Nadia fand das interessant. »Schau, wie wäre es mit einer Bodenprobe«, sagte sie zu Arne, »die mit einer Matrix aus zuführenden Adern gefüllt ist, welche die Biota durch das ganze Elternmaterial verteilen würden?« Sie fuhr fort, man sollte einen Klumpen von Elternmaterial nehmen, ihn anfeuchten und dann trocknen lassen. In die rissigen Systeme die Matrix der zuführenden Adern einbringen. Dann allerlei wichtige Bakterien und andere Bestandteile zum Wachsen hinzufügen. Danach könnten die Bakterien und anderen Kreaturen sich ihren Weg aus den zuführenden Adern herausfressen und das Material auf ihrem Weg hinaus verdauen. So würden sie dann alle in dem Ton wechselwirken. Das wäre eine heikle Zeit. Ohne Zweifel würden viele Versuche nötig sein, um die anfänglichen Mengen der verschiedenen Biota zu kalibrieren, die erforderlich wären, um übermäßige Vermehrungen oder Zusammenbrüche der Population zu vermeiden. Aber man könnte sie dazu bringen, sich in ihren gewöhnlichen Gemeinschaften zu etablieren; und dann hätte man plötzlich lebendigen Boden. »Es gibt derartige Systeme zuführender Adern bei gewissen sich schnell setzenden Baumaterialien; und ich höre gerade, daß Ärzte auf die gleiche Weise eine Apatit-Paste in gebrochene Knochen injizieren. Die Zuführ-Adern macht man aus Protein-Gelen, die für jede Substanz geeignet sind, die sie enthalten sollen, eingeschmolzen in die entsprechenden tubularen Strukturen.«
Eine Matrix für Wachstum. Arne sagte, das wäre wert, sich damit zu befassen. Nadia lächelte, als sie das hörte. Sie ging an diesem Nachmittag in glücklicher Stimmung umher und rief Art, als sie ihn abends traf, zu: »He! Ich habe heute etwas geleistet!«
»Gut!« sagte Art. »Dann laß uns ausgehen und feiern!«
Leicht getan, in Bogdanov Vishniac. Natürlich, es war schließlich eine Stadt der Bogdanovisten und so heiter wie Arkadij selbst. Jeden Abend eine Party. Sie hatten oft an der Abendpromenade teilgenommen; und Nadia liebte es, an der Brüstung der höchsten Terrasse entlangzugehen. Das Gefühl, Arkadij könnte dort irgendwo sein, hatte irgendwie überdauert. Und nie mehr als an diesem Abend, als ein Stück getaner Arbeit gefeiert wurde. Sie hielt Arts Hand und schaute nach unten und hinüber zu den dicht gefüllten unteren Terrassen mit ihren Feldern, Obstgärten, Teichen, Sportplätzen, Alleen und bogenförmigen Plazas, die besetzt waren von Cafes, Bars, Tanzpavillons und lautstarken Bands. Die Menge drängte sich darum. Manche tanzten, aber der größte Teil der Leute machten wie Nadia einen Abendspaziergang. All das noch unter einer Kuppel, die man eines Tages entfernen zu können hoffte. Inzwischen war es warm; und die jungen Eingeborenen trugen fremdartige Bekleidung aus Pantalons, Kopfputz, Schärpen, Westen und Halsbänder, so daß Nadia an die Videofilme von dem Empfang Nirgals und Mayas in Trinidad erinnert wurde. War das ein Zufall, ober bedeutete es, daß sich bei den jungen Leuten irgendeine interplanetare Kultur anbahnte? Und falls ja, bedeutete dies, daß ihr Cojote, der aus Trinidad stammte, unsichtbar die zwei Welten erobert hatte? Oder posthum ihr Arkadij? Arkadij und Cojote, die Könige der Kultur. Sie mußte bei diesem Gedanken grinsen und nahm Schlückchen aus Arts Becher mit heißem Kavajava, dem bevorzugten Getränk in dieser kalten Stadt, und beobachtete alle die jungen Leute, die sich wie Engel bewegten, immer tanzend, ganz gleich, was sie taten, und über die graziösen Bogen von Terrasse zu Terrasse strömten. »Welch große kleine Stadt!« war Arts Kommentar.
