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Ich habe es, als ich dich kurz vor meiner Abreise noch einmal besuchte, nicht fertiggebracht, dir zu sagen, daß ich Berlin verlassen, weggehen würde, in ein anderes Land. Ich sagte, ich brauchte Urlaub und führe über den Jahreswechsel für drei, vier Wochen in die Schweiz. Ich glaubte wirklich, daß ich wenigstens alle zwei Monate nach Berlin käme; deshalb hatte ich meine Wohnung nicht auf-, sondern weitergegeben an jene Freundin, der ich sie, während wir beide im Wendland gewesen waren, schon einmal untervermietet hatte.

Du fühltest dich an diesem Tag, es war kurz vor Weihnachten, und ich hatte dir einen großen, nicht sehr teddyähnlichen Plüschbären mitgebracht, ziemlich mies.

«Denk nicht, Bärchen, daß der Dicke hier dich ersetzen könnte. Und nun hab eine schöne Zeit, halt dich grade und vergiß den Haary nicht«, sagtest du.

Wir umarmten uns, und ich ging. Bei den Pflegern, Wolfgang war leider nicht da, hinterließ ich meine Schweizer Adresse und meine Telefonnummer sowie reichlich Kaffee, Konfekt, ein Fläschchen Kognak und — für den Fall, daß du etwas benötigen würdest — zweihundert Mark in bar, die ich von meinem, nicht von deinem Konto abgehoben hatte. Ich bat sie, mich unbedingt anzurufen, wenn es dir schlechter ginge oder überraschend irgendein Problem auftauche. Sie versprachen, mit mir» in Kontakt «zu bleiben, und ich war frei, frei für die Schweiz, doch nicht von dir; aber das wußte ich damals noch nicht.

XX

Leibhaftig, in Fleisch und Blut, wie meine Oma gesagt hätte, sah ich dich zum letzten Mal am dreißigsten Januar 1990. Ich war nach Berlin gekommen, weil ich für die bevorstehende Hochzeit mit Urs einige Papiere brauchte, ein Ehefähigkeitszeugnis, eine beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde, das Dokument über meine» Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR«; und natürlich wollte ich dich auch besuchen.

Ich stieg U-Bahnhof Kochstraße aus, ging zu Fuß, sah mich um. Der Potsdamer Platz war noch nicht zur Kraterlandschaft geworden, die gespenstische Stille, die dort geherrscht hatte, noch nicht dem Baulärm gewichen; doch sie würde auch nicht zurückkehren, sowenig wie die Vögel und das Unkraut. Ich fragte mich, wer von uns zweien den sich ankündigenden enormen Veränderungen besser entzogen wäre, ich in Allschwil oder du hier, obwohl du ja mitten in der Keimzelle des Künftigen lagst. Ich war weggegangen, weil ich nicht zu Hause sein wollte, wenn sich beides auflöste, mein Ost- und unser Westberlin, hatte befürchtet, daß ich mich ebenso auflösen und womöglich verschwinden würde; da war ich lieber woandershin verschwunden. Fremd zu sein in der Schweiz fand ich normaler, als fremd zu werden in zwei Städten, die nicht bleiben konnten, was sie waren, und schon gar nicht wieder zu jener einen Stadt werden würden, die Berlin einst gewesen war, sondern etwas Neues, etwas, das noch keiner kannte und das mir, wenn es einmal fertig wäre, vielleicht gefiele; doch nicht jetzt, nicht am Anfang, der Chaos bedeutete, Abriß, Spekulation, Unsicherheit. Die meisten von uns» Aborigines«, egal, ob Ost-, West- oder Doppelberliner, das sah ich selbst aus der Ferne, fühlten sich während jener schwierigen Monate wie Asseln, die nach Asselart unter Steinen in einem verwilderten Garten gelebt hatten. Aber eine große Hand war gekommen, hatte die Steine fortgenommen, und nun irrten sie kopfscheu herum, die kleinen Wesen, oder stellten sich tot — und wünschten sich nur ihre Heimatsteine zurück; die Dunkelheit, die Ruhe, eben das, was sie gewohnt waren.

Du saßest vor deinem Minifernseher, löffeltest eine klare Brühe. Es schien dir viel besser zu gehen, und ich freute mich. Auch du strahltest mich an und legtest mir deine abgeheilten Arme um den Hals, dann erst hattest du einen Blick für die Geschenke übrig, die ich auf deinem Bett ausbreitete.

