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Durch die Emser Straße, die so verlassen aussah, als nage — seit selbst die Neuköllner Köter lieber hinterm Ofen bleiben und nicht mehr mit ihr spielen wollten — nur noch der Zahn der Zeit an ihr, wehte, kaum daß wir in sie eingebogen waren, eisig der Wind.»Wird regnen«, sagtest du. Gib mir Feuer, sagte ich; und du stelltest deine Sporttasche ab, um im Schutze deiner Jacke ein Streichholz zu entzünden. Ein paar hartgefrorene Häufchen alten rußschwarzen, von Hunde- und Menschenpisse gelb marmorierten Schnees säumten den Bürgersteig, und du zogst ein fröhliches Gesicht, weil du gleich auf deinem» Sofa sitzen und ne schöne Platte hören «würdest. Doch mir graute vor deinem Loch und ebenso vor dem, was du wie es kommt, kommt es genannt hattest.

XVIII

Ach, Harry; du fingst genau da wieder an, wo du von der Lungenentzündung unterbrochen worden warst, und mit genau dem: Dope & Dealen. Wie sonst hättest du dir den Ford Granada leisten können, diesen» super Spritfresser«, den der» super Tarik «Ende April für dich beschaffte? Dauernd fuhrst du mit den Klingsbrüdern und Lila durch die Gegend, besuchtest aber gelegentlich auch mich, brachtest, was du vorher nicht getan hattest, meist Kuchen mit — und deine rührenden kleinen Geschenke, Buddhafiguren aus Ton, Porzellanpferde, ein bißchen Schmuck, vermutlich Hehlerware. Du warst so gierig, wie du es dem toten Benno unterstellt hattest, deine Pupillen immer Stecknadelköpfe, dein Blick unstet, dein Schlaf komatisch.»Warum«, sagtest du,»willst du mich wieder von der Reling kotzen sehen, gerade jetzt, wo ich sowieso bald substituiert werde?«

Und tatsächlich, sie» integrierten «dich als einen der ersten HIV-positiven Berliner Junkies in ihr neues Methadon-Programm, weil du die» Kriterien «erfülltest, genauer bereits» das Vollbild zeigtest«. An sich solltest du nach und nach» runterdosiert «werden, dich, wie du es mir erklärtest, aus der Abhängigkeit vom Methadon, das ja nur eine auf andere Art hochwirksame Ersatzdroge war,»allmählich rausschleichen«, doch praktisch bestimmtest du deinen» Bedarf «und warst dabei so großzügig, daß für manch» armes Schwein, ohne Connections zum Staat, auch noch ein paar Tröpfchen übrigblieben«.

Du mußtest jeden Morgen bei deinem Hausarzt erscheinen und vor den Augen einer Schwester dein Becherchen austrinken, aber freitags bekamst du deine — immer sehr reichlich bemessene — Wochenendration im Schraubgläschen mit nach Hause. Sonstige» Medikamente «gegen die Krankheit, die es damals eh kaum gab, wolltest du nicht, es sei denn, du hättest» was Akutes«. Auf» Metha «fühltest du dich, solange du ausschließlich das nahmst,»völlig schlaff«, matter und lustloser als je auf Heroin. Also machtest du den» Nebenkonsum«, der sich» so pö a pö ergeben hatte, weil Metha pur absolut trostlos «war, wieder zum Hauptkonsum, stiegst aus dem Programm aus, fingst dir die nächste Pneumonie ein und landetest wieder» bei Urbans«, für den ganzen heißen August.

