Leben überall. Die Welt wurde grün. Aber wenn man das Grün nicht sehen konnte, machte das für das Land keinen Unterschied. Sicher begrüßte es das Vorhaben?
Lebende Kreaturen. Michel hatte zu ihr gesagt: Du liebst Steine wegen der mineralischen Qualität, die das Leben hat! Es läuft alles auf Leben hinaus. Simon Petrus, auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen. Warum sollte sie nicht die Eigenschaft von Stein in allen Dingen lieben?
Der Rover rollte die letzten konzentrischen Lavaterrassen hinauf und arbeitete jetzt weniger angestrengt, als er über die asymptotische Abflachung des breiten runden Randes kurvte. Nur noch leicht bergauf und mit jedem Meter weniger. Und dann auf den Rand selbst. Danach zur Innenkante des Vulkans.Blick auf die Caldera. Sie stieg aus dem Wagen. Ihre Gedanken flatterten umher wie Skuas.
Der zusammenhängende Caldera-Komplex von Ascraeus bestand aus sechs sich überlappenden Kratern, wobei die jüngeren an den Peripherien der älteren eingestürzt waren. Die größte und jüngste Caldera lag nahe dem Zentrum des Komplexes; und die älteren Calderas, deren Boden höher lag, umgaben ihren Umkreis wie die Blütenblätter eines Blumenarrangements. Jeder Calderaboden war auf etwas unterschiedlicher Höhenlage und wurde durch ein Muster kreisförmiger Brüche markiert. Wenn man um den Rand ging, änderte sich die Perspektive, so daß sich die Distanzen verschoben. Und die Höhen der Böden schienen wie in einem Traum zu wechseln. Alles in allem ein schöner Anblick, den man erlebte. In achtzig Kilometern Durchmesser.
Es war eine Lektion über die Mechanik von Vulkanschlunden. Eruptionen tief in den äußeren Flanken des Vulkans hatten das Magma aus dem aktiven Schlund der Caldera abgezogen, und so hatte sich der Calderaboden gesenkt. Daher kamen all die kreisförmigen Bildungen, als der aktive Schlund im Laufe der Äonen die Runde machte. Bogenförmige Klippen. Wenige Orte auf dem Mars boten so vertikale Hänge. Sie verliefen fast genau senkrecht. Ringwelten aus Basalt. Es hätte das Mekka der Bergsteiger und Kletterer sein können, war es aber ihres Wissens nicht. Eines Tages würden sie schon kommen.
Die Komplexität von Ascraeus war so völlig anders als die einzige große Vertiefung von Pavonis. Warum war die Caldera von Pavonis jedesmal auf der gleichen Peripherie zusammengebrochen? Könnte es sein, daß ihr letzter Niedergang alle anderen Ringe ausradiert und getilgt hatte? War die Magmakammer kleiner gewesen, oder hatte sie weniger Seitenausgänge gehabt? War der Schlund von Ascraeus mehr gewandert? Ann hob an der Kante des Randes lockere Steine auf und sah sie sich an. Lavabomben, späte Meteorauswürfe, Windprodukte in den unablässigen Stürmen... Das waren alles Fragen, die noch untersucht werden mußten. Nichts, was die Menschen taten, würde jemals die Vulkanologie hier oben stören. Es würde nicht reichen, um die Studie zu behindern. Tatsächlich hatte das Journal ofAreological Studies viele Artikel über diese Themen veröffentlicht, wie sie gelegentlich gesehen hatte. Es war so, wie Michel es ihr erklärt hatte. Die hohen Orte würden immer gleich aussehen. Das Erklettern der großen Hänge würde wie eine Reise in die Vergangenheit vor der Ankunft des Menschen sein, in reine Areologie, vielleicht in die Areophanie selbst, Hiroko oder nicht. Mit den Flechten oder ohne sie. Man hatte davon gesprochen, über diesen Calderas eine Kuppel zu errichten, um sie völlig steril zu halten. Aber das würde sie nur zu Zoos machen, zu Wildparks und Gärten mit Mauern und Dächern. Leere Gewächshäuser. Nein! Sie richtete sich auf, schaute über die weite runde Landschaft, die sich gleichsam aufgerichtet dem Raum darbot. Jenem chasmoendolithischen Leben, das dort vielleicht kämpfte, winkte sie mit der Hand. Leben. Sie sprach das Wort aus, und es klang seltsam: »Leben.«
Mars in alle Ewigkeit, steinig im Sonnenlicht. Aber dann erhaschte sie im Augenwinkel den weißen Bären, der hinter einem schroffen Felsblock verschwand. Sie sprang drauf zu, aber da war nichts. Sie ging zum Rover zurück, fühlte, daß sie seinen Schutz brauchte. Sie kletterte hinein. Aber dann schienen den ganzen Nachmittag auf dem Computerschirm ihres Rovers die vagen bebrillten Augen nach ihr Ausschau zu halten, bereit, sie jeden Augenblick anzurufen. Ein freundlicher Bär von einem Mann, obwohl er sie fressen würde, wenn er sie erwischen könnte. Wenn er sie fangen könnte: Aber keiner von denen konnte sie fangen. Sie könnte sich für immer in diesen hohen Felsfestungen verstecken. Sie war frei und würde frei sein zum Sein oder Nichtsein, falls sie sich dafür entschied, so lange, wie der Fels hielt. Aber dann wieder, genau an der Schleusentür, dieses weiße Aufblitzen in ihrem Augenwinkel. Ah, so hart!
