Wie lange noch, fragte ich.
«Ich wage keine Prognose, aber bald«, lautete seine Antwort.
Ich flog am fünfzehnten April nach Berlin und ließ mich von einem Taxi in die Bernburger Straße bringen. Dich hatte man schon» weggebracht«. Ich weinte, wollte wissen, wo Wolfgang sei und warum mich gestern niemand angerufen hätte.»Wolfgang?«sagte eine Pflegerin, die ich nicht kannte, mit kaum verhohlener Empörung:»Der hatte ein freies Wochenende, endlich mal. «Er sei auch noch nicht» informiert«, weil er erst morgen wiederkäme. Aber sowieso müsse ich mit Wolfgang sprechen, denn er habe» das Letzte mit Herrn Krüger abgemacht«. Sie jedenfalls sei neu, und sie habe gestern keinen Dienst gehabt, dich also nicht» begleitet«.
Am nächsten Tag übergab mir Wolfgang dein handschriftliches Testament, das mich zur» Universalerbin «bestimmte, und zwei volle Umzugskartons.»Schau nach, was du sofort haben willst. Das andere kann vorläufig hierbleiben. Ich hebe es für dich auf«, sagte er.
Als ich ihn bei einer Zigarette fragte, wer denn nun an deinem Bett gesessen hätte und mir schildern könnte, wie du gestorben bist, gab er zur Antwort:»Robert, auch ein Neuer, ein Student, doch der kommt wohl nicht wieder. Zu mir sagte er heute morgen nach seiner Nachtwache, Harry sei unter Schmerzen, aber ohne Zaudern in den Styx gesprungen, ja, er habe sich dem Tod regelrecht in die Arme geworfen.«
Ich steckte dein Testament ein und schenkte Wolfgang oder dem DIK das wenige, das hier weiterhin gebraucht werden würde: deine gelben Vorhänge, den Plattenspieler, den Fernseher, die Bettwäsche. Er hatte gefragt; von selbst wäre mir das sicher nicht eingefallen.
Das, was ich 1990 nicht mitgenommen hatte, holte ich erst ein Jahr später ab, nachdem mich DIK — Chef Sören Arnold per Einschreiben dazu aufgefordert und mir angedroht hatte, die Sachen ansonsten zu vernichten. — In einem der beiden Umzugskartons lag ganz zuunterst auch dein Heft, das ich jedoch erst las, als ich endlich mal alles ausgepackt hatte.
Jahrelang wollte ich mit deinen Hinterlassenschaften nichts zu tun haben. Ich konnte mich nicht überwinden, die verblichenen Bildchen, die Dokumente mit deinen Paßfotos, Julis Kette, die Porzellanpferde, die Stofftiere, die Doors — Platten anzuschauen, deine Hemden, Hosen, Pullover, Bademäntel, Schlafanzüge … zu berühren und zu riechen.
Doch eines Tages kurz vor der Jahrtausendwende, ich war längst von Urs geschieden und schon seit 1992 wieder allein in meiner Moabiter Wohnung, wuchtete ich die Kartons vom Hängeboden, streifte meinen Bademantel ab, schlüpfte in deinen mottenzerfressenen roten Kaschmirpullover, setzte mich auf ein Kissen und fing an zu wühlen. Zuerst betrachtete ich die Fotos, die von dir als Kind, die von dir und den Klingsbrüdern, die von Friede in deinem Schoß, die von uns beiden vor dem Moabiter Karstadt — Warenhaus. Ich studierte jede Seite deines Reisepasses, deines Personalausweises, deines Facharbeiterbriefes, untersuchte — aufs neue erstaunt — deinen Führerschein, der selbst einem Expolizisten völlig unverdächtig gewesen war, und das Kunstlederetui, in dem deine Postbankkarte, zwei Zettelchen mit Telefonnummern, ein paar Briefmarken und eine aus irgendeinem Karateprospekt oder einem Kalender herausgerissene Weisheit steckten; »Es gibt drei Wege, um klug zu werden: durch Nachdenken, das ist der Edelste, durch Nachahmung, das ist der Einfachste, durch Erfahrung, das ist der Bitterste.«(Konfuzius)
Und schließlich zog ich aus einem kleinen, unter einer Lasche zwischen zwei Fächern verborgenen Schlitz, den ich erst gar nicht bemerkt hatte, zu meiner nicht geringen Überraschung noch einen Fünfhundertmarkschein, junkiespezifisch gefaltet, einmal quer, zweimal längs. Ich schaute auf den rotbraunen Schein, streichelte den Löwenzahn und die eines seiner Blätter fressende, wunderschöne Raupe des Grauen Streckfußfalters, dann das sanft lächelnde Gesicht der Maria Sibylla Merian und dachte daran, wie du einmal gesagt hattest, die Fünfhunderter seien dir die liebsten, nur für sie empfändest du» fast was Erotisches«. Ich weinte, schon die ganze Zeit, aber nun erst recht, und versunken in den Anblick der feenhaft zarten Wespe neben dem Porträt der Künstlerin, fragte ich mich, ob sie vielleicht ein Zeichen sei, und wenn ja, wofür.
