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Er sagte, daß es ihr bestimmt gefallen würde.

»Eine gute Idee«, sagte Nadia.

Und wirklich unterschied sich Saxens Plan nicht großartig von dem durch die Konferenz ausgearbeiteten Konsens. Feuchter Norden, trockener Süden, womit der großen Dichotomie ein neuer Dualismus hinzugefügt wäre. Und es war befriedigend, daß die alten Flußcanyons wieder Wasser führen sollten. Ein in Anbetracht des Terrains gut durchdachter Plan.

Aber die Tage, in denen Sax oder sonst jemand ein Projekt für das Terraformen aussuchen und dann hingehen und es ausführen konnte, waren längst vorbei. Nadia stellte fest, daß Sax das noch nicht ganz begriffen hatte. Schon ganz zu Anfang, als er mit Algen gefüllte Windmühlen in das Feld geschmuggelt hatte, ohne daß außer seinen Komplizen jemand etwas davon wußte oder zugestimmt hatte, pflegte er auf eigene Faust zu handeln. Das war eine eingefleischte Geisteshaltung; und jetzt schien er das Prüfungsverfahren seitens der Umweltämter zu vergessen, das jeder Plan über Wasserscheiden durchzumachen hatte. Aber es gab diesen Prozeß, der jetzt unvermeidbar war. Wegen der großen Geste waren die Hälfte der Richter am Globalen Exekutivrat Rote der einen oder anderen Schattierung. Jeder dahingehende Vorschlag aus einer Konferenz selbst mit Sax Russell als Teilnehmer aus der Entfernung würde genauer und mißtrauischer Kritik unterliegen.

Aber Nadia hatte den Eindruck, daß die Roten Richter, wenn sie den Vorschlag sorgfältig prüften, durch den Versuch von Sax erstaunt sein würden. Tatsächlich war dieser Sinneswandel fast wie ein DamaskusErlebnis — angesichts der Geschichte von Sax unerklärlich. Sofern man nicht alles darüber wußte. Aber Nadia verstand: Er wollte Ann einen Gefallen tun.

Nadia hielt das für möglich, wollte aber gern Saxens Versuch beobachten. »Ein Mann voller Überraschungen«, bemerkte sie Art gegenüber.

»Ein Gehirntrauma bringt so etwas mit sich.«

Auf jeden Fall hatten sie, als die Konferenz beendet war, eine ganze Hydrographie konstruiert, die alle künftigen größeren Seen, Flüsse und Ströme der Südhemisphäre verzeichnete. Dieser Plan würde schließlich mit ähnlichen Plänen für die Nordhemisphäre kollationiert werden müssen, die wegen der Ungewißheit, wie groß das Nordmeer sein würde, vergleichsweise beträchtlich ungeordnet waren. Es wurde kein Wasser mehr aus dem Permafrost und den Reservoiren gepumpt. Tatsächlich waren viele Pumpstationen im letzten Jahr durch Rote Guerilleros gesprengt worden. Aber einiges Wasser stieg immer noch unter dem Druck, den das bereits an die Oberfläche gepumpte Wasser auf das Land ausübte, auf. Und es floß auch im Sommer Wasser nach Vastitas herein, jedes Jahr mehr, sowohl von der nördlichen Polkappe wie von der Großen Böschung. Vastitas war das Auffangbecken für die großen Wasserscheiden auf allen Seiten. Darum mußte im Sommer eine Menge Wasser hineinströmen. Andererseits wurde durch die trockenen Winde immer viel Wasser mitgezogen, das dann irgendwo abregnete. Und Wasser pflegte viel schneller zu verdunsten, als das ständig vorhandene Eis sublimierte. Darum bestand der Arbeitstag eines Modellmachers darin, zu berechnen, wieviel verlorenging und wieviel wieder zurückkam. Auf der ganzen. Karte gab es Schätzungen, so daß Differenzen in der Vorhersage zu geschätzten Küstenlinien führten, die in manchen Fällen Hunderte von Kilometern auseinanderlagen.

Diese Unsicherheit pflegte, wie Nadia dachte, jeden Globalen Exekutivrat zu behindern, dessen Aufgabe es im Grunde war, alle laufenden Daten zu korrelieren und zu bewerten, ein Meeresniveau festzusetzen und dann alle Wasserscheiden entsprechend zu genehmigen. Es erschien an dieser Stelle speziell unmöglich, über das Schicksal des Argyre-Beckens zu entscheiden, ehe es einen Plan für den Norden gab. Einige Pläne verlangten, Wasser aus dem Nordmeer nach Argyre hochzupumpen, wenn es dort zu voll wurde, um eine Überflutung der Marineris-Canyons, Süd-Fossa und der neu im Bau befindlichen Häfen zu vermeiden. Radikale Rote drohten bereits damit, Siedlungen am Westufer‹ über ganz Argyre zu errichten, um jedem solchen Unternehmen zu begegnen.

