Zum Beispiel verbrachte sie einen guten Teil ihrer Zeit mit den inneren Kämpfen des Rates, die sie trivial fand, aber nicht vermeiden konnte. Bei den meisten dieser Streitigkeiten spielten Jackies Bemühungen, eine Mehrheit zusammenzubringen, die jedesmal mit ihr stimmen würde, eine Rolle, so daß Jackie den Rat als Freibrief für die Linie der Partei Freier Mars oder mit anderen Worten für sich selbst benutzen könnte. Das bedeutete für Nadia, den Rest der Ratsmitglieder besser kennenzulernen und sich ein Bild zu machen, wie man mit ihnen zusammenarbeiten konnte. Zeyk war ein alter Bekannter, Nadia mochte ihn, und er war eine Macht unter den Arabern und ihr derzeitiger Repräsentant für die allgemeine Kultur, nachdem er Antar in dieser Position geschlagen hatte. Großartig, smart, freundlich stimmte er mit Nadia in vielen Punkten überein, einschließlich der wesentlichen; das erleichterte ihre Beziehung und führte sogar zu einer wachsenden Freundschaft. Ariadne war eine der Göttinnen der Matriarchie von Dorsa Brevia und spielte haargenau ihre Rolle: herrisch und starr in ihren Prinzipien, war sie eine Ideologin, was sie wahrscheinlich allein daran hinderte, eine ernste Herausforderung für Jackies Prominenz unter den Eingeborenen zu sein. Marion war die Rote im Rat, auch eine Ideologin, aber nach ihren frühen radikalen Tagen sehr verändert; obwohl sie bei langatmigen Diskussionen immer noch eine schwer zu schlagende Gegnerin war. Peter, Anns kleiner Junge, hatte sich zu einer Macht in verschiedenen Teilen der Gesellschaft des Mars entwickelt, einschließlich der Weltraumcrew in Da Vinci, des grünen Untergrundes, der Kabel-Leute und — in gewissem Maße wegen Ann — der gemäßigteren Roten. Diese Wendigkeit war ein Teil seines Wesens, und Nadia hatte Mühe, ihn einzuordnen. Er war, wie seine Eltern, zurückgezogen und schien Nadia und den Rest der Ersten Hundert nicht besonders zu mögen. Er wollte Distanz zu ihnen haben, er war durch und durch Nisei. Mikhail Yangel war einer der ersten Issei, die den Ersten Hundert zum Mars gefolgt waren und hatte von Anfang an mit Arkadij zusammengearbeitet. Er hatte geholfen, die Revolution von 2061 auf den Weg zu bringen. Nadia hatte den Verdacht, daß er damals zu den extremen Roten gehört hatte, weswegen sie ihm immer noch manchmal grollte, was einfach töricht war und ihre Fähigkeit, mit ihm zu reden, behinderte. Aber so war es nun einmal, trotz der Tatsache, daß auch er sich sehr geändert hatte, ein Bogdanovist, der zu Kompromissen neigte. Seine Präsenz im Rat war für Nadia eine Überraschung, man könnte sagen, eine Geste gegenüber Arkadij, die sie beeindruckte.
Und dann war da noch Jackie, möglicherweise die beliebteste und mächtigste Politikerin auf dem Mars. Zumindest, bis Nirgal zurückkam.
So war es nun. Und Nadia hatte jeden Tag mit diesen sechs zu tun und lernte ihre Wege kennen, wenn sie Punkt für Punkt ihre Tagesordnungen durchgingen. Vom Wichtigen zum Trivialen, vom Abstrakten zum Persönlichen — alles erschien Nadia wie der Teil eines Gewebes, wo alles mit allem zusammenhing. Der Rat war keine Teilzeitbeschäftigung, sondern fraß jeden wachen Tag völlig auf. Er verzehrte ihr Leben. Und dabei hatte sie an diesem Punkt erst zwei Monate einer Dienstzeit von drei m-Jahren hinter sich.