Nichts Gravierendes ist mehr geschehen; mein Leben geht einfach weiter. Ich erledige, sowie sich eine Gelegenheit bietet, diesen oder jenen Job, koche mir abends eine Suppe und trinke eine Flasche Wein. Der Lottogewinn ist verbraucht, deine Soja auch. Ich habe es noch mit drei, vier Männern versucht und ihnen nicht nachgetrauert, als sie mich verließen, weil ich, wie der letzte sagte,»immer so abwesend und abweisend «sei. Mittlerweile beziehe ich Sozialhilfe und Wohngeld und mache keine Diäten mehr. Ich war dabei, mich aufzugeben, bis ich dein Heft las und entdeckte, daß ich ja mit dir reden, dir sogar schreiben kann. Vielleicht nehme ich irgendwann einmal deinen Fünfhunderter und finde heraus, was nun eigentlich dran ist an dem Zeug, das uns getrennt hatte, schon ehe der Tod es tat, und vor dem du mich bewahrt hattest wie vor der Infektion. Ich habe manches probiert, aber Dope noch nie. Und wenn ich, morgen oder übermorgen, erfahren sollte, daß ich Krebs hätte, nicht zu retten wäre, würde dein Schein wohl reichen für einen grandiosen Abschied. Bis dahin gucke ich unseren Film: Wir liegen auf den Matratzen, Kopf an Kopf, bewegen uns kaum, atmen flach. Deine Augen sind geschlossen, meine schauen hoch zum offenen Fenster … Wir haben einander und Zeit; nichts sonst, doch davon ganz viel, obwohl es scheint, als existiere sie gar nicht mehr.
Das Buch
«Wie ich vor vielen Jahren war: jünger, schöner und meistens neben dir.«
Westberlin im Jahr 1987: Soja, gelernte Setzerin, Republikflüchtling, Aushilfsblumenhändlerin mit weitem Herzen, trifft Harry, groß, frei, still-entschlossen, abgründige Vergangenheit, düstere Zukunft. Und fortan bestimmt sein Schicksal ihr Leben.
Geblieben ist ein Schulheft mit undatierten Einträgen, genau neunundachtzig Sätze, in denen Harry festhielt, was ihn beschäftigte, während er mit Soja zusammen war. Vieles kommt vor, eine fehlt: Soja. Jahre später macht sie sich daran, die gemeinsame Geschichte zu erzählen und die Leerstelle zu füllen, die Harry hinterließ. Sie erinnert sich an den Mann, der sie durch seine Entschiedenheit beeindruckt, gleich anfangs mit einem Geschenk verstört und ihr Herz mit einem Kinderkuss erobert hat — und um den sie sich leidenschaftlich und wider alle Vernunft bemüht.
Obwohl er sich in jeder Hinsicht bedeckt hält, gibt Harry einiges preis: nach einem Raubüberfall zehn Jahre im Knast, auf Bewährung draußen, Bewährungsauflagen verletzt, weil Drogentherapie abgebrochen, angewiesen auf neue Maßnahme, sonst umgehende Inhaftierung. Und das bringt Soja nicht gegen ihn auf, sondern auf Trab. Sie organisiert eine neue Therapie, verpflichtet ihre wenigen Freunde zu einer lückenlosen Begleitung und ignoriert doch alle Indizien dafür, dass Harry ihr manches verschwiegen hat. Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis die nächste Bombe platzt.
Katja Lange-Müller, vielfach ausgezeichnete Meisterin der Erzählung, greift dem Leser mit diesem lange erwarteten Roman ans Herz: Einfühlsam, komisch und in einer melancholischen Tonlage erzählt sie davon, wie eine unglückliche Liebesgeschichte das größte Glück im Leben sein kann und liefert fast nebenbei ein atmosphärisch dichtes Porträt des geteilten, stillstehenden Berlins der 80er-Jahre.