Zur Bewältigung dieser Aufgabe kam der Exekutivrat jeden Tag für lange Stunden zusammen, um Programme der Legislative und andere Regierungsfragen zu diskutieren. Das war so zeitraubend, daß Nadia fast die Konferenz vergaß, die sie zeitgleich in Sabishii veranlaßt hatte. An guten Abenden verbrachte sie eine oder zwei letzte Stunden mit Freunden aus Sabishii am Bildschirm, und es sah so aus, als ob die Dinge auch dort gut vorangingen. Viele Umweltforscher des Mars waren anwesend und weitgehend einig, daß massiv zunehmende Treibhausgas-Emissionen die Folgen des Spiegelverlustes mindern würden. Natürlich war CO2 das am leichtesten zu emittierende Gas; aber auch ohne seinen Einsatz — sie versuchten noch, seinen Anteil in der Atmosphäre auf ein atembares Niveau zu drücken — war man sich einig, daß die komplexeren und stärkeren Gase in den benötigten Mengen erzeugt und in die Atmosphäre entlassen werden konnten. Und zunächst dachte man, daß dies politisch kein Problem sein würde. Die Verfassung legalisierte eine Atmosphäre nicht dichter als 350 Millibar auf der Sechskilometerlinie, sagte aber nichts darüber aus, welche Gase benutzt werden durften, um diesen Druck zu erzeugen. Wenn die Halogenkohlenwasserstoffe und andere Treibhausgase herausgepumpt würden, bis sie 100 Teile pro Million der Atmosphäre bildeten anstelle der dort oben derzeitig vorhandenen 27 p.p.M., dann würde nach ihren Berechnungen die Wärmerückhaltung um einige Kelvin steigen, und eine Eiszeit wäre verhindert oder würde zumindest stark verkürzt werden. Also forderte der Plan die tonnenweise Produktion und Freigabe von Karbontetrafluorid, Hexafluoräthan, Schwefelhexafluorid, Methan, Stickoxid und Spuren anderer Chemikalien, die dazu beitragen würden, das Tempo zu senken, in dem UV-Strahlung diese Halokarbone zerstörte.
Die völlige Aufschmelzung des Nordmeeres war die andere naheliegende Milderungsstrategie, die bei der Konferenz am häufigsten erwähnt worden war. Bis alles flüssig war, würde die Albedo des Eises eine Menge Energie in den Weltraum zurückwerfen, und ein wirklich munterer Wasserkreislauf wäre gekappt. Falls sie einen flüssigen Ozean, oder in Anbetracht der hohen nördlichen Lage einen nur im Sommer aufgetauten Ozean bekommen könnten, wäre das Thema Eiszeit erledigt und das Terraformen im wesentlichen abgeschlossen. Sie würden robuste Strömungen, Wellen, Verdunstung, Wolken, Niederschläge, Schmelzprozesse, Ströme, Flüsse und Deltas haben — den vollen hydrologischen Zyklus. Das war ein primäres Ziel; und so wurden vielfältige Methoden vorgeschlagen, um das Schmelzen des Eises zu beschleunigen: Abwärme von Kernkraftwerken in den Ozean leiten, Schwarzalgen auf dem Eis verteilen, Mikrowellen- und Ultraschallsender als Erhitzer aufstellen und sogar große Eisbrecher durch die flache Eisschicht fahren zu lassen, um das Aufbrechen der Kruste zu beschleunigen.
Natürlich könnte man die vermehrten Treibhausgase auch hier benutzen. Das Oberflächeneis des Ozeans würde schließlich von selbst schmelzen, sobald die Luft regelmäßig über 273 K hatte. Aber im weiteren Verlauf der Konferenz wurde immer deutlicher, daß der Treibhausplan erhebliche Schwächen aufwies. Er brachte eine weitere enorme industrielle Anstrengung mit sich, fast den monströsen Projekten der Metanats wie den Stickstofftransporten von Titan oder auch der Soletta gleichzusetzen. Und es war keine einmalige Angelegenheit. Die Gase würden durch UV-Strahlung in der oberen Atmosphäre ständig zerstört werden, so daß man eine Überproduktion leisten müßte, um das angestrebte Niveau zu erreichen, und dann ständig weiterproduzieren, so lange man die Gase da oben haben wollte. Somit waren die bergmännische Gewinnung der Rohstoffe und der Bau von Fabriken, um diese Materialien in die gewünschten Gase zu verwandeln, enorme Vorhaben und notwendigerweise eine weithin robotische Bemühung mit selbstgesteuerten und sich selbst reproduzierenden Bergbaumaschinen, mit sich selbst erbauenden und steuernden Fabriken und unbemannten Fluggeräten in der Hochatmosphäre für die Entnahme von Proben — ein enormes maschinelles Projekt.
