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Kiez, der Ausdruck ärgerte dich. Nie hätten Berliner ihre Gegenden Kietz genannt, und diese seltsame Brachlandschaft, in die es dich nun verschlagen habe, sei einem Kiez nicht ähnlicher als einem Kitz. Und damit hattest du verdammt recht. Ich entsinne mich genau meiner ersten Fahrt dorthin; wüst und leer war dieses Areal am Anhalter Bahnhof. Ich sprang, als der volle Bus nur für mich gehalten hatte, von dessen Trittbrett, im letzten Moment, weil ich nicht glauben wollte, daß ich hier richtig sei, schaute mich um und dachte: wie kurz nach dem Krieg; die Bahnhofsruine, ein Stück lückenhafte Stresemannstraße, der eingerüstete Martin-Gropius-Bau und, einen Steinwurf weiter, die Mauer, die von der Westberliner Seite aus nirgends sonst einen derart nackten Anblick bot. Dazwischen verdorrtes Unkraut und ein paar noch ödere Flächen, über denen Tauben, Möwen, Krähen kreisten. Keine anderen Wesen ließen sich sehen, kein Hund, kein Mensch; nicht eine Seele, die ich fragen konnte, wo die Bernburger Straße sei. Aber schließlich fand ich sie allein, obwohl ich schon drei-, viermal an ihr vorbeigelaufen war, denn die Nummern 9 A, B und C der Bernburger Straße befanden sich nicht in der Bernburger, sondern in einem entkernten Hinterhof der Stresemannstraße.

Du hattest eines der drei Zimmer im zweiten Stock bekommen, ein gutes Zimmer mit einem großen Fenster, aus dem man außer dem Flachdach einer Garage auch die nahe Kirche, das angrenzende Baugrundstück und weiter entfernt ein anscheinend ungenutztes Bürogebäude aus der Nazizeit sehen konnte. Doch du sahst das alles nicht, denn das neue Metallbett, das offenbar zum Inventar des ansonsten noch leeren Raumes gehörte, stand mit dem Kopfende unter dem Fenster, genauer zwischen diesem und der linken von vier zartblau getönten Wänden.

«Da ist ja mein Bärchen«, sagtest du leise, als ich eintrat. — Von jenem Tage an nanntest du mich nur noch Bärchen und nie mehr Baby. Ich fragte nicht, wie es dir ginge, das sah ich ja, sondern setzte mich neben dich auf das Bett, in dem du wenigstens nicht lagst. Du trugst einen häßlichen weinroten Trainingsanzug, der dir viel zu groß war.

Aus Armeebeständen, fragte ich.

«Soldat Krüger meldet sich zurück vom Frühsport. Darf er vielleicht noch fünfzig Kniebeugen machen?«sagtest du lächelnd.

Wir besprachen, welche von deinen Sachen du brauchen würdest und welche erst einmal nicht. Du wolltest deine Kleidung,»aber nur die schicken Teile«, und vor allem den Bademantel, außerdem den Sony-Plattenspieler und die Platten, Straßen-, Turn- und Hausschuhe, deine Fantasyromane, deinen Rasierapparat.

Und Möbel, fragte ich ein wenig vorwurfsvoll, was ist mit Möbeln? Oder soll ich dir Franks Bretter herkarren lassen?

«Die haben hier so einiges, Schränke, Tische, Stühle, alles gespendet und fast neu«, sagtest du.

Und Julis Plüschsofa, fragte ich mit geheucheltem Entsetzen.

«Das kann wieder da hin, wo ich es herhatte, auf den Sperrmüll«, gabst du lächelnd zur Antwort.

Und deine Wohnung, soll ich die nun abmelden, fragte ich weiter.

«Ich denke schon«, sagtest du und hörtest endlich auf zu lächeln. Du schriebst mir noch eine Bankvollmacht, erklärtest, der Leiter des Projekts, ein gewisser Sören, hätte auch eine. Ich solle mich also nicht sorgen. Falls ich dir dein Geld mal nicht gleich bringen könnte, müßtest du nicht verhungern.»Bin müde«, flüstertest du mir ins Ohr und rolltest dich an die Wand. Ich verstand. Du wolltest, daß ich mich zu dir lege; es war schon ein Ritual.

Wir schwiegen eine Weile, du streicheltest meinen Arm, ich dein feuchtes Haar. Dann fragte ich: Wenn du jetzt einen Wunsch frei hättest, nur einen einzigen, was würdest du dir wünschen?

«Zehn Wünsche«, sagtest du, ohne mit der Wimper zu zucken.

Darauf ich, wie zu einem Kind: Gut, dann eben einfacher. Fehlt dir etwas? Hast du irgendeinen halbwegs normalen Wunsch, den ich dir erfüllen könnte?

«Ja«, sagtest du nach einer Pause,»eine Pistole.«

Ich fuhr hoch und sah dich groß an. Die von der Drogenfahndung haben leider keine bei mir vergessen, versuchte ich zu scherzen, wurde aber gleich wieder ernst: Und selbst wenn, ich wüßte gar nicht, wo ich so ein Ding auftreiben sollte. Und glaubst du etwa, ich laufe da draußen rum und frage mich jede Minute, ob du noch lebst oder ob du dich schon erschossen hast, mit meinem Geschenk?

«Stimmt, das ist ein Problem«, sagtest du, nun wieder lächelnd.»Meine Kontakte sind auch nicht mehr das, was sie waren. Und vielleicht hätte ich ja nicht mal mehr die Kraft, den Abzughahn zu spannen. Trotzdem, Bärchen, denk darüber nach. Du mußt mir die Kanone nicht schenken, ich kann bezahlen.«

Ach, Harry, du ahnst nicht, wie oft ich tatsächlich darüber nachgedacht, mich gefragt habe, was dir erspart geblieben wäre, wenn ich meine Feigheit bezwungen und die Pistole besorgt hätte.

Ich hatte mir vorgenommen, dich mindestens einmal die Woche zu besuchen, aber ich schaffte es nicht. Nicht, weil ich keine Zeit gehabt hätte oder weil du mir gleichgültig geworden wärst, sondern, weil du mir das Herz brachst; eine andere Metapher wäre vielleicht weniger kitschig, doch auch weniger wahr. Jedesmal, wenn ich sah, wie du mich dort, in dieser nett hergerichteten Pension für Todkranke, lächelnd erwartetest, wie du mir, im Trainings- oder Schlafanzug, je nachdem, ob es dir etwas besser oder etwas schlechter ging, die Arme entgegenstrecktest und» da bist du ja, mein Bärchen «riefst, kamen mir die Tränen — und meistens konnte ich sie nicht aufhalten. — Und du zogst mich an deine Brust und sagtest tröstend,»nun sei nicht traurig, dein Haary ist bei dir «oder etwas Ähnliches.

Hätten mich der Verfall deiner Schönheit und das Schwinden deiner physischen Kräfte womöglich nicht so geängstigt, wenn die Abstände von einem Besuch zum nächsten kleiner gewesen wären? Und wäre ich öfter gekommen und hätte diese Veränderungen nicht plötzlich, sondern allmählicher wahrgenommen, ich hätte nichts gewonnen, jedenfalls nicht dich zurück. Von dem Harry, den ich liebte und noch liebe, hatte und habe ich ein ganz bestimmtes inneres Bild, das kein späteres überblenden oder gar verdrängen kann. Nur an diesem Bild maß ich, was ich sah. Ich fühlte mich wie ein Zollbeamter, der von einem alten Paßbild auf und in das — jenem Foto längst nicht mehr ähnliche — Gesicht der vor ihm stehenden Gestalt blickt und doch erkennt, ob es sich bei dem im Ausweis und dem Fünfzigjährigen, der gerade ein Flugzeug verlassen hat, um denselben Menschen handelt oder eben nicht. Dein Bild klebte (und klebt) in meinem Gedächtnis. Ich sah, daß du Harry warst, aber im Unterschied zu einem Zöllner erschrak ich jedesmal wieder und mehr, weil deine wirkliche Erscheinung diesem Bild immer weniger entsprach.

«Wenn es das geben würde, hätte ich gerne eine heißblütige Schlange, die müßte immer bei mir sein. Und orangegelbe Übergardinen wären ganz phantastisch, obwohl es die ja geben könnte. Ich liege da, wärme mich an meiner Schlange, und durch diese Vorhänge fällt das Licht. Jeden Tag ist es so, als ob die Sonne scheint, egal, was die da draußen für ein Mistwetter haben.«

Ich kam, wenn ich mich stark genug fühlte oder wenn du anriefst und mich, ohne daß deine Stimme jemals auch nur im entferntesten vorwurfsvoll geklungen hätte, fragtest, wo ich denn bliebe; beides wurde mit der Zeit seltener. Ich saß dann an deinem Bett, erkundigte mich nach dem Einerlei deines Alltags und danach, was du brauchen könntest. Manchmal hattest du keine Wünsche, außer dem einen, der unser Ritual war, manchmal hattest du doch welche. Du wolltest deinen Karatedress,»eine Zitrone zum Schnuppern«, meinen roten Bademantel,»aber nicht frisch gewaschen«, ein Stofftier, wenn möglich einen Tiger oder einen Affen, eine Portion Brühnudeln, eine Kohlroulade, ein Vanilleeis und» sonnengelbe Vorhänge«; auf die Pistole kamst du nie mehr zurück. Bei meinem jeweils nächsten Besuch brachte ich dir das beim jeweils letzten Bestellte. Oft konntest du dich gar nicht daran erinnern, daß du dieses oder jenes verlangt hattest, zogst dennoch ein erfreutes Gesicht und lobtest mich für die» schöne Überraschung«. Aber die gelben Vorhänge, die ich gemeinsam mit deinem Lieblingspfleger Wolfgang an deinem Fenster befestigte, die gefielen dir wirklich; und seit ich dein Heft gelesen habe, weiß ich, warum.