Damit hatte der Globale Exekutivrat ein weiteres großes Problem zu lösen. Er wurde offenbar das wichtigste politische Gremium auf dem Mars. Mit der Verfassung und seinen vorangegangenen Gesetzen zur Führung beherrschte er fast jeden Aspekt ihres künftigen Lebens auf dem Mars. Nadia hielt das vermutlich auch für richtig oder fand wenigstens nichts Falsches dabei. Entscheidungen mit globalen Verzweigungen, die global beurteilt wurden, waren notwendig. Darauf lief es hinaus.

Aber unabhängig von zukünftigen Gerichtsentscheidungen — ein vorläufiger Plan für die südliche Hemisphäre war schließlich formuliert worden. Und zur allgemeinen Überraschung fand der Globale Exekutivrat sehr bald nach Vorlage zu einer positiven vorläufigen Beurteilung; denn er konnte, wie es hieß, stufenweise aktiviert werden, wenn im Süden Niederschläge fielen, und die ersten Stufen blieben fast unbeeindruckt davon, wie hoch das endgültige Meeresniveau im Norden sein würde. Daher gab es keinen Grund, den Beginn der konkreten Umsetzung weiter hinauszuschieben.

Art kam herein, strahlend über diese Nachricht.

»Wir können mit der Klempnerei anfangen«, verkündete er.

Aber Nadia konnte das natürlich nicht. Sie mußte wieder zu Sitzungen nach Sheffield zurückkehren. Es waren Entscheidungen zu treffen, und Leute mußten überzeugt oder gezwungen werden. Sie verrichtete verbissen diese Arbeit, ob sie ihr gefiel oder nicht. Im Lauf der Zeit wurde sie dabei immer besser und besser. Sie lernte, wie sie sanft Druck ausüben konnte, damit andere Leute in ihrem Sinne handelten und wie Menschen ihren Bitten entsprachen, wenn sie bestimmte Wünsche oder Anregungen äußerte. Der ständige Strom von Entscheidungen schliff manche ihrer Ansichten ab. Sie fand, daß es hilfreich war, zumindest einige bewußt eingehaltene politische Grundsätze zu haben, statt jeden Fall instinktiv zu lösen. Es half auch, verläßliche Verbündete zu besitzen, im Rat und anderswo, anstatt eine vermeintlich neutrale und unabhängige Person zu sein. Und so kam es allmählich dazu, daß sie sich den Bogdanovisten zuwandte, die zu ihrer Überraschung enger ihrer politischen Denkweise entsprachen als alle anderen Gruppierungen auf dem Mars. Natürlich war ihre Lesart von Bogdanovismus relativ einfach. Dinge sollten gerecht getan werden, wie Arkadij betont hatte, und alle sollten frei und gleich sein. Die Vergangenheit spielte keine Rolle. Sie mußten neue Formen erfinden, wo die alten unfair oder undurchführbar schienen. Der Mars war, wenigstens für sie, die einzige Realität, die zählte. Mit diesen Leitprinzipien fand sie es leichter, sich über Dinge klar zu werden, einen Kurs zu erkennen und direkt anzusteuern.

Sie wurde auch immer rücksichtsloser. Von Zeit zu Zeit empfand sie aufs neue, wie Macht korrumpieren konnte, spürte es wie einen leichten Ekel. Aber sie gewohnte sich daran. Sie stieß oft mit Ariadne zusammen; und wenn sie sich an die Gewissensbisse erinnerte, die sie bei ihrem ersten Gerangel mit der jungen Minoerin gehabt hatte, erschien ihr das lachhaft oder allzu überempfindlich. Sie war jetzt jeden Tag zäher gegenüber den Leuten, die ihr begegneten. Sie zeigte bei einer Sitzung nach der anderen in kalkulierten kleinen Ausbrüchen von Brutalität das Messer, was die Leute sehr wirksam auf Vordermann brachte. Und tatsächlich — je mehr sie es sich gestattete, kleine Ausbrüche von Wut und Ärger herauszulassen, desto sicherer konnte sie die Menschen kontrollieren und irgendwie nützlicher einsetzen. Sie war eine Macht, und die Leute wußten das, und Macht war ätzend. Macht war auch in mehr als einer Hinsicht stark. Nadia hatte deswegen nur sehr wenige Gewissensbisse. Im allgemeinen brauchten die Leute hin und wieder einen Nasenstüber. Sie hatten gedacht, eine harmlose alte Babuschka zu bekommen, die im großen Sessel saß, während sie untereinander ihre Spielchen spielten. Aber der große Sessel war der Sitz der Macht; und sie wäre dumm gewesen, wenn sie nicht all diesen Mist durchmachen und diese Macht nicht einsetzen würde, um das zu bekommen, was sie wollte.