Die technische Herausforderung war dabei nicht das Problem. Wie Nadia ihren Freunden auf der Konferenz erklärt hatte, war die Technik des Mars von Anfang an in hohem Maße robotisch gewesen. In diesem Falle würden kleine robotische Wagen zu Tausenden über den Mars wandern und gute Kohlelager, Schwefel oder Fluorit suchen. Sie würden von einer Quelle zur andern wandern, wie die alten arabischen Bergarbeiterkarawanen auf der Großen Böschung. Wenn dann neue Vorkommen in hoher Konzentration gefunden wären, würden die Roboter sich niederlassen und — sofern Teile nicht vor Ort produziert werden konnten —, und aus Ton, Eisen, Magnesium und Spurenmetallen kleine Fabriken für die Verarbeitung errichten und die benötigten Maschinen montieren. Ganze Heere automatischer Grabmaschinen und Flotten von Lieferwagen würden hergestellt werden, um das bearbeitete Material in zentrale Fabriken zu liefern, wo es vergast und von großen mobilen Kaminen freigesetzt werden würde. Diese Methode unterschied sich nicht von der früheren bergmännischen Gewinnung atmosphärischer Gase. Nur ein größerer Maßstab.
Die bekannten Rohstofflager waren schon ausgebeutet worden, wie die Leute jetzt erklärten. Und Tagebau konnte nicht in der üblichen Weise betrieben werden. Jetzt entstanden fast überall Fabriken, und an vielen Stellen entwickelte sich infolge der Hydratation eine Art Pflasterung der Wüste, Bakterieneinfluß und chemische Reaktionen in den Tonen. Die so entstandene Kruste war sehr hilfreich bei der Verhinderung von Staubstürmen, die immer noch ein ständig drohendes Problem darstellten. Deshalb war es nicht mehr — weder ökologisch noch politisch — akzeptabel, den Boden aufzureißen, um an darunter liegende Ressourcen nutzbarer Mineralien heranzukommen. Rote Mitglieder der Regierung forderten ein Verbot gerade dieser Art robotischen Tagebaus, und das aus guten Gründen, selbst seitens der Terraformer.
Es war hart, dachte Nadia, wenn sie spät in der Nacht ihren Schirm ausschaltete, mit all den untereinander konkurrierenden Aspekten ihrer Aktionen konfrontiert zu werden. Die die Umwelt berührenden Anliegen waren so eng miteinander verflochten, daß es schwer war, sie auszudünnen und dann zu entscheiden, was getan werden mußte. Und es war auch hart, sich an die eigenen Regeln zu halten. Einzelne Organisationen konnten nicht mehr nur auf sich bezogen handeln, weil so viele ihrer Aktionen globale Verzweigungen hatten. Daher die Notwendigkeit von zahllosen Umweltvorschriften und des globalen Gerichtshofs für Umweltfragen, der schon eine außer Kontrolle geratende Fülle von Fällen zu bearbeiten hatte. Schließlich würde er auch über alle Pläne zu entscheiden haben, auf die man sich in dieser Konferenz einigen würde. Die Tage uneingeschränkten Terraformens waren dahin.
Was Nadia betraf, so war sie als Mitglied des Exekutivrats darauf beschränkt mitzuteilen, daß sie einen vermehrten Treibhausgasausstoß für eine gute Idee hielt. Im übrigen mußte sie sich heraushalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, den Zuständigkeitsbereich des Umwelthofes zu verletzen, den Irishka sehr energisch verteidigte. Dadurch verbrachte Nadia mehr Zeit mit Bildschirmbesuchen bei einer Gruppe, die neue Robotmineure konstruierte, die die Oberfläche nur minimal schädigen würden, oder im Gespräch mit einem Team, das an Staubfixativen arbeitete, die auf die Oberfläche gesprüht werden oder dort wachsen sollten. Sie nannten sie ›dünne, schnelle Bepflasterungen‹. Die erwiesen sich indes als ein haariges Problem.
Soweit ging die Teilnahme Nadias an der Konferenz von Sabishii, die sie selbst initiiert hatte. Und da alle ihre technischen Probleme ohnehin mit politischen Erwägungen verknüpft waren, hätte man sagen können, daß sie noch nicht einmal etwas versäumt hätte, hätte sie nicht teilgenommen. Dort war kein bißchen reale Arbeit geleistet worden, weder von ihr, noch von einem anderen. Inzwischen war in Sheffield der Rat mit jeder Menge eigener Probleme konfrontiert. Unvorhergesehene Schwierigkeiten bei der Einführung der Sozio-Ökonomie; Klagen, daß die Kommission ihre Zuständigkeit überschreite; Klagen über die neue Polizei und das Kriminaljustizwesen; regelwidriges und stures Verhalten in beiden Häusern der Legislatur; Rote und andere Gruppen des Widerstandes im Hinterland und so weiter. Die Themen waren endlos und reichten über die ganze Skala vom höchst Wichtigen bis zum unglaublich Geringfügigen, bis Nadia jeden Sinn dafür verlor, wo auf diesem Kontinuum jedes individuelle Problem lag.