An diesem Abend sagte Nadia zu Charlotte: »Ich hätte gern eine Anordnung, wonach der Freie Mars überhaupt nichts bekommt.«
Charlotte lachte kurz. »Hast du mit Jackie gesprochen?«
»Ja. Warum ist sie so beliebt? Ich verstehe das nicht, aber sie ist es.«
»Sie ist zu vielen Leuten nett. Sie glaubt, zu allen Leuten nett zu sein.«
»Sie erinnert mich an Phyllis«, sagte Nadia. »Wieder die Ersten Hundert... Vielleicht auch nicht. Jedenfalls, gibt es nicht irgendeine Art von Strafe, die wir gegen frivole Prozesse und Herausforderungen verhängen können?«
»In manchen Fällen Gerichtskosten.«
»Sieh also zu, ob du ihnen die auferlegen kannst!«
»Erst wollen wir sehen, ob wir überhaupt gewinnen.«
Die Versammlungen gingen noch eine Woche lang weiter. Nadia überließ das Reden Charlotte und Art. Sie sah währenddessen aus dem Fenster hinunter in den Canyon und rieb sich den Stumpf ihres Fingers, der jetzt schon einen merklichen Buckel aufwies. Es war merkwürdig. Obwohl sie genau darauf achtete, konnte sie sich nicht entsinnen, wann der Buckel zu erscheinen begonnen hatte. Er war warm und rosig, ein zartes Rosa wie die Lippen eines Kindes. In der Mitte schien sich ein Knochen zu befinden. Sie scheute sich, ihn zu fest zu drücken. Sicher kniffen Hummer nicht in ihre nachwachsenden Gliedmaßen. Diese ganze Zellerzeugung war lästig wie ein Krebsgeschwür, nur kontrolliert und gezielt. Das Wunder der steuernden Fähigkeiten der DNS wurde darin manifestiert. Leben selbst, blühend in all seiner sich offenbarenden Komplexität. Und ein kleiner Finger war nichts, verglichen mit einem Auge oder einem Embryo. Es war schon seltsam.
Die politischen Versammlungen wurden immer schlimmer. Nadia verließ eine von ihnen und hatte nicht mitgekriegt, worum es überhaupt gegangen war, sicher, daß es sich um nichts Bedeutendes gehandelt hatte. Und sie machte einen langen Spaziergang hinaus zu einem Ausguck am westlichen Ende der Kuppelmauer. Sie rief Sax an. Die vier Reisenden näherten sich dem Mars nun immer mehr. Die Verzögerungen durch den Signallauf betrugen nur noch wenige Minuten. Nirgal schien wieder gesund zu sein. Er war guter Dinge. Michel sah tatsächlich erschöpfter aus als Nirgal. Es schien, als ob ihn der Besuch auf der Erde sehr mitgenommen hätte. Nadia hielt ihren Finger an den Schirm, um ihn aufzuheitern, und das wirkte.
»Ein kleiner Roter, oder?«
»Das nehme ich an.«
»Du scheinst nicht zu glauben, daß es funktionieren wird.«
»Nein. Wohl nicht.«
»Ich denke, wir leben in einer Übergangsperiode«, sagte Michel. »In unserem Alter können wir nicht recht glauben, daß wir noch am Leben sind; darum handeln wir, als ob es jede Minute enden würde.«
»Das könnte es auch.« Gedanken an Simon. Oder Tatiana Durowa. Oder Arkadij.
»Natürlich. Aber andererseits könnte es viele Dekaden und selbst Jahrhunderte weitergehen. Irgendwann müssen wir das einfach glauben.« Er klang, als wollte er sich selbst ebenso überzeugen wie sie. »Du wirst deine heile Hand ansehen und es dann glauben. Und das wird sehr interessant sein.«
Nadia wedelte mit dem rosigen Knopf, der seitlich an ihrer Hand saß. Noch kein Fingerabdruck in der frischen durchsichtigen Haut. Wenn er käme, würde es ohne Zweifel derselbe sein wie der auf dem anderen kleinen Finger. Sehr merkwürdig.
Art kam mit besorgter Miene von einem Treffen zurück. »Ich habe mich überall erkundigt und versucht, dahinter zu kommen, warum sie das tun. Ich habe einige Agenten von Praxis auf den Fall angesetzt; unten im Canyon, auf der Erde und auch innerhalb der Führerschaft des Freien Mars.«
Spione, dachte Nadia. Jetzt haben wir auch noch Spione.
»Es scheint, daß sie hinsichtlich der Immigration private Arrangements mit terranischen Regierungen treffen. Sie erbauen Siedlungen für Leute aus Ägypten und wahrscheinlich auch für Einwanderer aus China. Es wird wohl eine Gegenleistung erfolgen, aber wir wissen nicht, was sie da von diesen Ländern erhalten. Vielleicht Geld.«
Nadia knurrte.
