Art runzelte die Stirn. Das hatte er nicht bedacht. Er war zu naiv.
»Du weißt«, sagte Charlotte nachdenklich, »eine Verfassung ist eine Art Blaupause. Eine richtige funktionierende Regierung daraus zu machen, ist der eigentliche konstruktive Akt.«
»Schluß!« sagte Nadia.
Aber am Ende sagte sie doch zu. Sie waren unbarmherzig, in überraschend großer Anzahl, und es machte nicht den Anschein, daß sie vorhätten, aufzugeben. Sie wollte nicht als Drückeberger erscheinen. Und so ließ sie die Falle an ihrem Bein zuschnappen.
Die Legislaturen traten zusammen, die Abstimmung fand statt. Nadia wurde als eine der Sieben gewählt, zusammen mit Zeyk, Ariadne, Marion, Peter, Mikhail und Jackie. Am gleichen Tage wurde Irishka zur obersten Richterin des Globalen Umwelthofes gewählt, ein echter Erfolg für sie persönlich und die Roten allgemein. Das war ein Teil der ›großen Geste‹, die Art am Ende des Kongresses ausgehandelt hatte, um die Unterstützung der Roten zu erhalten. Etwa die Hälfte der neuen Richter waren Rote der einen oder anderen Schattierung, was nach Nadias Meinung eine etwas zu großartige Geste war.
Unmittelbar nach diesen Wahlen kam eine andere Delegation zu ihr, diesmal angeführt von ihren Ratskollegen. Sie hatte das höchste Stimmergebnis in beiden Häusern erzielt, wie sie ihr sagten; und darum wollten sie sie zur Ratspräsidentin wählen.
»O nein!« sagte sie. Sie nickten gewichtig. Die Präsidentin war bloß ein Mitglied des Rates, sagten sie ihr, eine unter gleichen. Es handele sich nur um eine zeremonielle Position. Dieser Arm der Regierung war nach Schweizer Vorbild gestaltet; und die Schweizer wüßten gewöhnlich nicht einmal, wer ihr Präsident war. Diese Art der Argumentation. Obwohl sie natürlich ihre Zustimmung brauchten Qackies Augen glitzerten dabei leicht), ihr Einverständnis, daß sie den Posten annehmen würde.
»Raus mit euch!« sagte sie wieder.
Nachdem sie fort waren, saß Nadia zusammengesunken in ihrem Sessel und fühlte sich bestürzt.
»Du bist die einzige auf dem Mars, der jeder vertraut«, sagte Art sanft. Er zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte, daß er nicht beteiligt gewesen sei, was, wie sie wußte, eine Lüge war. »Was kannst du tun?« fragte er und rollte mit den Augen wie ein theatralisch übertreibendes Kind. »Gib ihnen drei Jahre, und die Dinge laufen, und du kannst sagen, daß du deinen Teil geleistet hast und dich zurückziehen. Außerdem — die erste Präsidentin des Mars! Wie kannst du da widerstehen?«
»Leicht.«
Art wartete. Nadia starrte ihn an.
Schließlich sagte er: »Aber du wirst es doch auf alle Fälle machen, nicht wahr?«
»Wirst du mir helfen?«
»O ja.« Er legte eine Hand auf ihre geballte Faust. »Alles, was du willst. Ich meine, ich stehe dir zur Verfügung.«
»Ist das eine offizielle Praxis-Position?«
»Nun ja, ich bin sicher, daß sie das sein sollte. Praxisberater für die Präsidentin des Mars? Na und ob!«
So konnte sie ihn vielleicht dazu bringen, es zu tun.
Sie stieß einen schweren Seufzer aus. Versuchte, sich im Magen weniger verkrampft zu fühlen. Sie könnte den Job annehmen und dann die meiste Arbeit auf Art abwälzen und auf jeden Stab, den sie ihr geben würden. Sie würde weder die erste noch die letzte Präsidentin sein, die das tat.
»Praxisberater für die Marspräsidentin«, erklärte Art mit zufriedener Miene.
»Oh, hör auf!« sagte sie.
»Natürlich.«
Er ließ sie allein, damit sie sich daran gewöhnen konnte. Dann kam er mit einem dampfendem Topf Kava und zwei kleinen Tassen zurück. Er goß ein. Sie bediente sich und nippte an der bitteren Flüssigkeit.
»Auf jeden Fall gehöre ich zu dir, Nadia«, sagte er. »Das weißt du.«
»Hmm-hmm... «
Sie sah ihn an, als er seinen Kava schlürfte. Sie wußte, daß er das nicht nur politisch meinte. Er war von ihr angetan. Die ganze Zeit zusammen arbeiten, zusammen reisen, beisammen sein. Und sie mochte ihn. Ein Bär von einem Mannsbild, wunderbar bodenständig und voll bester Gedanken. Ein Kavaliebhaber, wie sein Schlürfen und seine Miene bewiesen. Er hatte den ganzen Kongreß getragen, wie sie merkte, mit der Kraft dieser guten Stimmung, die sich wie eine Epidemie ausbreitete. Das Gefühl, es mache nichts mehr Spaß als der Entwurf einer Verfassung — absurd! Aber es hatte geklappt. Und während des Kongresses waren sie irgendwie zu einem Paar geworden. Ja, das mußte sie zugeben.
