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Aber sie war immer noch Präsidentin des Exekutivrats und trotz ihres Entschlusses wurde sie jeden Tag durch ›Entwicklungen‹ aller Art etwas fester an ihr Amt gefesselt. Deutsche Immigranten wollten eine neue Hafenstadt bauen namens ›Blocks Hoffnung‹ auf der Halbinsel, welche das Nordmeer halbierte, und dann einen breiten Kanal durch diese Halbinsel graben. Rote Guerilleros widersetzten sich diesem Plan und jagten die durch die Halbinsel verlaufende Piste in die Luft. Sie sprengten auch die zum Gipfel von Biblis Patera führende Piste, um zu zeigen, daß sie auch hier dagegen waren. Okopoeten in Amazonia wollten mächtige Waldbrände entfachen. Andere Okopoeten in Kasei wollten den vom Feuer abhängigen Wald beseitigen, den Sax in der großen Kurve des Tales angelegt hatte (dieser Antrag wurde als erster einmütig vom Großen Exekutivrat gebilligt). Rote, die bei White Rock lebten, einer acht Kilometer breiten rein weißen Mesa, wollten diese zu einem ›Kami-Gelände‹ erklärt sehen, wo menschlicher Zutritt verboten war. Ein Planungsteam von Sabishii empfahl, eine neue Hauptstadt an der Küste des Nordmeers auf 0° Länge zu erbauen, wo es eine tiefe Bucht gab. New Clarke wurde überfüllt von Leuten, die verdächtig nach Schnüfflertruppen der Metanats aussahen. Die Ingenieure von Da Vinci wollten, daß die Kontrolle des Weltraums über dem Mars einer Agentur der globalen Regierung übertragen würde, die es nicht gab. Senzeni Na wollten ihre Mohole auffüllen. Die Chinesen baten um Genehmigung, einen ganz neuen Raumaufzug zu bauen, der in der Nähe des Kraters Schiaparelli befestigt sein sollte, um ihre Einwanderer zu bedienen und andere auszuschalten. Die Immigration nahm jeden Monat zu.

Nadia behandelte alle diese Themen in halbstündigen Zusatzterminen, die von Art angesetzt wurden; und so vergingen die Tage im Nu. Es wurde sehr schwierig, sich dessen bewußt zu bleiben, daß manche dieser Dinge wichtiger waren als andere. Zum Beispiel würde der Mars von chinesischen Einwanderern überschwemmt werden, wenn sie auch nur den Abglanz einer Chance erhielten... Und die Roten Guerilleros wurden immer unverschämter. Es hatte sogar Morddrohungen gegen Nadia selbst gegeben. Sie hatte jetzt eine Eskorte, sobald sie ihr Apartment verließ, und dieses wurde diskret bewacht. Nadia ignorierte das und arbeitete weiter an ihren Aufgaben und daran, bei den Abstimmungen, die ihr wichtig waren, eine Majorität auf ihrer Seite zu haben. Sie stellte gute Arbeitsbedingungen mit Zeyk und Mikhail her und sogar mit Marion. Mit Ariadne liefen die Dinge allerdings nie wieder ganz so gut, was eine zweimal und darum auch gut gelernte Lektion war.

So machte sie ihre Arbeit. Aber die ganze Zeit wollte sie weg von Pavonis. Art sah, daß ihre Geduld jeden Tag knapper wurde. Sie merkte an seinem Blick, daß sie zunehmend widerborstig, mürrisch und diktatorisch wurde. Sie merkte es, konnte es aber nicht ändern. Nach Zusammenkünften mit frivolen oder obstruktiven Leuten ließ sie oft einen Erguß boshafter Schmähungen los mit einer gleichmäßig leise fluchenden Stimme, die Art entnervend fand. Es kamen Delegationen, um ein Ende der Todesstrafe zu fordern oder das Recht, in der Caldera von Olympus Mons zu bauen, oder einen freien achten Platz im Exekutivrat zu verlangen. Und sobald die Tür geschlossen war, pflegte Nadia zu sagen: »Nun, es gibt für dich einen Haufen verdammter, saublöder Idioten, die niemals über unentschiedene Abstimmungen nachgedacht haben und denen nie in den Sinn gekommen ist, daß man sein eigenes Lebensrecht verwirkt, wenn man jemandem das Leben nimmt« und so weiter. Der neuen Polizei ging eine Schar Roter Guerilleros ins Netz, die versucht hatten, die Sockelmuffe wieder in die Luft zu jagen, und dabei einen Sicherheitsmann getötet hatten. Da war sie der strengste Richter, den sie hatten. Sie rief »Exekutiert sie! Ihr habt das Recht zu leben verwirkt, wenn ihr jemanden tötet. Richtet sie hin oder verbannt sie lebenslänglich vom Mars! Laßt sie auf eine Weise bezahlen, die wirklich den Rest der Aufmerksamkeit der Roten auf sich zieht!«

»Na ja«, sagte Art unbehaglich. »Na ja, nach all dem.« Aber sie tobte weiter. Sie konnte erst aufhören, als ihre Wut nachgelassen hatte. Und Art stellte fest, daß das jedesmal länger dauerte.

