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Nadia drückte Arts Arm. Er umklammerte ihre Hand und drückte sanft den kleinen Finger. Der war inzwischen schon zu drei Vierteln seiner Größe gediehen, wuchs aber nun langsamer, als er sich der vollen Größe näherte. Ein Nagel bildete sich aus, und in dem Polster zeigten sich die zarten Rillen eines Fingerabdrucks. Es war ein angenehmes Gefühl, wenn er gedrückt wurde. Nadia sah Art kurz in die Augen und senkte dann den Blick. Er drückte ihre Hand, dann ließ er sie los. Nach einer Weile, als klar war, daß Sax völlig abgelenkt war und sich längere Zeit in seiner eigenen Welt befinden würde, gingen sie auf Zehenspitzen in ihr Zimmer und ins Bett.

Sie arbeiteten tagsüber und gingen nachts aus. Sax zwinkerte umher wie in seinen Tagen als Labor-Ratte. Er war besorgt, weil es keine Nachricht von Ann gab. Nadia und Art trösteten ihn, so gut sie konnten, was nicht viel war. An den Abenden gingen sie auf die Promenade. Es gab einen Park, wo Eltern mit kleinen Kindern zusammenkamen und die Leute vorbeigingen wie an einem kleinen Zoogehege, grinsend über die kleinen Primaten beim Spiel. Sax verbrachte in diesem Park Stunden in Gesprächen mit Kindern und Eltern; und dann pflegte er zu den Tanzflächen weiterzuschlendern, wo er selbst stundenlang tanzte. Art und Nadia hielten Händchen. Der Finger wurde kräftiger. Er hatte jetzt fast seine volle Größe erreicht, und in Anbetracht dessen, daß es sowieso der kleine Finger war, sah er schon ausgewachsen aus, wenn sie ihn nicht gerade neben sein Gegenstück hielt. Art knabberte bei ihrem Liebesspiel gelegentlich sanft daran, und das machte sie wild. Sie knurrte: »Erzähl bloß Leuten nichts von diesem Effekt, sonst könnte es schrecklicherweise dazu führen, daß Menschen sich Körperteile abhacken, um sie nachwachsen zu lassen und dadurch empfindsamer zu machen!«

»Blödsinn!«

»Du weißt, wie die Leute sind. Für einen Kick geben sie alles.«

»Sprich ja nicht darüber!«

»Okay.«

Aber dann war es Zeit, wieder zu einer Ratsversammlung zu gehen. Sax reiste ab, um Ann zu finden — oder sich vor ihr zu verstecken. Das konnte man nicht genau sagen. Sie flogen wieder nach Sheffield. Nadia war also wieder da, und jeder Tag wurde in Zeitabschnitte von lähmenden dreißig Minuten aufgeteilt. Außer es gab etwas Wichtiges. Das Ersuchen der Chinesen um einen weiteren Raumaufzug bei Schiaparelli war akut geworden. Und das war eines von vielen Einwanderungsthemen, mit denen sie konfrontiert waren. Die in Bern ausgearbeitete Übereinkunft zwischen den UN und dem Mars besagte ausdrücklich, daß der Mars alljährlich mindestens zehn Prozent seiner Bevölkerung an Einwanderern aufnehmen müßte, wobei die Hoffnung ausgedrückt wurde, daß es noch mehr sein würden — so viel wie möglich —, solange die hypermalthusianischen Verhältnisse der Überbevölkerung andauerten. Nirgal hatte das als eine Art von Versprechen gemacht und sehr enthusiastisch (und wie Nadia fühlte, unrealistisch) davon gesprochen, daß der Mars der Erde zu Hilfe kommen würde und sie durch Geschenke freien Landes vor Überbevölkerung bewahren würde. Aber wie viele Menschen konnte der Mars wirklich aufnehmen, wenn sie nicht einmal ausreichend Boden herstellen konnten? Wie groß war überhaupt das Fassungsvermögen des Mars?

Das wußte niemand, und es gab kein überzeugendes Verfahren, das wissenschaftlich zu berechnen. Schätzungen der Aufnahmefähigkeit der Erde hatten zwischen 100 Millionen und 200 Billionen gelegen; und selbst die ernstlich vertretbaren Schätzungen bewegten sich zwischen zwei und dreißig Milliarden. In Wahrheit war die Aufnahmefähigkeit ein sehr unscharfer abstrakter Begriff, der von einer ganzen Menge verflochtener Komplexitäten abhing wie der Biochemie des Bodens, der Ökologie und der menschlichen Kultur. Daher war es fast unmöglich zu sagen, mit wie vielen Menschen der Mars zurechtkommen könnte. Inzwischen betrug die Erdbevölkerung mehr als fünfzehn Milliarden, während der Mars mit fast ebenso viel Landfläche eine tausendfach geringere Population hatte, gerade um fünfzehn Millionen. Die Ungleichheit war augenfällig. Es mußte etwas geschehen.

