Nirgals Aufmerksamkeit wandte sich wieder dem Baby an ihrer Brust zu. Die Prinzessin des Mars. Jackie deutete mit einem Kopfnicken auf die Bank neben sich. »Nimm Platz! Du siehst müde aus.«
»Mir geht es gut«, versicherte Nirgal, setzte sich aber. Jackie warf einer ihrer Assistentinnen einen Blick zu und machte mit dem Kopf eine heftige Bewegung zur Seite. Sehr bald waren sie mit dem Kind allein.
»Die Chinesen und Inder halten den Mars für ein leeres neues Land«, sagte Jackie. »Das geht aus allem hervor, was sie sagen. Sie sind verdammt zu freundlich.«
»Vielleicht mögen sie uns«, sagte Nirgal. Jackie lächelte, aber er fuhr fort: »Immerhin haben wir ihnen geholfen, die Metanats los zu werden. Sie dürfen nun aber nicht daran denken, daß sie ihre überschüssige Bevölkerung hier abladen könnten. Es sind einfach zu viele, als daß eine Auswanderung irgendeinen Unterschied für sie machten würde.«
»Mag sein, aber sie träumen davon. Und mit Raumaufzügen können sie einen ständigen Strom schicken. Das summiert sich schneller auf, als du denkst.«
Nirgal schüttelte den Kopf. »Es wird nie genug sein.«
»Woher willst du das wissen? Du bist doch in keinem dieser Länder gewesen.«
»Jackie, eine Milliarde ist eine große Zahl. Zu groß, als daß wir sie uns überhaupt vorstellen können. Die Erde hat siebzehn Milliarden. Sie können keinen nennenswerten Bruchteil dieser Zahl hierher schicken. Es gibt nicht genug Shuttles dafür.«
»Sie könnten es irgendwie versuchen. Die Chinesen haben Tibet mit Han-Chinesen überschwemmt; und das hat gar nichts zur Lösung ihrer Bevölkerungsprobleme beitragen. Trotzdem tun sie es immer noch.«
Nirgal zuckte die Achseln. »Das hier ist Tibet. Wir werden auf Distanz bleiben.«
»Ja«, erwiderte Jackie ungeduldig. »Aber das dürfte nicht leicht sein, wenn es kein wir gibt. Wenn sie nach Margaritifer hinausgehen und mit den arabischen Karawanen dort einen Handel machen, wer wird sie daran hindern?«
»Die Umweltgerichtshöfe?«
Jackie stieß zwischen den Lippen Luft aus, und das Baby riß sich los und wimmerte. Jackie wechselte das Kind an die andere Brust. Eine olivfarbene Kurve mit blauen Adern. »Antar rechnet nicht damit, daß die Umweltgerichtshöfe lange funktionieren werden. Wir hatten einen Streit mit ihnen, als du fort warst, und kamen bloß mit ihnen zurecht, indem wir dem Prozeß eine Chance gaben. Aber diese Leute waren nicht geeignet. Sie konnten sich nicht durchbeißen. Alles, was auch immer jemand tut, hat Einfluß auf den Umweltpakt. Darum sollten sie wohl alles beurteilen. Aber in den geringeren Höhenlagen werden Kuppeln abgebaut, und nicht einer von hundert tritt an die Gerichte heran, um für das um Erlaubnis zu erbitten, was sie vorhaben, sobald ihre Stadt im Freien steht. Warum sollten sie auch? Jetzt ist jeder ein Ökopoet. Nein! Das System der Gerichtshöfe wird untergehen.«
»Du kannst nicht sicher sein«, sagte Nirgal. »Ist Antar der Vater?«
Jackie zuckte die Achseln.
Jeder konnte der Vater sein — Antar, Dao, Nirgal selbst, zum Teufel, auch John Boone könnte es sein, wenn eine Probe seines Samens zufällig noch im Vorrat gewesen wäre.
Das sähe Jackie ähnlich, falls sie es nicht allen Leuten erzählt hätte. Sie zog den Kopf des Kindes an sich.