Art sah, daß es ihr zusetzte; und er tat, was er konnte, um ihr zu helfen. Er kam jeden Morgen mit Frühstück in ihr Apartment wie ein Roomservice. Oft hatte er es selbst gekocht, und es war immer gut. Wenn er mit hoch erhobenem Servierteller hereinkam, rief er auf ihrem Computer Jazz auf als Hintergrund für ihren gemeinsamen Morgen. Nicht gerade Nadias geliebten Louis, obwohl er ausgefallene Aufzeichnungen von Satch aussuchte, um sie zu erfreuen, Dinge wie ›Give Peace a Chance‹ oder ›Stardust Memories‹, aber auch spätere Stile des Jazz, die sie früher nie gemocht hatte, weil sie so frenetisch waren. Aber das schien im Tempo dieser Tage zu liegen. Was auch immer der Grund war, Charlie Parker zuckte und sauste jetzt höchst eindrucksvoll umher, wie sie fand; und Charles Mingus ließ seine Big Band erklingen wie die von Duke Ellington unter Pandorph, was genau das war, was Ellington und alle die anderen vom Swing brauchten. Nach Nadias Ansicht eine sehr witzige und liebliche Musik. Und als Bestes von allen ließ Art häufig Clifford Brown erklingen, eine Entdeckung, die Art bei seinen Nachforschungen für sie gemacht hatte und auf die er sehr stolz war und ihr gegenüber ständig als logischen Nachfolger von Armstrong empfahl — ein vibrierender Trompetenton, der fröhlich, positiv und melodiös klang wie Satch und auch brillant und schwierig wie Parker, einfach heiter. Das war der perfekte Soundtrack für diese wilden Zeiten, anregend und intensiv, und so positiv wie möglich.
So brachte Art das Frühstück herein und sang ›A11 of Me‹, recht gut bei Stimme, und mit Satchmos Grunderkenntnis, daß amerikanische Liederlyrik nur als verrückter Spaß behandelt werden sollte: »All of me, why not take all of me, Can’t you see, I’m no good without you.« Mit Musik im Raum und dem Rücken zum Fenster machten die Morgen Spaß.
Aber ganz gleich, wie gut die Tage anfingen, der Rat verzehrte ihr Leben. Nadia hatte ihr Kontingent an Geduld fast aufgebraucht und wurde zusehends unruhiger. Das Zanken, Verhandeln, Kompromisse eingehen, Versöhnen — der Umgang mit Menschen, Minute um Minute. Sie haßte das mehr und mehr.
Art erkannte das und begann, sich zu sorgen. Schließlich, eines Tages nach der Arbeit, holte er Ursula und Vlad herbei. Die vier aßen in Nadias Apartment zusammen. Art kochte. Nadia genoß die Gesellschaft ihrer alten Freunde. Sie waren geschäftlich in der Stadt; aber sie zum Dinner her zu bringen, war Arts Idee gewesen, und die war gut. Er war ein gefälliger, freundlicher Mann, wie Nadia dachte, als sie ihn in der Küche wirtschaften sah. Geschickter Diplomat als harmloser Trottel — oder umgekehrt. Wie ein liebenswürdiger Frank. Oder eine Mischung aus Franks Geschicklichkeit und Arkadij s Fröhlichkeit. Sie lachte über sich selbst, weil sie immer in Begriffen der Ersten Hundert dachte, als ob ein jeder irgendwie eine Rekombination der Eigenschaften jener ursprünglichen Familie wäre. Das war eine schlechte Gewohnheit von ihr.
Vlad und Art sprachen über Ann. Sax hatte offenbar Vlad aus der Rakete bei der Rückkehr zum Mars angerufen, erschüttert durch seine Unterhaltung mit Ann. Er fragte sich, ob Vlad und Ursula in Betracht ziehen würden, Ann die gleiche plastische Behandlung angedeihen zu lassen, der sie ihn nach seinem Schlaganfall unterzogen hatten.
»Ann würde das nie machen«, sagte Ursula.
»Ich bin froh darüber«, erklärte Vlad. »Das wäre zuviel. Ihr Gehirn wurde nicht geschädigt. Wir wissen nicht, was diese Behandlung in einem gesunden Gehirn anrichten könnte. Und man sollte, solange man nicht verzweifelt ist nur das unternehmen, was man versteht.«
»Vielleicht ist Ann verzweifelt«, gab Nadia zu bedenken.
»Nein. Sax ist verzweifelt.« Vlad lächelte kurz. »Er möchte eine andere Ann haben, und zwar bevor er zurückkommt.«
»Du wolltest auch nicht, daß Sax diese Behandlung bekam«, warf Ursula ein.
»Das stimmt. Ich hätte es mir selbst nicht angetan. Aber Sax ist ein kühner Mann. Ein impulsiver Mann.« Vlad wandte sich Nadia zu. »Wir sollten bei Dingen bleiben wie deinem Finger. So etwas können wir jetzt reparieren.«
»Was stimmt damit nicht?« fragte Nadia überrascht.
Sie lachten. Ursula sagte: »Dir fehlt doch einer. Wir könnten ihn wieder wachsen lassen, wenn du willst.«