SIEBTER TEIL
Die Dinge in Gang bringen
Ein von Eis ersticktes Meer bedeckte jetzt einen großen Teil des Nordens. Vastitas Borealis hatte ein oder zwei Kilometer, an manchen Stellen sogar drei unter dem Bezugsniveau gelegen. Jetzt stabilisierte sie sich bei der Zone von minus eins. Der größte Teil lag unter Wasser. Wenn es auf der Erde einen ähnlichen Ozean gegeben hätte, wäre er ein größeres Eismeer gewesen, hätte die größten Teile von Rußland, Kanada, Alaska, Grönland und Skandinavien bedeckt und weiter südlich zwei tiefere Intrusionen gebildet, schmale Meerengen, die sich bis zum Äquator erstreckten. Auf der Erde würden sie einen engen Nordatlantik gebildet haben und einen Nordpazifik, der in seiner Mitte eine große quadratische Insel barg.
Dieser Oceanus Borealis war mit etlichen großen Eis-Inseln besetzt, sowie einer langen niedrigen Halbinsel, die das Festland nördlich von Syrtis mit dem Ausläufer einer polaren Insel verband. Der Nordpol lag praktisch auf dem Eis des Olympia-Golfes, ein paar Kilometer vor der Küste dieser Polinsel.
Und das war es nun. Auf dem Mars würde es kein Gegenstück zum Südpazifik oder Südatlantik oder dem Indischen noch dem Antarktischen Ozean geben. Im Süden gab es nur Wüste, mit Ausnahme des Hellas-Meeres, eines runden Wasserbeckens in etwa von der Größe der Karibik. Während also auf der Erde der Ozean 70 Prozent der Oberfläche bedeckte, waren es auf dem Mars nur etwa 25 Prozent.
Im Jahre 2130 war der größte Teil des Oceanus Borealis von Eis bedeckt. Es gab aber große Pfützen flüssigen Wassers unter der Oberfläche, und im Sommer sammelte sich Schmelzwasser an der Oberfläche der gefrorenen Seen. Es gab auch viele freie Stellen, Rinnen und Risse. Weil der größte Teil des Wassers heraufgepumpt oder anderswie aus dem Permafrost geholt worden war, hatte es die Reinheit tiefen Grundwassers, war also fast destilliert. Borealis war ein Süßwasserozean. Allerdings wurde erwartet, daß er bald salzig werden würde, da die Flüsse durch den sehr salzhaltigen Regolith liefen und ihre Fracht im Meer abluden, dann verdunsteten, ausgefällt wurden und den Prozeß wiederholten, bis ein Gleichgewicht hergestellt sein würde. Diesen Vorgang hatten die Ozeanographen mit Interesse verfolgt, weil das Maß des Salzgehaltes der Weltmeere auf der Erde, der seit vielen Jahrmillionen stabil war, immer noch nicht recht verstanden worden war.
Die Küstenlinien waren wild. Die Polinsel, formell namenlos, wurde abwechselnd die polare Halbinsel, die polare Insel oder wegen ihrer Gestalt auf den Karten das Seepferdchen genannt. Praktisch war ihr Küstenverlauf an vielen Stellen noch von dem Eis der alten Polkappe überzogen und hin und wieder mit Schnee geweißt, der in die Gestalten gigantischer Sastrugi geweht wurde. Diese wellige weiße Fläche dehnte sich viele Kilometer über das Meer aus, bis Strömungen unter der Oberfläche sie aufbrachen und man zu einer ›Küstenlinie‹ aus Wasserrinnen und Druckgraten und den chaotischen Kanten großer Tafel-Eisberge gelangte, wie auch zu größeren und breiteren Stellen offenen Wassers. Mehrere große vulkanische oder meteoritische Inseln erhoben sich aus dem Trümmerfeld dieser Eisküste, einschließlich einiger Sockelkrater, die wie große schwarze Tafelberge aus dem Weiß aufragten.