»Glaubst du wirklich, daß es richtig ist, ein vaterloses Kind aufzuziehen?«
»So bist du doch auch aufgewachsen, oder? Und ich hatte keine Mutter. Wir waren alle Kinder mit nur einem Elternteil.«
»Aber war das gut?«
»Wer weiß?«
Jackies Gesicht zeigte einen Ausdruck, den Nirgal nicht deuten konnte. Ihr Mund war leicht zusammengepreßt — vor Unwillen? und vor Trotz? — unmöglich zu sagen. Sie wußte, wer ihre beiden Eltern waren; aber nur einer war bei ihr geblieben, und Kasei hatte sich nicht besonders gekümmert. Und wurde in Sheffield getötet, zum Teil aufgrund der brutalen Antwort auf den Angriff der Roten, den Jackie selbst befürwortet hatte.
»Du wußtest nichts von Cojote, bis du sechs oder sieben Jahre alt wärest«, sagte sie. »Ist das richtig?«
»Wahr, aber nicht richtig.«
»Was?«
»Es war nicht richtig.« Und er schaute ihr in die Augen.
Aber sie sah weg, auf das Baby hinunter. »Besser, als wenn die Eltern einander vor den Augen des Kindes in Stücke reißen.«
»Ist es das, was du mit dem Vater tun würdest?«
»Wer weiß?«
»Es ist auf diese Weise also sicherer.«
»Vielleicht. Eine Menge Frauen in Dorsa Brevia halten es so.«
»In Dorsa Brevia.«
»Überall. Die biologische Familie ist nicht gerade eine Institution des Mars.«
»Ich weiß nicht.« Nirgal überlegte. »Ich habe wirklich eine Menge Familien in den Canyons gesehen.
Wir kommen in dieser Hinsicht aus einer ungewöhnlichen Gruppe.«
»In vielerlei Hinsicht.«
Ihr Kind wich zurück, und Jackie stopfte ihre Brust in den Büstenhalter und zog das Hemd herunter. »Marie?« rief sie, und ihre Assistentin kam herein. »Ich denke, ihre Windel muß gewechselt werden.« Sie übergab das Kleinkind der Frau, die ohne ein Wort hinausging.
»Jetzt Bedienstete?« fragte Nirgal.
Jackie preßte den Mund wieder zusammen und stand auf. Sie rief: »Mem?«
Eine andere Frau kam herein, und Jackie sagte: »Mem, wir werden mit diesen Leuten vom Umweltgerichtshof wegen dieses chinesischen Ersuchens zusammenkommen müssen. Es könnte sein, daß wir es als Hebel benutzen können, damit die Wasserzuteilung für Cairo neu erwogen wird.«
Mem nickte und verließ den Raum.
»Du triffst einfach die Entscheidungen?« fragte Nirgal.
Jackie entließ ihn mit einer Handbewegung. »Es ist hübsch, dich wieder zurück zu haben, Nirgal. Aber bemühe dich aufzuholen, okay?«
Aufholen. Der Freie Mars war jetzt eine politische Partei, die größte auf dem Planeten.
Das war nicht immer so gewesen. Es hatte eher als ein Netz von Freunden begonnen, oder als der Teil des Untergrundes, der in der Demimonde lebte. Zumeist frühere Studenten der Universität in Sabishii oder später Mitglieder einer sehr lockeren Gemeinschaft in den überkuppelten Canyons und heimlichen Clubs in den Städten und so fort. Eine Art vager Schirm für Leute, die mit dem Untergrund sympathisierten, aber keiner spezielleren politischen Bewegung oder Philosophie anhingen. Wie sie sagten: Einfach Freier Mars.
In vieler Hinsicht war das von Nirgal begründet worden. So viele Eingeborene waren an Autonomie interessiert gewesen; und die verschiedenen Issei-Parteien, die auf den Gedanken des einen oder anderen Siedlers beruhten, sprachen sie nicht an. Sie hatten etwas Neues gewollt. Und so war Nirgal um den Planeten gereist und hatte sich bei Leuten aufgehalten, die Meetings oder Diskussionen organisierten. Das war so lange gegangen, daß die Leute schließlich auf einem Namen bestanden. Man wollte die Dinge beim Namen nennen können.