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Viel später in dieser Nacht war ihr immer noch schlecht vor Widerwillen; und* sie erzählte Art fast weinend von dieser Konfrontation. »Das hört sich nicht gut an«, sagte er besorgt, »das klingt, als hättest du einen Fehler gemacht. Du wirst mit ihr noch zu tun bekommen. Wenn das der Fall ist, darfst du die Leute nicht vergraulen.«

»Ich weiß, ich weiß. Verflucht, das ist mir zuwider! Ich möchte abhauen und etwas Reales machen.«

Er nickte ernst und klopfte ihr auf die Schulter.

Vor dem nächsten Treffen ging Nadia zu Jackie hinüber und sagte ihr ganz ruhig, daß sie die nötigen Stimmen im Rat hätte, um die Polizei zum Damm zu schicken, damit eine weitere Freigabe von Wasser verhindert würde. Dann erinnerte sie in der Versammlung alle mit einer überraschenden Bemerkung daran, daß Nirgal sehr bald wieder unter ihnen sein würde, zusammen mit Maya, Sax und Michel. Worauf etliche Anwesende der Gruppe Freier Mars bedenklich dreinschauten, obwohl Jackie natürlich keine Reaktion zeigte. Während sie anschließend meckerten und diskutierten, rieb Nadia zerstreut ihren Finger, innerlich immer noch erregt ob ihrer Begegnung mit Ariadne.

Am nächsten Tag stimmten die Cairener zu, das Urteil des Globalen Umweltgerichtshofes anzuerkennen. Sie würden aufhören, Wasser aus ihrem Reservoir abzulassen; und die Siedlungen weiter unten im Canyon müßten mit Leitungswasser auskommen, was sicher ihr Wachstum behindern würde.

»Gut!« sagte Nadia, immer noch bitter. »All das nur, um dem Gesetz zu genügen.«

»Sie werden Berufung einlegen«, erklärte Art.

»Das kümmert mich nicht. Sie sind erledigt. Und selbst wenn nicht, sind sie dem Prozeß unterworfen. Zum Teufel, meinetwegen können sie gewinnen. Der Prozeß ist es, der zählt. Darum gewinnen wir in jedem Fall.«

Art lächelte, als er das hörte. Ohne Zweifel ein Schritt in politischer Erziehung, ein Schritt, den Art und Charlotte schon vor langer Zeit gemacht hatten. Ihnen kam es nicht auf das Ergebnis bei irgendeiner einzelnen Meinungsverschiedenheit an, sondern auf die erfolgreiche Anwendung der Gerichtsbarkeit. Wenn der Freie Mars jetzt die Mehrheit repräsentierte — was er offenbar tat, da er die Ergebenheit fast aller Eingeborener besaß, der jungen Toren, die sie waren —, dann bedeutete die Anerkennung der Verfassung, daß sie nicht einfach Minoritäten kraft ihrer Zahl herumschubsen konnten. Wenn also der Freie Mars etwas gewann, so mußte das durch einen Präzedenzfall sein, beurteilt durch die Gesamtheit der Richter des Gerichtshofes, die aus allen Fraktionen kamen. Das war wirklich sehr befriedigend, so als ob man sähe, daß eine aus zartem Material gebaute Mauer wegen eines geschickten Fachwerks mehr Gewicht tragen konnte, als man ihr ansah.

Aber sie hatte Drohungen anwenden müssen, und darum hinterließ die ganze Sache einen schalen Geschmack in ihrem Mund. »Ich möchte etwas Reales machen.«

»Zum Beispiel Rohre verlegen?«

Sie nickte, nicht gerade lächelnd. »Ja, Hydrologie.«

»Kann ich mitkommen?«

»Als Klempnergehilfe?«

Er lachte. »Ich habe das schon einmal gemacht.«

Nadia schaute ihn an. Seine Anwesenheit hob ihre Stimmung. Das war drollig und altmodisch — irgendwohin zu gehen, nur um mit jemandem zusammen zu sein. So etwas kam nicht mehr oft vor. Die Leute gingen dorthin, wohin sie gehen mußten, und trieben sich mit irgendwelchen Freunden herum, die sie dort antrafen, oder schlössen neue Freundschaften. Das war die marsianische Art. Oder" vielleicht die Art der Ersten Hundert. Oder ihre Art.

Jedenfalls war klar, wenn man dies tat und zusammen reiste, so war das mehr als eine Freundschaft, vielleicht sogar mehr als eine Affäre. Aber das war nicht so übel, sagte sie sich. Wirklich, gar nicht so übel. Vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Aber es gab immer etwas, an das man sich gewöhnen mußte.

Zum Beispiel ein neuer Finger. Art hielt ihre Hand und massierte das neue Fingerglied leicht. »Schmerzt das? Kannst du ihn biegen?«

Es schmerzte ein wenig und sie konnte es ein wenig biegen. Sie hatten einige Zellen aus der Knöchelzone injiziert; und jetzt war er gerade etwas länger als das erste Gelenk ihres anderen kleinen Fingers. Die Haut war noch babyrosa, ohne Kallus oder Narbe. Jeden Tag etwas größer.

