»Ka«, rief Nadia. Sie lehnte sich zurück und blickte auf ihre linke Hand, den Stumpf des fehlenden kleinen Fingers. »Nun, ich brauche ihn wirklich nicht.«
Sie lachten wieder. »Du hättest uns zum Narren halten können«, sagte Ursula. »Du hast dich immer beim Arbeiten darüber beklagt.«
»Wirklich?«
Sie nickten alle.
»Ich werde dir beim Schwimmen helfen«, schlug Ursula vor.
»Ich schwimme nicht mehr viel.«
»Vielleicht hast du wegen deiner Hand aufgehört.«
Nadia betrachtete ihre verstümmelte Hand. »Ka. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Seid ihr sicher, daß es funktionieren wird?«
»Er könnte sich zu einer ganzen weiteren Hand auswachsen«, meinte Art. »Dann zu einer weiteren Nadia. Du würdest zu einem siamesischen Zwillingspaar werden.«
Nadia stieß ihn von der Seite in seinen Sessel. Ursula schüttelte den Kopf. »O nein. Wir haben das schon für andere Amputierte gemacht und eine Menge Versuchstiere. Hände, Arme, Beine. Wir haben das von den Fröschen gelernt. Wirklich ganz prima.
Die Zellen entwickeln sich genau so wie beim ersten Mal, als der Finger wuchs.«
»Eine sehr wörtliche Interpretation von Epigenese«, sagte Vlad lächelnd. Nadia erkannte an diesem Lächeln, daß er an der Entwicklung dieses Verfahrens maßgeblich beteiligt gewesen war.
»Es funktioniert?« fragte Nadia ihn direkt.
»Allerdings. Wir lassen das, was praktisch ein neuer Finger ist, über deinem Stumpf knospen. Es ist eine Kombination embryonischer Stammzellen mit einigen Zellen von der Basis deines andern kleinen Fingers. Diese Kombination wirkt wie das Äquivalent der entsprechenden Gene, als du ein Fötus warst. Damit besitzt du die bestimmenden Elemente der Entwicklung, um die neuen Stammzellen sich richtig bilden zu lassen. Dann injiziert man zu gegebener Zeit mit Ultraschall eine schwache Dosis von fibroblastischem Wachstumsfaktor plus ein paar Zellen vom Knöchel und Fingernagel... und das klappt.«
Während er das erklärte, merkte Nadia, daß in ihr ein gewisser Schimmer von Interesse aufleuchtete. Wieder unversehrt zu sein. Art beobachtete sie mit seiner freundlichen Neugier.
»Na schön, sicher!« sagte sie schließlich. »Warum nicht?«
Also machten sie in der folgenden Woche einige Biopsien von ihrem verbliebenen kleinen Finger und gaben ihr einige Ultraschall-Injektionen in den Stumpf des fehlenden Fingers und in den Arm, sowie ein paar Pillen. Das war es dann. Danach war es nur noch eine Sache von ein paar Injektionen wöchentlich. Und dann Abwarten.
Sie vergaß es später wieder, weil Charlotte wegen eines Problems anrief. Cairo hat eine Anordnung des Exekutivrates hinsichtlich des Wasserpumpens ignoriert. »Du solltest lieber persönlich nachsehen. Ich denke, die Cairoleute stellen den Gerichtshof für eine Clique des Freien Mars, die die globale Regierung herausfordern will, auf die Probe.«
»Jackie?« fragte Nadia.
»Das nehme ich an.«
Cairo lag am Rand eines Plateaus mit Blick auf das nordwestliche U-förmige Tal von Noctis Labyrinthus. Nadia ging mit Art vom Bahnhof zu einer von hohen Palmen gesäumten Plaza. Sie betrachtete die Szene. Einige der schlimmsten Momente ihres Lebens hatten sich in dieser Stadt zugetragen, als sie 2061 angegriffen worden war. Sasha und viele andere waren umgekommen, und Nadia selbst hatte Phobos explodieren lassen, nur ein paar Tage, nachdem Arkadijs verbrannte Überreste gefunden worden waren. Sie war nie zurückgekehrt. Sie haßte diese Stadt.
Jetzt sah sie, daß sie bei den neuen Unruhen wieder Schaden genommen hatte. Teile der Kuppel waren in die Luft geflogen, und die physikalische Fabrik war schwer beschädigt. Man hatte sie wieder aufgebaut, und neue Kuppelsegmente waren auf der alten Stadt, die sich längs des Plateaurandes weit nach Osten und Westen hinzog, befestigt worden. Sie sah aus wie eine rasch aufblühende Stadt, was Nadia angesichts ihrer Höhenlage zehn Kilometer über dem Bezugsniveau wunderte. Sie würden hier oben nie die Kuppeln entfernen oder ohne Schutzkleidung hinausgehen können. Darum hatte Nadia angenommen, daß sie verfallen würde. Aber sie lag am Schnittpunkt der Pisten von Äquator und der nordsüdlich verlaufenden von Tharsis und war die letzte Stelle, an der man zwischen hier und den Chaosen, die einen Viertelumfang des Planeten entfernt lagen, den Äquator überqueren konnte. Wenn nicht irgendwo einmal eine Transmarinerisbrücke gebaut werden würde, läge Cairo immer an einer strategischen Kreuzung.
