamassen langsamer heruntergeglitten und hatten flache krumme Buckel gebildet, an denen sie hochstiegen oder vorbeiflossen. Eine alte Piste von Roverspuren zog sich im Zickzack den Hang hinauf und vermied die steilen Abschnitte am Boden dieser Flüsse, und nutzte statt dessen ein großes Netz von Rampen und Rückstaustellen. Überall, wo ständig Schatten herrschte, hatten sich anfängliche Nebelschwaden zu Bänken aus schmutzigem dichtgepacktem Schnee abgesetzt. Die Schatten zeigten jetzt ein zartes geschwärztes Weiß, als ob sie durch ein fotografisches Negativ führe. Ihre Stimmung sank unerklärbar, während sie immer höher hinaufkam. Hinter sich konnte sie immer mehr von der konischen Nordflanke des Vulkans erkennen und dahinter im Norden Tharsis bis hin zum Echus-Wall, einer niedrigen Linie in mehr als hundert Kilometern Entfernung. Vieles von dem, was sie sehen konnte, war fleckig durch Schneedriften, Windtafeln und Firn. Weiß gesprenkelt. Die schattigen Seiten von Vulkankegeln waren oft schwer vereist.
Dort auf einer Steinfläche hell smaragdenes Moos. Alles wurde grün.
Aber als sie Tag für Tag weiter und schließlich über alle Vorstellung aufstieg, wurden die Schneeflecken dünner und seltener. Schließlich befand sie sich zwanzig Kilometer über der Bezugshöhe — über Meeresniveau — fast siebzigtausend Fuß über dem Eis! Mehr als doppelt so hoch wie der Everest über den Ozeanen der Erde. Und immer noch ragte der Kegel des Vulkans über ihr auf, noch volle siebentausend Meter mehr! Direkt hinauf in den dunkler werdenden Himmel, direkt in den Weltraum.
Weit unten breitete sich eine glatte flache Wolkenschicht aus und verdeckte Tharsis. Als ob die weiße See sie hier den Hang hinaufjagen würde. Bis zu dieser Höhe gab es keine Wolken, wenigstens an diesem Tag. Manchmal türmten sich Gewitterköpfe neben dem Berg auf, und an anderen Tagen konnte man über sich Cirruswolken sehen, die den Himmel mit einem Dutzend schmaler Sichern zerteilten. Heute war der Himmel ein klares purpurnes mit Schwarz durchsetztes Indigo und gespickt mit einigen Tageslichtsternen im Zenit. Orion stand schwach und allein da. Fern östlich vom Vulkangipfel zog eine dünne Wolkenschicht dahin, ein Gipfelbanner, so schwach, daß man durch sie hindurch den schwarzen Himmel sehen konnte. Es gab hier oben weder viel Feuchtigkeit noch eine brauchbar dichte Atmosphäre. Es würde immer eine zehnfache Differenz zwischen dem Luftdruck auf Meereshöhe und hier oben auf den großen Vulkanen bestehen. Der Druck hier oben mußte deshalb bei 35 Millibar liegen, nur ganz wenig mehr, als er bei ihrer Ankunft gewesen war.
Nichtsdestoweniger erspähte sie winzige Flechtenflecken in kleinen Vertiefungen auf der Oberseite der Steine und in Höhlungen, die etwas Schnee eingefangen und dann viel Sonne abbekommen hatten. Sie waren fast zu klein, um entdeckt zu werden. Flechten sind ein symbiotisches Team von Algen und Pilzen, die gemeinsam um ihr Überleben kämpfen, selbst bei dreißig Millibar. Es war kaum zu glauben, was das Leben ertragen konnte. Wieder einmal seltsam.
Tatsächlich erschien es ihr so eigenartig, daß sie den Schutzanzug anlegte und hinausging, um sie sich anzusehen. Hier oben mußte man all die alten Vorsichtsmaßnahmen beachten: Den Anzug sichern, die Türen verschließen. Dann hinaus in den hellen Glanz eines niedrigen Raums.
Die Felsen, die die Flechten beherbergten, waren jene Art flacher Veranden, auf denen Murmeltiere Sonnenbäder genommen hätten, wenn sie so hoch oben hätten leben können. Statt dessen nur kleine gelbgrüne oder schlachtschiffgraue Stecknadelköpfe. Flockenflechten, sagte der Führer am Armband. Stücke davon in Stürmen abgerissen, hier hochgeschleudert, auf Steine gefallen und wie kleine pflanzliche Napfschnecken festgeklebt. Etwas, das nur Hiroko erklären konnte.
Lebewesen. Michel hatte gesagt, daß sie Steine liebte und nicht Menschen, weil sie mißhandelt und ihr Geist geschädigt worden war. Der Hippocampus war wesentlich kleiner, starke Schreckreaktion, Tendenz zur Dissoziation. Und so hatte sie einen Mann gefunden, der ebenso einem Stein glich, wie sie einer sein konnte. Auch Michel hatte diese Eigenschaft bei Simon geschätzt, wie er ihr sagte. Es war in den Jahren von Underhill eine große Erleichterung gewesen, einen solchen Mann zu haben, ruhig und solide, dem man Vertrauen schenken konnte und dessen Händedruck Erleichterung bewirkte.
Aber Simon war nicht der einzige auf der Welt von dieser Art, wie Michel erklärt hatte. Diese Qualität schlummerte auch in den anderen, gemischt und weniger rein, aber immerhin vorhanden. Warum konnte sie diese Eigenschaft hartnäckiger Ausdauer nicht auch bei anderen Leuten lieben, in jedem Lebewesen? Alle versuchten sie nur zu existieren, wie jeder Fels oder Planet. In ihnen allen war diese mineralische Beharrlichkeit.
Der Wind fuhr beißend an ihrem Helm vorbei und über die Lavabrocken. Er brummte in ihrem Luftschlauch und übertönte das Atemgeräusch. Der Himmel war hier eher schwarz als Indigo, abgesehen von dem Bereich tief am Horizont, wo er ein dunstiges Purpurviolett zeigte und darüber ein klares hellblaues Band... Oh, wer konnte glauben, daß sich das jemals ändern würde, hier auf dem Hang von Ascraeus Mons! Warum hatten sie sich nicht hier oben niedergelassen, um sich daran zu erinnern, wohin sie gekommen waren und was ihnen vom Mars gegeben wurde, das sie dann so verschwenderisch weggeworfen hatten! Zurück zum Rover. Sie fuhr weiter nach oben.
Sie befand sich über den Cirruswolken, geflau westlich von dem durchscheinenden Gipfelbanner des Vulkans. Im Lee des Strahlstroms. Sich in die Höhe zu begeben war wie eine Reise in die Vergangenheit, oberhalb aller Flechten und Bakterien. Obwohl sie keinen Zweifel hatte, daß es sie hier gab und sie sich in den ersten Schichten des Gesteins verbargen. Ein chasmoendolithisches Leben wie das Kleine Rote Volk, die mikroskopischen Götter, die zu John Boone gesprochen hatten, ihrem lokalen Hesiod. So erzählten es sich die Leute.