In den nächsten paar Tagen kam sie per Bildschirm oder persönlich mit allen anderen Mitgliedern des Exekutivrates zusammen. Marion war natürlich dagegen, noch mehr Wasser nach Marineris hineinzupumpen. Darum brauchte Nadia nur noch zwei weitere Stimmen. Aber Mikhail, Ariadne und Peter waren gegen einen Polizeieinsatz, sofern das irgendwie vermieden werden könnte. Und Nadia vermutete, daß sie nicht viel weniger als Jackie über die relative Schwäche des Rates erfreut waren. Sie schienen bereit, Zugeständnisse zu machen, um eine unangenehme und gewaltsame Durchsetzung eines Gerichtsbeschlusses zu verhindern, hinter dem sie nicht bedingungslos standen.
Zeyk wollte deutlich gegen Jackie stimmen, fühlte sich aber durch die arabische Wählerschaft in Cairo behindert und die von der arabischen Gemeinschaft auf ihn gerichteten Augen. Die Kontrolle von Wasser und Land waren denen gleichermaßen wichtig. Aber die Beduinen waren Nomaden, und außerdem war Zeyk ein starker Verfechter der Verfassung. Nadia nahm an, er würde sie unterstützen. Damit mußte dann nur noch einer überredet werden.
Die Beziehung zu Mikhail hatte sich nie gebessert. Es war, als ob er der Erinnerung an Arkadij näher sein wollte als sie. Peter glaubte sie nicht zu verstehen.
Ariadne mochte sie nicht, aber auf eine Weise, die es leichter machte. Und Ariadne war auch nach Cairo gekommen. Also beschloß Nadia, sie zuerst zu bearbeiten.
Ariadne war der Verfassung ebenso ergeben wie die meisten von Dorsa Brevia. Aber sie waren auch Lokalisten, denen ohne Zweifel daran gelegen war, ihre eigene Regierung von der globalen weitgehend unabhängig zu halten. Und auch sie waren von jeder Wasserversorgungsstelle weit entfernt. Darum war Ariadne dazu übergegangen, Ausflüchte zu machen.
»Schau«, sagte Nadia zu ihr in einem kleinen Raum an der Plaza gegenüber den Stadtbüros, »du mußt Dorsia Brevia vergessen und an den Mars denken.«
»Das tue ich natürlich.«
Sie war ärgerlich, daß diese Zusammenkunft stattfand. Sie hätte Nadia lieber kurzerhand weggeschickt. Für sie spielte die Bedeutung des Falles keine Rolle. Es war bloß eine Frage der Priorität, daß man überhaupt keinen Issei angehört hatte. Für diese Leute ging es jetzt um Machtpolitik und Hierarchie. Sie hatten vergessen, worauf es hier wirklich ankam. Und in dieser verdammten Stadt. Nadia verlor die Geduld und brüllte beinahe: »Du denkst überhaupt nicht nach! Dies ist die erste Herausforderung für die Verfassung; und du siehst dich danach um, was für dich dabei herausspringen könnte! Das paßt mir nicht.« Sie drohte mit dem Finger vor Ariadnes überraschtem Gesicht. »Wenn du nicht dafür stimmst, die Entscheidung des Gerichtshofes durchzusetzen, dann wirst du beim nächsten Mal, wenn etwas bei einer Abstimmung des Rates ansteht, das du wirklich willst, Repressalien von mir erleben. Verstehst du?«
Ariadnes Augen waren wie Plakate — erst schockiert, dann ein Moment reiner Furcht und dann Wut.
»Ich habe nie gesagt, daß ich nicht für eine Durchsetzung stimmen würde!« erwiderte sie hitzig. »Warum diese wilde Szene?«
Nadia ging wieder zu einer normalen Argumentation über, wiewohl immer noch scharf und unerbittlich. Schließlich hob Ariadne die Hände: »Es ist das, was die meisten vom Rat in Dorsa Brevia machen wollen. Ich hatte ohnehin vor, dafür zu stimmen. Du brauchst dich deswegen nicht so aufzuführen!« Und sie lief aufgebracht aus dem Zimmer.
Nadia empfand zuerst eine Anwandlung von Triumph. Aber der Ausdruck von Angst in den Augen der jungen Frau hatte sie berührt, daß ihr im Magen leicht übel wurde. Sie erinnerte sich an Cojote in Pavonis, der gesagt hatte: »Macht korrumpiert.« Das war dieses üble Gefühl, dieser erste Schlag von genutzter — oder mißbrauchter — Macht.