Darum war es für sie sehr schwierig, ihren Ärger im Zaum zu halten, als sie zu der ersten Zusammenkunft mit den Cairenern ging und dort Jackie antraf, die deren Position unterstützte. Jackie war auch schon seit einiger Zeit schwanger und sah blühend, glänzend und schön aus. Niemand wußte, wer der Vater war. Das war ihre ganz eigene Angelegenheit. Eine Tradition, die Hiroko in Dorsa Brevia etabliert hatte und für Nadia noch ein weiterer Punkt, der sie irritierte.
Das Treffen fand in einem Gebäude bei der Stadtmauer statt, das den U-förmigen Canyon Nilus Noctis überblickte. Das Wasser, um das es ging, konnte man unten im Canyon deutlich sehen, ein breites, von Eis überzogenes Reservoir, das kurz vor den Illyrischen Toren und dem neuen Chaos der Compton-Bresche von einem Damm festgehalten wurde, der von hier oben nicht sichtbar war.
Charlotte stand mit dem Rücken zum Fenster und stellte den Beamten von Cairo genau die Fragen, die Nadia gestellt hätte, aber ohne die geringste Spur von Nadias Mißmut. »Ihr werdet immer in einer Kuppel leben. Die Wachstumsmöglichkeiten sind beschränkt. Warum Marineris fluten, wenn ihr davon keinen Nutzen haben werdet?«
Niemand schien Lust zu haben, darauf zu antworten. Schließlich sagte Jackie: »Die unten lebenden Leute werden davon profitieren, und sie sind ein Teil von Groß-Cairo. Wasser in jeder Form ist in diesen Höhen eine Ressource.«
»Wasser, das Marineris frei hinunterfließt, ist überhaupt keine Ressource«, entgegnete Charlotte.
Die Cairener argumentierten für die Nützlichkeit von Wasser in Marineris. Es gab auch Vertreter der Siedler flußabwärts, viele davon Ägypter, die behaupteten, seit Generationen in Marineris zu sein und daß es ihr Recht sei, dort zu leben, daß es das beste Farmland auf dem Mars sei und daß sie kämpfen würden, ehe sie es aufgäben und so weiter. Manchmal schienen die Cairener und Jackie diese Nachbarn zu verteidigen; ein anderes Mal pochten sie auf ihr eigenes Recht, Marineris als Reservoir zu nutzen. Meistens schienen sie ihr Recht zu verteidigen, alles zu tun, was sie wollten. Nadia wurde allmählich immer ärgerlicher.
»Das Gericht hat geurteilt«, sagte sie. »Wir sind nicht hier, um darüber noch mal zu diskutieren. Wir sind hier, um darauf zu achten, daß es ausgeführt wird.« Und sie verließ die Versammlung, ehe sie etwas gesagt hätte, das sie dann nicht mehr zurücknehmen konnte.
An diesem Abend saß sie mit Charlotte und Art beisammen, so gereizt, daß sie sich nicht auf ein delikates äthiopisches Essen im Bahnhofsrestaurant konzentrieren konnte. »Was wollen die?« fragte sie Charlotte.
Charlotte zuckte mit vollem Munde die Achseln. Und nachdem sie geschluckt hatte: »Hast du gemerkt, daß es keine besonders tolle Machtposition ist, Präsidentin des Mars zu sein?«
»Verdammt, ja. Das war schwer zu übersehen.«
»Ja. Nun, mit dem Exekutivrat ist es dasselbe. Es scheint, daß die wahre Macht in dieser Regierung beim Umweltgericht liegt. Irishka wurde dort der Vorsitz gegeben als Teil der großartigen Geste; und sie hat viel getan, um gemäßigtes Rot durch Abstecken einer starken Mitte zu legitimieren. Das erlaubt viel Entwicklung unterhalb der Sechskilometergrenze; aber oberhalb davon sind sie sehr streng. Das wird alles durch die Verfassung gestützt. Darum konnten sie alles aufstellen. Die Legislative zieht sich zurück, sie hat noch keine Urteile umgestoßen. Darum ist das für Irishka und jene ganze Gruppe von Richtern eine eindrucksvolle erste Sitzung gewesen.«
»Also ist Jackie eifersüchtig«, sagte Nadia.
Charlotte zuckte die Achseln. »Das ist möglich.«
»Mehr als das«, sagte Nadia grimmig.