Massentransport von Menschen von der Erde zum Mars war sicher eine Möglichkeit. Aber die Transfergeschwindigkeit wurde durch die Größe des Transportsystems begrenzt und durch die Fähigkeit des Mars, die Einwanderer zu absorbieren. Jetzt argumentierten die Chinesen und überhaupt die UN allgemein, daß sie als einen ersten Schritt in dem Prozeß intensivierter Immigration das Transportsystem in großem Stil ausbauen könnten. Ein zweiter Raumaufzug auf dem Mars wäre der erste Schritt in diesem vielstufigen Projekt.

Die Reaktion auf diesen Plan war auf dem Mars meistens negativ. Die Roten widersetzten sich natürlich weiterer Immigration und opponierten — obwohl sie einräumten, daß etwas passieren müßte — gegen jede spezifische Weiterentwicklung des Transfersystems, nur um den Prozeß möglichst zu verlangsamen. Diese Position paßte zu ihrer allgemeinen Philosophie und erschien Nadia sinnvoll. Indessen war die Opposition des Freien Mars zwar wichtiger, aber nicht so klar. Nirgal war vom Freien Mars gekommen und war zur Erde gegangen und hatte den Terranern eine allgemeine Einladung überbracht, sie sollten so viele Leute herüberschicken, wie sie könnten. Und historisch hatte der Freie Mars sich immer für starke Bande mit der Erde eingesetzt, um die sogenannte Strategie, wonach ›der Schwanz mit dem Hund wedelt‹, zu versuchen. Aber der derzeitigen Führerschaft schien diese Position nicht besonders zu gefallen. Und Jackie befand sich inmitten dieser neuen Gruppe. Sie hatten sich schon während des Verfassungskongresses zu einem mehr isolationistischen Standpunkt verlagert, wie sich Nadia erinnerte, und immer für mehr Unabhängigkeit von der Erde plädiert. Andererseits machten sie offenbar privatim Geschäfte mit gewissen Ländern der Erde. Daher war die Position des Freien Mars zwiespältig und vielleicht sogar heuchlerisch. Sie schien darauf abzuzielen, ihre Macht in der politischen Szenerie zu vergrößern.

Aber selbst wenn man den Freien Mars beiseite ließ, gab es da draußen viel isolationistische Stimmung. Neben den Anarchisten tendierten einige Bogdanovisten, die matriarchistischen Leute von Dorsa Brevia und die von Mars Zuerst hierin nach der Seite der Roten. Sie alle argumentierten, wenn Millionen und Abermillionen Terraner auf den Mars zu strömen begännen, was würde dann aus dem Mars werden — nicht bloß aus der Landschaft, sondern auch der Kultur des Mars, die sich im Laufe der m-Jahre herausgebildet hatte? Würde die nicht in den alten Wegen untergehen, die der neue Zustrom mit sich brächte, der rasch die eingeborene Bevölkerung an Zahl übertreffen dürfte? Die Geburtenraten sanken doch überall, und kinderlose Familien und Familien mit einem Kind waren auf dem Mars so verbreitet wie auf der Erde. Daher wäre wohl kein großes Anwachsen der eingeborenen Population zu erwarten. Sie würde zahlenmäßig bald an den Rand gedrängt werden.

So argumentierte Jackie, zumindest in der Öffentlichkeit, und die von Dorsa Brevia und viele andere stimmten ihr zu. Nirgal, eben zurück von der Erde, schien in dieser Situation keinen großen Einfluß zu haben. Und während Nadia verstehen konnte, worauf es ihren Opponenten ankam, fühlte sie auch, daß es angesichts der Lage auf der Erde unrealistisch wäre zu denken, sie könnten den Mars einfach dichtmachen. Der Mars konnte die Erde nicht retten, wie Nirgal während seines Besuches dort anscheinend manchmal verkündet hatte; aber es war ein Abkommen mit den UN geschlossen und ratifiziert worden. Darum waren sie verpflichtet, mindestens so viele Terraner hereinzulassen, wie der Vertrag festlegte. Darum mußte die Brücke zwischen den Welten erweitert werden, wenn sie dieser Verpflichtung nachkommen und den Vertrag erfüllen wollten. Andernfalls, so dachte Nadia, könnte alles mögliche passieren.

Aus diesen Gründen sprach sich Nadia in der Debatte über die Genehmigung eines zweiten Kabels dafür aus. Es erhöhte die Kapazität des Transportsystems, so wie sie versprochen hatten, wenn auch nur indirekt. Und es würde auch von den Städten auf Tharsis und jener Seite des Mars allgemein etwas von dem Druck nehmen. Karten der Bevölkerungsdichte zeigten, daß Pavonis wie das Zentrum einer Zielscheibe war, mit Menschen, die von ihm nach draußen strebten und sich so nahe wie angängig dabei niederließen. Wenn man ein Kabel auf der anderen Seite der Welt hätte, würde das helfen, etwas auszugleichen.