Und Kreuzung oder nicht, sie wollten mehr Wasser. Das Reservoir von Compton, das unter dem niedrigeren Noctis und den höheren Marineris lag, war ’61 zerstört worden, und sein Wasser war die ganze Länge der Marineris-Canyons hinab geströmt. Das war die Flut gewesen, in der Nadia und ihre Gefährten während der Flucht die Canyons hinunter fast umgekommen wären, nachdem Cairo erobert worden war. Der Großteil des Wassers war später entweder in den Canyons gefroren und hatte einen langen unregelmäßigen Gletscher gebildet, oder sich am Boden von Marineris gesammelt und war dort in den Chaosen erstarrt. Und etwas Wasser war natürlich in dem Reservoir geblieben. In den Jahren danach hatte man dieses Wasser herausgepumpt, um es in den Städten von Ost-Tharsis zu nutzen. Und der Marineris-Gletscher war langsam den Canyon abwärts geflossen und an seinem oberen Ende, wo es keine Quelle gab, um ihn aufzufüllen, zusammengeschrumpft. Er hatte nur verwüstetes Land und eine Reihe sehr seichter EisSeen hinterlassen. Cairo begann es daher an verfügbarem Wasser zu mangeln. Das hydrologische Amt hatte daher mit der Verlegung einer Rohrleitung zu dem großen südlichen Arm des Nordmeeres in der Chryse-Senke reagiert und das Wasser nach Cairo hochgepumpt. Soweit kein Problem. Jede Kuppel bekam irgendwoher ihr Wasser. Aber die Cairener leiteten nun Wasser in ein unter ihnen gelegenes Reservoir im Noctis-Canyon und ließen einen Strom daraus nach Ius Chasma fließen, wo es sich hinter dem oberen Ende des Marineris-Gletschers sammelte oder daran vorbeifloß. Sie hatten praktisch einen neuen Fluß geschaffen, der das große Canyonsystem hinunterfloß, weit von ihrer Stadt entfernt. Und jetzt waren sie dabei, eine Anzahl von Siedlungen am Fluß und Ackerbaukommunen flußabwärts der Stadt zu etablieren. Eine legale Gruppe der Roten war an den Globalen Umweltgerichtshof herangetreten, um gegen diese Aktion zu protestieren mit der Begründung, daß Valles Marineris als Naturwunder geschützt werden müsse, da es der größte Canyon im Sonnensystem sei. Wenn man ihn in Ruhe ließe, würde der Gletscher des Ausbruchs schließlich in das Chaos gleiten und die Canyons wieder mit freiem Boden zurücklassen. Das würde nach ihrer Ansicht geschehen; und der Allgemeine Umweltrat hatte ihnen zugestimmt und eine Anweisung gegen Cairo erlassen mit der Forderung, die Entnahme von Wasser aus dem Reservoir der Stadt unverzüglich einzustellen. Cairo hatte das abgelehnt und behauptete, daß die globale Regierung keine Jurisdiktion hätte über das, was sie lebenswichtige Lebenserhaltungs-Angelegenheiten‹ nannten. Inzwischen bauten sie stromabwärts neue Siedlungen, so schnell sie konnten.
Das war eine offene Provokation, eihe Herausforderung für das neue System. »Das ist ein Test«, knurrte Art, als sie über die Plaza gingen. »Das ist nur ein Test. Wäre es eine echte Verfassungskrise, würde man auf dem ganzen Planeten großes Geschrei hören.«
Ein Test. Etwas, dem gegenüber Nadia jede Geduld verloren hatte. So ging sie in übler Stimmung durch die Stadt. Ohne Zweifel half es nicht, daß die schrecklichen Tage von ’61 so lebhaft in Erinnerung gerufen wurden durch die Plaza, die Boulevards und die Stadtmauer am Rande des Canyons — genau so, wie sie damals gewesen waren. Man sagte, daß das Gedächtnis eines Menschen von seinen mittleren Jahren an nachließe; aber diese Erinnerungen hätte sie, wenn möglich, gern verloren. Doch Angst und Wut schienen jedoch immer noch als eine Art von Alptraumfixativ zu wirken. Denn es war alles noch da. Frank tastete wild auf seinen Monitoren, Sasha aß Pizza, Maya schimpfte laut über dieses oder jenes in den gefahrvollen Stunden, als man darauf wartete zu sehen, ob sie von den herunterfallenden Stücken von Phobos verschont bleiben würden. Sie sah Sashas leblosen Körper, aus den Ohren blutend. Sie hantierte an dem Sender, der Phobos heruntergeholt hatte.