Art drückte die Spitze ganz zart und fühlte den Knochen darin. Seine Augen wurden rund. »Spürst du das?«

»O ja. Er ist wie die anderen Finger, nur vielleicht etwas empfindlicher.«

»Weil er neu ist.«

»Das nehme ich an.«

Nur der verlorene alte Finger war irgendwie mit betroffen. Die Geisterstimme kam wieder, als ob jetzt Signale von jenem Ende der Hand kämen. Art nannte das den Finger im Kopf. Und ohne Zweifel war eine Gruppe von Gehirnzellen diesem Finger gewidmet, der die ganze Zeit ein gespenstisches Leben geführt hatte. Das war mangels Anregung im Laufe der Jahre abgeklungen, kam jetzt aber auch zurück oder wurde gereizt und verstärkt. Vlads Erklärungen dieses Phänomens waren komplex. Aber wenn sie in diesen Tagen den Finger befühlte, kam er ihr ebenso groß vor wie der an der anderen Hand, selbst wenn sie hinschaute. Als ob sie eine unsichtbare Hülle über dem neuen fühlte. Zu anderen Zeiten empfand sie das kleine Ding in seiner richtigen Größe, kurz, hautartig und schwach. Sie konnte es am ersten Gelenk etwas biegen und nur ein wenig am zweiten. Das letzte Gelenk, hinter dem Fingernagel, war noch nicht da. Aber es war unterwegs. Es wuchs. Nadia machte wieder Witze darüber, daß es ständig wuchs, obwohl das ein unheimlicher Gedanke war. »Das ist doch gut«, sagte Art. »Du legst dir einen Hund zu.«

Aber nun war sie zuversichtlich, daß das nicht geschehen würde. Der Finger schien zu wissen, was er tat. Er würde ganz in Ordnung sein. Er sah normal aus. Art war fasziniert von ihm. Aber nicht nur von ihm. Er massierte ihre Hand, die etwas wund war, und dann auch ihren Arm und die Schultern. Er würde alles an ihr massieren, wenn sie ihn gewähren ließe. Und danach, wie das Gefühl in ihrem Finger, in Armen und Schultern war, hätte sie das tun sollen. Er war so entspannt. Das Leben war für ihn immer noch alltägliches Abenteuer, voller Wunder und Frohsinn. Die Leute brachten ihn jeden Tag zum Lachen. Das war eine wundervolle Gabe. Groß, mit rundem Gesicht und rundem Körper, irgendwie Nadia selbst in gewissen Erscheinungsweisen ähnlich. Kahl werdend, unprätentiös, geschmeidig im Gang. Ihr Freund.

Nun, natürlich liebte sie Art. Mindestens seit Dorsa Brevia. Es war ähnlich wie bei ihrem Gefühl für Nirgal, der ein überaus geliebter Neffe oder Student oder Patenkind oder Enkel oder Kind war. Und deshalb war Art einer der Freunde ihres Kindes. Tatsächlich war er ein bißchen älter als Nirgal, aber dennoch waren diese beiden wie Brüder. Das war das Problem. Aber all diese Überlegungen wurden wegen ihrer zunehmenden Langlebigkeit immer mehr hinfällig. Wenn er nur um fünf Prozent jünger war als sie, würde das noch eine Rolle spielen? Wenn sie dreißig Jahre intensiver gemeinsamer Erfahrung hinter sich gebracht hatten, wie es schon der Fall war, als Gleichgestellte und Mitarbeiter, Architekten einer Proklamation, einer Verfassung und einer Regierung; enge Freunde, Vertraute, Helfer, Massagepartner; spielte da die Anzahl der Jahre seit ihrer Jugend eine Rolle? Nein, das tat sie nicht. Das war klar, man mußte nur daran denken. Und dann versuchen, es auch zu empfinden.

In Cairo wurde sie nicht mehr gebraucht, aber gerade jetzt in Sheffield. Nirgal würde bald zurück sein und helfen, Jackie im Zaum zu halten. Kein vergnüglicher Job, aber niemand konnte ihm dabei helfen. Es war hart, wenn man all seine Liebe auf eine Person fixierte. Wie sie es so viele Jahre lang mit Arkadij getan hatte, obwohl er für die meisten von ihnen tot gewesen war. Das ergab keinen Sinn; aber er fehlte ihr. Und trotzdem ärgerte sie sich noch über ihn. Er hatte nicht einmal lange genug gelebt, um zu begreifen, wieviel er versäumt hatte. Der glückliche Narr. Auch Art war glücklich, aber er war kein Narr. Wenigstens kein ausgesprochener. Für Nadia waren alle glücklichen Leute definitionsgemäß etwas verrückt, wie könnten sie sonst glücklich sein? Aber sie mochte sie trotzdem. Sie brauchte sie. Sie waren wie ihre geliebte Musik Satchmos. Und angesichts der Welt und allem, was darin war, war diese Fröhlichkeit ein sehr mutiger Weg zu leben — nicht eine Kombination von Verhältnissen, sondern von Verhaltensweisen. »Jawohl, komm mit mir klempnern!« sagte sie zu Art und drückte ihn ganz fest an sich, als ob man Glück einfangen könnte, wenn man es nur fest genug drückte. Sie zog sich zurück, und er machte vor Überraschung große Augen, genau wie wenn er ihren kleinen Finger hielt.