»Und dann ist da die Sache mit dem Rat selbst. Jackie denkt vielleicht, daß sie drei der anderen für sich zur Unterstützung gewinnen kann; und dann gehört der Rat noch mehr ihr. Cairo ist eine Arena, wo sie hoffen kann, daß Zeyk wegen des arabischen Teils der Stadt mit ihr stimmen wird. Dann fehlen nur noch zwei. Und sowohl Mikhail als auch Ariadne sind strenge Lokalisten.«
»Aber der Rat kann keine Entscheidungen des Gerichthofs umstoßen«, sagte Nadia. »Nur die Legislative, nicht wahr? Durch den Erlaß neuer Gesetze.«
»Stimmt, aber wenn Cairo sich weiterhin dem Gericht widersetzt, würde es Sache des Rates sein, die Polizei dorthin zu beordern und ihnen physisch Einhalt zu gebieten. Das erwartet man seitens der Exekutive. Falls der Rat das nicht tut, würde er untergraben, und Jackie würde effektive Kontrolle über ihn bekommen. Zwei Fliegen mit einem Schlag.«
Nadia warf ihr Stück schwammigen Brotes hin und preßte heraus: »Wenn das geschieht, dann soll mich der Teufel holen.«
Sie saßen schweigend da.
»Mir ist dies Zeug zuwider«, sagte Nadia.
»In ein paar Jahren haben wir einen Corpus von Praktiken, Institutionen, Gesetzen und Ergänzungen zur Verfassung, all so etwas«, sagte Charlotte. »Dinge, die die Verfassung nie aufgegriffen hat, und sie werden funktionieren. Wie es die Rolle politischer Parteien ist. Gerade jetzt sind wir im Begriff, all diese Dinge auszuarbeiten.«
»Vielleicht ja, aber es ist mir trotzdem verhaßt.«
»Stell es dir als eine Meta-Architektur vor! Das Bauen der Kultur, die der Architektur ihre Existenz ermöglicht! Dann wird es für dich weniger frustrierend sein.«
Nadia knurrte.
»Dies hier sollte ein klarer Fall sein«, sagte Charlotte. »Das Urteil ist gefällt; sie müssen es nur anerkennen.«
»Und was ist, wenn sie das nicht tun?«
»Dann ist es Zeit für die Polizei.«
»Bürgerkrieg, mit anderen Worten!«
»So weit werden sie es nicht kommen lassen. Sie haben die Verfassung unterzeichnet wie alle anderen, und wenn jeder andere sie anerkennt, werden sie zu Banditen wie die Roten Guerilleros. Ich denke nicht, daß sie es so weit treiben werden. Sie tasten nur die Grenzen ab.«
Das schien sie nicht zu kümmern. So waren die Leute nun einmal, schien ihre Miene zu sagen. Sie gab niemandem die Schuld und war nicht frustriert. Eine sehr ruhige Frau, diese Charlotte — entspannt, zuversichtlich und tüchtig. Mit ihr als Koordinatorin war die Arbeit des Exekutivrates bisher gut, wenn nicht sogar spielerisch organisiert worden. Wenn diese Kompetenz das war, was in einem Matriarchat wie Dorsa Brevia aufwuchs, dachte Nadia, dann sollte man ihm mehr Macht geben. Sie konnte nicht umhin, Charlotte mit Maya zu vergleichen mit all deren Stimmungsumschwüngen, ihrer Angst und Selbstdramatisierung. Nun, das war wohl in jeder Kultur eine Sache des Individuums. Aber es dürfte interessant sein, mehr Frauen von Dorsa Brevia bei sich zu haben, um diese Aufgaben in Angriff zu nehmen.
Bei dem Treffen am nächsten Morgen stand Nadia auf und sagte: »Eine Anordnung gegen Wasserdumping in Marineris ist bereits ergangen. Wenn ihr auf dem Dumping beharrt, werden die neuen Polizeikräfte der globalen Gemeinschaft eingesetzt werden. Ich nehme nicht an, daß irgendwer das wünscht.«
»Ich denke nicht, daß du für den Exekutivrat sprechen kannst«, erwiderte Jackie.
»O doch«, sagte Nadia knapp.
»Nein, das kannst du nicht!« sagte Jackie. »Du bist nur eine von sieben. Und dies ist nun mal keine Sache des Rates.«
»Das wird sich zeigen«, entgegnete Nadia.
Die Versammlung zog sich hin. Die Cairener trieben Obstruktion. Je mehr Nadia begriff, was sie taten, desto mehr brachte sie das auf. Ihre Führer spielten für den Freien Mars eine Rolle. Und selbst wenn diese Herausforderung versagte, könnte es auf anderen Gebieten zu Konzessionen an den Freien Mars kommen. Dadurch würde diese Partei mehr Macht gewonnen haben. Charlotte stimmte zu, daß dies ihr letztes Motiv sein könnte. Der darin liegende Zynismus widerte Nadia an; und sie fand es sehr schwer, Jackie höflich zu* begegnen, wenn diese mit ihrer leichten Heiterkeit zu ihr sprach, die schwangere Königin unter ihren Schranzen wie ein Schlachtschiff zwischen Ruderbooten. »Tante Nadia, es tut mir so leid, daß du glaubtest, dir für so etwas Zeit nehmen zu müssen... «