Aber sie war jetzt 159 Jahre alt. Eine weitere Absurdität, aber es war so. Und Art war — sie war nicht sicher — irgendwo in seinen Siebzigern oder Achtzigern, obwohl er wie fünfzig aussah, wie das oft vorkam, wenn man die Behandlung frühzeitig bekam. Sie sagte: »Ich bin alt genug, um deine Urgroßmutter zu sein.«
Art zuckte verwirrt die Achseln. Er merkte, wovon sie sprach. »Ich bin alt genug, um der Urgroßvater dieser Frau zu sein«, sagte er und zeigte auf eine große Eingeborene, die an der Tür ihres Büros vorbeiging. »Und sie ist alt genug, um Kinder zu haben. So, das weißt du. Irgendwann spielt das keine Rolle mehr.«
»Vielleicht nicht für dich.«
»Na ja. Aber das ist die Hälfte der Meinungen, auf die es ankommt.«
Nadia sagte nichts.
»Schau, wir haben noch eine lange Lebenszeit vor uns«, erklärte Art. »An irgendeiner Stelle müssen die Zahlen ihre Bedeutung verlieren. Ich meine, ich war mit dir in den ersten Jahren nicht zusammen; aber wir sind jetzt schon eine lange Zeit beieinander und haben eine Menge durchgemacht.«
»Ich weiß.« Nadia schaute auf den Tisch hinunter und erinnerte sich an manches dieser Male. Da war der Stumpf ihres lange verlorenen Fingers. All dieses Leben war bereits vergangen. Jetzt war sie Präsidentin des Mars. »Shit!«
Art schlürfte seinen Kava und beobachtete sie voller Sympathie. Er mochte sie, sie mochte ihn. Sie waren schon eine Art Paar. »Du wirst mir bei diesem verdammten Ratskram helfen!« sagte sie und fühlte sich traurig, als alle ihre Technophantasien dahinschwanden.
»Oh, das werde ich.«
»Und dann — gut. Wir werden sehen.«
»Wir werden sehen«, sagte er und lächelte.
Da war sie nun also, stecken geblieben auf Pavonis Mons. Die neue Regierung trat’ dort zusammen. Sie zog aus dem Lagerhaus in das eigentliche Sheffield und besetzte die klotzigen Gebäude mit Fassaden aus poliertem Stein, welche die Metanats aufgegeben hatten. Natürlich wurde darüber diskutiert, ob diese für diese Bauten und den Rest ihrer Infrastruktur entschädigt werden müßten, oder ob alles ›globalisiert‹ oder durch Unabhängigkeit und die neue Ordnung ›kooptiert‹ wäre. »Man sollte sie entschädigen«, knurrte Nadia mürrisch Charlotte an. Aber es schien nicht so, als ob die Präsidentschaft des Mars eine Institution wäre, der die Leute aufs Wort gehorchen würden.
Auf jeden Fall zog die Regierung ein, und Sheffield wurde, wenn nicht die Hauptstadt, so doch mindestens der zeitweitige Sitz der globalen Regierung. Da Burroughs überschwemmt und Sabishii verbrannt waren, gab es keinen anderen Ort, der dafür in Frage gekommen wäre; und Nadia hatte auch nicht den Eindruck, daß irgendeine andere Kuppelstadt scharf darauf gewesen wäre. Der Bau einer neuen Hauptstadt war im Gespräch. Aber das brauche Zeit, und inzwischen mußten sie irgendwo zusammenkommen. Also zogen sie sich rund um die Piste nach Sheffield zurück, unter der Kuppel und seinem dunklen Himmel. Im Schatten des Aufzugskabels, das wie ein Riß in der Realität aus seiner westlichen Nachbarschaft schwarz und steil in die Höhe führte.
Nadia fand ein Apartment im westlichsten Bereich der Kuppel, hinter dem Randpark im fünften Stockwerk, wo sie einen schönen Blick in die ehrfurchtgebietende Caldera von Pavonis hatte. Art nahm ein Apartment im Erdgeschoß des gleichen Gebäudes nach hinten hinaus. Offenbar machte ihn die Caldera schwindlig. Aber da war er nun; nahe beim Praxisbüro, das sich in einem nahen Dienstgebäude befand, einem Kubus aus poliertem Jaspis, groß wie ein Häuserblock und von chromblauen Fenstern eingesäumt.