In dem Moabiter Mietshaus, in dem ich bis heute wohne, war etwas frei geworden, Zimmer, Küche, Klo, dreißig Quadratmeter, zweiter Stock links. Ich saß auf deiner Klinikbettkante, flehte dich an, deinem Emser Loch doch bitte adé zu sagen und dorthin umzuziehen.»Damit du mich wieder unter deiner Fuchtel hast«, stöhntest du. Dünn und schlapp warst du geworden, ähneltest aber noch immer meinem Harry. Dein Arzt, der, den wir schon kannten, kurierte dich so gut es ging. Ich bürgte für dich bei der Meyerschen Grundbesitz-Gesellschaft, zahlte wieder die Kaution, weißte mit Marc die Wände, organisierte mit Frank ein Leihauto und den Transport deiner wenigen Sachen. Du kamst wieder nach Hause und machtest wieder genau da weiter, wo du aufgehört hattest — bis du» kaum mehr kriechen «konntest, deine» Geschäfte schleifen «ließest und mich» um zwei Scheinchen «batest, für» die allerletzten zehn Gramm Dope und bißchen Codein und Rohypnol zum Runterkommen«. Wenngleich du dich» uralt «fühltest, seiest du» nicht deine Oma«; du hättest nicht die Absicht,»demnächst ins Gras zu beißen«, zumal man das ja auch rauchen könne. So habe es angefangen, und nun müßtest du dich eben» wie die gefiederten Zitronen«(du meintest wohl Kanarienvögel) mit Hanf begnügen,»bis old Hein die Sichel wetzt und den Haary niedermäht — und alle Halme, die gelben und die grünen, die schwachen und die starken. Das ist dem piepegal«, sagtest du lächelnd; je weniger Grund es dafür gab, um so mehr lächeltest du. Du sperrtest hinter dem Bretterholz, von dem dir Frank drei Stapel spendiert hatte und das» irgendwann Bett, Tisch und Regal «werden sollte, deine neue Wohnung zu; ich überließ meine auf vorerst unbegrenzte Zeit einer Freundin, die frisch aus dem Osten gekommen war, und mietete über Clara ein Häuschen im Wendland, das eine ihrer Genossinnen, eine Freiburgerin namens Ilona Eisschädel, zu Anti-AKW-Kampfzeiten einem verängstigten Bauern abgekauft hatte, jedoch nur selten nutzte. Es lag, für unsere Zwecke ideal, an einem Waldpfad, die nächste Bushaltestelle fünfzehn Kilometer entfernt. Wir fuhren, samt den drei Koffern voll Fressalien, Zigaretten, Schnaps für mich, mit der Bahn und dann weiter im Taxi bis ans Gartentor. Soll ich dir von dem kalten Entzug erzählen?! Wie dreckig es dir ging, weiß keiner besser als du. Mich zerriß es fast vor Mitleid, obwohl ich sieben Tage lang deine verschissenen Bettlaken in einem Zinktrog sauberschrubbte; immerhin hörtest du nach acht Tagen auf zu toben und konntest am neunten einen Viertelliter Kamillentee trinken, ohne ihn gleich wieder auszuspucken. Nach zwanzig Tagen warst du über den Berg, nach vierzig reisten wir heim, und Ende November 1988 wurdest du wieder rückfällig, dann wieder krank; diesmal so schwer, daß du dich nicht mehr erholtest. Weihnachten und Silvester, den Januar 1989 und den halben Februar verbrachtest du wieder im Urban; ein Karzinom hatte deine Leber befallen, du mußtest operiert, der, wie du meintest,»winzige «Tumor entfernt werden. Doch wegen deiner HIV-Erkrankung konnten sie dich anschließend weder bestrahlen noch den Strapazen einer Chemotherapie aussetzen.»Immerhin«, sagte dein Arzt, habe» sich die Zahl deiner T-Helferzellen ziemlich konstant bei etwa 500 pro Mikroliter Blut eingepegelt«, und du hättest ein» leistungsfähiges Herz«.

«Ich möchte nach Spanien. Nirgends ist es so schön wie auf Teneriffa. Ich sehe mich am Playa de Los Cristianos im feinen grauen Sand liegen, zusammengerollt wie eine Viper. Die Sonne brennt herab, und meine schuppige Haut, die dem Sand gleicht, trinkt sie. Ich bin allein, ringsum weder Feinde noch Beute. Ich muß mich nicht bewegen, nicht am Tag und nicht in der Nacht. Ich höre nichts, weder das Meer noch Schiffe oder Vögel, denn ich habe keine Ohren, kein Verlangen, außer dem nach Wärme. Mir kann es gar nicht warm genug sein und nicht still genug. Auch wenn die Sonne geht, ich bleibe liegen, grab mich vielleicht ein bißchen ein im Sand, der die Wärme lange hält. Aber die Sonne geht ja nicht, nur unter. Und morgen kommt sie wieder, und ich bin immer noch da.«

Deine kleine, helle Moabiter Wohnung, die ich mit Marc so schön gestrichen hatte, sahst du nie wieder. Sie transportierten dich von der Klinik aus in ein nagelneues, von mehreren sozialen Instanzen gemeinsam bewirtschaftetes Projekt für pflegebedürftig gewordene Opiatabhängige und die ersten Aidskranken. Da du beides warst, gehörtest du zu den Pionieren des DIK; und DIK war nichts anderes als die initialisierte Schreibweise von Daheim im Kiez.