Und dann trafen sie auf ein altes Foto von Arkadij, das eingerahmt an einer Wand neben einer Tür hing. Nadia blieb stehen und ergriff Art am Arm: »Das ist er! Das ist er, wie er leibt und lebt!«
Das Foto war aufgenommen worden, als er mit jemanden sprach. Er stand vor einer Kuppelwand und gestikulierte. Haar und Bart standen vom Kopf ab und verschmolzen mit einer Landschaft, die genau die Farbe seiner wilden Locken hatte. Es sah aus wie ein Bild, das aus einer Bergflanke herauskommt. Blaue Augen blinzelten im Glanz all der roten Fröhlichkeit. »Ich habe nie ein Foto gesehen, das ihm so ähnlich war. Er mochte es nicht, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet war, und das Bild wurde dann meistens schlecht.«
Sie starrte das Bild an und merkte, daß sie errötete und sich seltsam glücklich fühlte. Eine derart lebensechte Begegnung! Als ob man plötzlich jemanden trifft, den man seit Jahren nicht gesehen hat. »Ich finde, daß du ihm ähnelst. Aber entspannter.«
Art sah sich das Foto genau an und sagte: »Es sieht so aus, als ob es schwierig wäre, noch entspannter zu sein.«
Nadia lächelte. »Für ihn war das leicht. Er war sich immer sicher, recht zu haben.«
»Keiner von uns übrigen hat dieses Problem.«
Sie lachte. »Du bist fröhlich, wie er war.«
»Warum auch nicht?«
Sie gingen weiter. Nadia dachte weiter an ihren alten Kameraden und behielt das Foto im Geiste vor Augen. Es gab noch so viel, an das sie sich erinnerte. Die mit den Erinnerungen verbundenen Gefühle verblaßten freilich allmählich, der Schmerz ließ nach, die Beize wurde ausgelaugt. All das Fleisch und Trauma war jetzt nur noch ein fernes Muster — wie ein Fossil. Und ganz unähnlich dem gegenwärtigen Moment, der, wenn sie sich umsah und ihre Hand in der von Art fühlte, real, lebendig und kurz war und sich ständig veränderte. Es konnte alles mögliche geschehen, alles wurde empfunden.
»Gehen wir in unser Zimmer zurück?«
Die vier Erdreisenden kamen schließlich an dem Kabel von Sheffield zurück. Nirgal, Maya und Michel gingen ihrer Wege, aber Sax flog nach unten und traf sich mit Nadia und Art im Süden. Das erfreute Nadia außerordentlich. In ihr war allmählich der Eindruck entstanden, daß dort, wohin Sax auch immer ging, das Herz der Aktion schlug.
Er sah noch genau so aus wie vor der Reise zur Erde und war, wenn eine Veränderung festzustellen war, höchstens noch schweigsamer und wunderlicher geworden. Er sagte, er wolle die Labors sehen. Und dann, nach einiger Zeit: »Aber ich überlege, was wir sonst noch tun könnten.«
»Terraformen?« fragte Art.
»Nun gut... «
Um Ann eine Freude zu machen, dachte Nadia. Das war seine Absicht. Sie drückte ihn an sich, was ihn überraschte; und hielt ihre Hand auf seiner mageren Schulter, während sie redeten. Es war so gut/ihn leibhaftig hier zu haben! Wann hatte sie diese Neigung für Sax Russell entwickelt? Wann war sie dazu gekommen, ihm so sehr zu vertrauen?
Auch Art hatte herausgefunden, was sie meinte. Er sagte: »Du hast doch schon eine Menge geleistet, nicht wahr? Ich meine, du hast inzwischen alle monströsen Methoden der Metanats ausgeräumt, nicht? Die Wasserstoffbomben unter dem Permafrost, die Soletta und die Luftlinse, die Stickstofftransporte vom Titan...«
»Diese kommen immer noch«, sagte er. »Ich weiß nicht einmal, wie wir sie aufhalten könnten. Vermutlich abschießen. Aber Stickstoff können wir immer gebrauchen. Ich bin mir nicht sicher, daß ich mich so freuen würde, wenn die eingestellt würden.«
»Aber Ann?« sagte Nadia. »Was würde Ann gefallen?«
Sax zwinkerte wieder. Wenn sein Gesicht durch Ungewißheit verzerrt wurde, nahm es wieder seinen alten rattenhaften Ausdruck an.
»Was würde euch beiden gefallen?« fragte Art erneut.
»Schwer zu sagen.« Und seine Miene wurde zu einer Grimasse aus Unsicherheit, Unentschlossenheit und geteilten Motiven.
Art deutete an: »Ihr wollt Wildnis haben.«
»Wildnis ist eine... eine Idee. Oder ein ethischer Standpunkt. Die kann nicht überall sein, das meine ich nicht. Aber...« Sax wedelte mit der Hand und versank wieder in seinen Gedanken. Zum ersten Mal in dem Jahrhundert, seit Nadia ihn kannte, hatte sie das Gefühl, Sax wüßte nicht, was zu tun wäre. Er löste das Problem, indem er sich vor einen Bildschirm hockte und Befehle eingab. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben.