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Die Konferenz in Christianopolis war zusammengekommen, um Strategien zu erörtern, wie man mit der Situation fertig werden konnte. Nadia hatte getan, was möglich war, um einflußreiche Leute hinunterzubekommen, einschließlich Meteorologen, Hydrologen, Ingenieure und möglichst auch Sax, dessen Rückkehr nun unmittelbar bevorstand. Das Problem der Kraterüberschwemmung sollte der einzige Ausgangspunkt der Diskussion über die Wasserscheiden und den hydrologischen Zyklus selbst sein.

Das Kraterproblem speziell sollte so gelöst werden, wie Nadia es vorhergesagt hatte — durch Rohrleitungen. Sie würden die Krater wie Badewannen behandeln und Drainagen bohren, um sie zu entleeren. Die Brecciapfannen unter den staubigen Kraterböden waren äußerst hart. Sie konnten aber mit Robotern durchtunnelt werden. Dann installierte man Pumpen und Filter, um das Wasser herauszupumpen und, wenn gewünscht, einen zentralen Teich zu behalten oder den Krater trockenzulegen.

Aber was würden sie mit dem herausgepumpten Wasser anfangen? Die südlichen Gebirgsländer waren zerklüftet, narbig, hüglig, eingesunken, gespalten und brüchig. Als Wasserscheiden waren sie nicht zu gebrauchen. Es gab in weitem Umkreis kein abschüssiges Gelände. Der ganze Süden war ein Plateau in drei bis vier Kilometern Höhe über dem alten Bezugsniveau, mit nur kleinen Buckeln und Senken. Auf der Erde hatten tektonische Bewegungen alle paar Dutzend Jahrmillionen Berge hochgedrückt; und dann war Wasser an diesen frischen Hängen heruntergeflossen auf den Wegen geringsten Widerstandes hin zum Meer und hatte überall die fraktalen Formen von Wasserscheiden eingegraben. Selbst die trockenen Beckenregionen der Erde waren von Arroyos gesäumt und mit Salztonebenen (Playas) durchsetzt.

Im Süden des Mars hingegen hatte das frühzeitliche Bombardement wüst auf das Land eingehämmert und allenthalben Krater und Auswürfe hinterlassen. Danach hatten die zerschlagenen Wüsten zwei Milliarden Jahre lang unter der rücksichtslosen Erosion der staubigen Winde gelegen, die an jeder brüchigen Stelle zerrten und schliffen. Wenn man Wasser auf dieses knubblige Land gießen würde, käme dabei ein verrückter Fleckenteppich aus kurzen Strömen zustande, die von lokalen Neigungen zum nächsten randlosen Krater flössen. Kaum irgendwelche Ströme würden es bis zu dem Meer im Norden schaffen oder gar zu den Hellas- oder Argyre-Becken, die umringt von den Gebirgsketten ihrer eigenen Auswürfe im Landesinnern lagen.

Es gab aber einige Ausnahmen von dieser Situation. Auf die frühe (noachische) Zeit folgte eine kurze ›warmfeuchte‹ Periode in der hesperischen Zeit, die vielleicht nur einhundert Jahrmillionen währte und in der eine dichte warme Kohlendioxid-Atmosphäre ermöglicht hatte, daß flüssiges Wasser an die Oberfläche strömte und einige Flußbetten in die sanften Hänge des Plateaus grub, die sich zwischen Kratermoränen ihren Weg suchten. Und diese Wasserläufe waren natürlich, nachdem die Atmosphäre ausgefroren war, als leere Arroyos geblieben, die lediglich vom Wind erweitert wurden. Diese fossilen Flußbetten wie Nirgal Vallis, Warrego Valles, Protva Valles, Patana Valles oder Otis Vallis waren enge, gewundene Canyons, eher flußartig als Gräben oder Fossae. Ein paar von ihnen besaßen unreife Zuflußsysteme, darum benutzte die Planung eines groß angelegten Wasserscheidensystems für den Süden natürlich diese Canyons als primäre Wasserläufe, die von oben her durch die Zuflüsse vollgepumpt wurden. Dann gab es noch eine Anzahl alter Lavakanäle, die man leicht zu Flüssen machen konnte, da die Lava, genau wie das Wasser, auf seinem Weg nach unten den Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen pflegte. Außerdem waren da noch etliche geneigte Bruchgräben und Spalten, wie am Fuße von Eridania Scopulus, die genauso genutzt werden konnten.

In der Konferenz wurden täglich auf großen Marsgloben verschiedene Wassersysteme aufgezeichnet. Es gab auch Räume voller topographischer 3D-Karten, in denen einzelne Gruppen herumstanden und über Vorzüge und Nachteile diverser Wasserscheidensysteme diskutierten oder auch nur ruhelos auf und ab gingen und darüber nachdachten, oder mit den Kontrollen herumspielten, um neue Lösungen zu finden. Nadia wanderte durch die Räume, schaute diese Hydrographien an und lernte viel über die Südhemisphäre, das sie bisher nicht gewußt hatte. Da war ein sechs Kilometer hoher Berg nahe dem Krater Richardson im fernen Süden. Auch die Südpolkappe lag recht hoch. Dorsa Brevia hingegen lag in einer Senke, die aussah wie ein aus dem Hellas-Aufprall geschnittener Strahl, ein Tal, so tief, daß ein See daraus werden mußte. Dieser Gedanke gefiel denen von Dorsa Brevia natürlich nicht. Das Gebiet konnte aber sicher dräniert werden, sollte man sich darum bemühen. Es gab Dutzende unterschiedlicher Pläne, und jedes einzelne System machte auf Nadia einen befremdlichen Eindruck. Sie hatte noch nie klar gesehen, wie sich ein durch Schwerkraft getriebenes Fraktal von zufälligen Impakten unterschied. In der rudimentären meteoritischen Landschaft war fast alles möglich, weil nichts auf der Hand lag — nichts außer der Tatsache, daß bei jedem möglichen System einige Kanäle und Tunnels gebaut werden müßten. Ihr neuer Finger juckte vor dem Verlangen, hier raus zu kommen und einen Bulldozer oder Tunnelbohrer zu steuern.

Allmählich nahmen die effizientesten, logisch oder ästhetisch ansprechendsten Pläne aus den Vorschlägen Gestalt an. Die für jede Region in Frage kommenden wurden in einer Art Mosaik zusammengeheftet. Im östlichen Quadranten des äußersten Südens tendierten die Ströme dazu, auf das Hellas-Becken hinzulaufen und schließlich durch einige Schluchten in das Hellas-Meer, was günstig war. Dorsa Brevia akzeptierte einen Plan, wonach der Grat des Lavatunnels ihrer Stadt eine Art Damm werden sollte, der eine Wasserscheide kreuzte, so daß sich ein See darüber und ein Fluß darunter befinden würde, der nach Hellas strömte. Um die südliche Polkappe herum würde fallender Schnee gefroren bleiben; aber die meisten Meteorologen sagten voraus, daß es nach dem Eintreten stabiler Verhältnisse nicht viel Schneefall in der Polregion geben würde und sich eine kalte Wüste bilden würde, ähnlich der Antarktis auf der Erde. Natürlich würde es schließlich zu einer großen Eiskappe kommen, und man würde etwas von dem Wasser schmelzen und wieder nach Norden pumpen müssen, vielleicht in das Hellas-Meer. Ähnliche Pumparbeiten würden im Argyre-Becken erforderlich sein, falls man sich dafür entscheiden sollte, Argyre trocken zu halten. Eine Gruppe gemäßigter Roter bestand vor dem Globalen Exekutivrat mit dem Argument darauf, daß eines der großen, mit Dünen gefüllten Impaktbecken auf dem Planeten erhalten bleiben müßte. Es schien sicher, daß dieser Anspruch vom Gerichtshof günstig aufgenommen werden würde. Darum mußten alle Wasserscheiden rings um Argyre das in Rechnung stellen.

Sax hatte einen eigenen Plan für Wasserscheiden entworfen, den er mit den übrigen zusammen zur Konferenz über den Bildschirm zur Beurteilung vorlegte, als ihre Rakete mit aerodynamischer Bremsung in den Orbit eintauchte. Dieser Plan sah ein Minimum an Oberflächenwasser vor, sah ausgiebig Tunnels vor und kanalisierte fast alles Drainagewasser in die fossilen Flußcanyons. Dabei würden weite Gebiete des Südens trockene Wüsten bleiben, so daß eine Hemisphäre aus trockenem Tafelland entstünde, das von ein paar engen Canyons mit Flußböden tief durchschnitten sein würde. In einem Anruf erklärte er Nadia: »Es wird wieder Wasser nach Norden geführt; und wenn man auf den Plateaus steht, wird es fast aussehen wie schon immer.«