«So ein kleines Land und so große Schokoladentafeln«, nuscheltest du; deine Nase steckte in einem roten Kaschmirpullover, den ich dir vor die Brust hielt, um zu sehen, ob er paßte. Laß den Quatsch, sagte ich und tat, als wolle ich dir den Pullover wieder wegnehmen, doch du protestiertest lachend:»Nee, das ist meiner, der riecht so schön qualmig, wie du, Bärchen.«

Dann kamen die Nachrichten. Die ersten Bilder, die wir sahen, zeigten den Exstaatschef Erich Honecker, der am Vortag verhaftet worden war. Er stand, in Handschellen gelegt, zwischen zwei Polizisten, hatte einen Kaschmirmantel an und seine übliche Schapka auf und stierte trotzig, wenn nicht stolz, direkt in die Kamera. — Oder in deine Augen?

Denn mit dir ging eine seltsame Verwandlung vor; du legtest den Löffel, den du wieder zur Hand genommen hattest, wie in Trance neben die Schweizer Schokoladentafeln und erstarrtest. Ich schaute zwischen dir und dem Fernsehapparat hin und her. Und wahrhaftig, deine Augen füllten sich mit Tränen, ganz langsam, bis das Wasser die Barriere der Lidränder überwand und dir, Tropfen für Tropfen, die eingesunkenen Wangen hinablief. Du wischtest die Tränen nicht weg; du weintest, vollkommen lautlos. Noch nie hatte ich dich weinen sehen und wollte es kaum glauben. Die Bilder miteinander streitender Parlamentarier hatten die Honeckerbilder längst verdrängt; du weintest weiter. Ich griff nach deinem Arm. Harry, sagte ich, was ist denn bloß? Warum weinst du? Du schütteltest meine Hand ab, ließest dir aber ein Tempo — Tuch reichen.

«Kapierst du das nicht«, sagtest du — und blicktest mich nicht an,»den schmeißen sie wieder ins Loch. Dabei hat er schon zehn Jahre Knast hinter sich, genau wie ich. Ihm haben sie die ganze Jugend versaut, mir haben sie meine ganze Jugend versaut, er ist krank, ich bin es auch. Als er damals rauskam, gehörte die Macht seinesgleichen, und nach dem Spitzbart übernahm er die Führung. Hat mißtrauisch wie nur ein Knacki die Leute regiert und gewußt, ein paar von denen haben ihn ans Messer geliefert. Bloß, welche? Hat er eben vorsichtshalber alle eingesperrt, zur Strafe und aus Rache. Als sie mich endlich freiließen, mußte ich diese bescheuerte Therapie machen, doch wenn irgend jemand auf die Idee gekommen wäre, mir die Macht zu geben, ich hätte alles genauso gemacht wie er.«

Ich war, ob deiner seit zwei Jahren längsten und mir unbegreiflichsten Rede, zu verblüfft, um mit dir eine Diskussion anzufangen; außerdem hatte Wolfgang am Telefon von den Toxoplasmoseschüben erzählt, die du gehabt hättest. Womöglich, dachte ich, ist dein Verstand tatsächlich zu Schaden gekommen. Warum sonst konnte dich das Schicksal eines alten Knochens, der unsereins lange genug drangsaliert hatte, derart erregen? — Man würde diesen abgesägten Unbelehrbaren bald wieder laufenlassen, gerade weil er krank und hinfällig war, und den traurigen Rest seines Lebens würde er, wennschon nicht in Wandlitz, so doch im Schoße eines Rechtsstaates verbringen. — Nein, ich wußte damals noch nicht, daß sich der Maßstab, nach dem der Mensch urteilt, vor allem aus der Summe seiner ureigenen Erfahrungen ergibt; auch diese Erkenntnis verdanke ich dir. Anders als ich hattest du in dem gefesselten Honecker nicht den gestürzten Despoten gesehen, der für seine Taten nun endlich zur Verantwortung gezogen wird, sondern den Knastbruder, der zurück ins Gefängnis muß, dem also das widerfuhr, was ein ehemaliger Häftling offenbar mehr fürchtet als den Tod.

Du starbst am vierzehnten April 1990, zwei Tage nach deinem sechsunddreißigsten Geburtstag, um 21 Uhr 48.

Am zwölften April hatte ich, gepiesackt von meinem schlechten Gewissen, im DIK angerufen und dir gratulieren wollen. Zufällig oder nicht hatte Wolfgang den Hörer abgenommen. Nein, sagte er, ich könne dich jetzt nicht sprechen. Du wärst zu schwach, um aufzustehen. Deine Leber sei in einem kritischen Zustand, du hättest wieder eine Lungenentzündung und Fieber, so hohes, daß dir sicher egal wäre, welcher Tag heute sei. Sie hätten erwogen, dich in die Klink einzuweisen, doch du hättest dich geweigert und euch dies auch schriftlich bestätigt;»keine lebensverlängernden Maßnahmen«. —»Komm her«, sagte Wolfgang,»es kann jetzt sehr schnell gehen.«