Er gab sich selbst einen Teil der Schuld und empfahl ihr, eine neue Konferenz einzuberufen wie die, welche sie in Sabishii verpaßt hatte. Und sie sollte sich vergewissern, dieses Mal dabeizusein. Nadia war der Meinung, die Kanalisierung der Bemühungen verschiedener Körperschaften für eine einzelne Sache wäre nicht gerade, was man konstruktiven Aufbau nennt. Aber es schien doch notwendig zu sein.

Die Auseinandersetzungen in Cairo hatten ihre Aufmerksamkeit auf den hydrologischen Kreislauf gelenkt — was würde geschehen, wenn das Eis anfinge zu schmelzen? Wenn sie irgendeinen Plan für einen Wasserkreislauf austüfteln könnten, wenn auch nur näherungsweise, könnte dieser weitgehend zur Reduzierung von Konflikten über Wasser führen. Darum beschloß sie zu schauen, was sich machen ließe.

Wie es in diesen Tagen oft geschah, wenn sie über globale Themen nachdachte, stellte sie fest, daß sie den Wunsch hatte, mit Sax darüber zu sprechen. Die Reisenden von der Erde waren jetzt beinahe zurück, nahe genug, daß die Verzögerung der Übertragung unbedeutend war, fast als führe man eine normale Konversation mit dem Handgelenkapparat. So verbrachte Nadia ganze Abende im Gesprächen mit Sax übers Terraformen. Mehr als einmal überraschte er sie gewaltig. Er vertrat nicht die Ansichten, die sie bei ihm erwartet hatte. Er schien sich stets zu verändern. Eines Nachts sagte er: »Ich will die Dinge wild lassen.«

»Was meinst du damit?« fragte sie.

Sein Gesicht nahm den nachdenklichen Ausdruck an, den er hatte, wenn er scharf überlegte. Es dauerte erheblich länger als die Verzögerung der Übertragung, bis er antwortete: »Vielerlei. Das ist ein kompliziertes Wort. Aber — ich meine — ich will die ursprüngliche Landschaft so unversehrt wie möglich erhalten.«

Nadia konnte ihr Gelächter darüber beherrschen. Aber Sax sagte noch: »Was findest du daran belustigend?«

»Oh, nichts. Du klingst nur — ich weiß nicht — wie manche Rote. Oder die Leute in Christianopolis. Das sind keine Roten, aber sie haben vorige Woche fast dasselbe zu mir gesagt. Sie wollen, daß die primäre Landschaft des fernen Südens erhalten wird. Ich habe ihnen geholfen, eine Konferenz zu veranstalten, um über Wasserscheiden im Süden zu sprechen.«

»Ich dachte, du arbeitest an Treibhausgasen?«

»Sie wollen mich nicht arbeiten lassen. Ich muß Präsidentin sein. Aber ich werde zu dieser Konferenz gehen.«

»Eine gute Idee.«

Die japanischen Siedler in Messhi Hoko (was bedeutete ›Selbstopferung für die Sache der Gruppe‹) traten mit der Bitte an den Rat heran, daß ihrer Kuppel in Süd-Tharsis mehr Land und Wasser zugeteilt werden möge. Nadia machte sich auf den Weg zu ihnen und flog mit Art nach Christianopolis im fernen Süden hinunter.

Die kleine Stadt (und nach Sheffield und Cairo wirkte sie besonders klein) lag im Phillips-Randkrater Vier auf einer Breite von 67° Süd. Während des Jahres ohne Sommer hatte der tiefe Süden mehrere strenge Stürme erlebt, die ungefähr vier Meter Neuschnee abgeladen hatten — eine noch nie dagewesene Menge. Der vorige Jahresrekord war bei weniger als einem Meter gelegen. Jetzt war es Ls 281, also kurz nach dem Perihel und im Süden Hochsommer. Und die verschiedenen Strategien zur Vermeidung einer Eiszeit schienen gut zu funktionieren. Der meiste Schnee war in einem warmen Frühling geschmolzen, und jetzt gab es auf jedem Kraterboden runde Teiche. Der Teich im Zentrum von Christianopolis war ungefähr vier Meter tief und hatte einen Durchmesser von 300 Metern. Das gefiel den Einwohnern, da er ihnen einen schönen Parkteich bescherte. Aber dasselbe passierte in jedem Winter; und die Meteorologen glaubten, daß die kommenden Winter noch mehr Schnee bringen und die kommenden Sommer immer wärmer werden würden. Dann wäre ihre Stadt schnell durch Schneeschmelze überschwemmt und Phillipps-Randkrater Vier würde ein randvoller See werden. Und das galt für alle Krater auf dem Mars.