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Am frühen Abend zeigte der Retriever nichts von dem auffallenden Verhalten, das Travis' Fantasie so beschäftigt hatte. Er beobachtete den Hund, manchmal direkt, manchmal heimlich; aber er sah nichts, was seine Neugierde geweckt hätte.
Er bereitete für sich ein Abendbrot aus mit Schinken, Salat und einer Tomate belegten Broten und machte für den Retriever eine Dose Alpo auf. Das Alpo schien ihm zu schmecken, er vertilgte das Zeug mit großen Bissen, zog aber ganz offenkundig Travis' Essen vor. Der Hund saß neben seinem Stuhl auf dem Küchenboden und sah ihn unglücklich an, als er an dem mit rotem Kunststoff belegten Tisch zwei Sandwiche aß. Schließlich gab er ihm zwei Streifen Schinken.
An seinem hundehaften Betteln war nichts Außergewöhnliches. Er führte auch keine verblüffenden Tricks vor. Er leckte sich nur die Lefzen, winselte hier und da und zeigte wiederholt sein kleines Repertoire an Mitleid und Mitgefühl heischenden Klagemienen. Jeder andere Hund hätte sich auf dieselbe Art bemüht, einen Leckerbissen zu bekommen.
Später schaltete Travis im Wohnzimmer den Fernseher ein, und der Hund rollte sich auf der Couch neben ihm ein. Nach einer Weile legte er ihm den Kopf auf den Schenkel und ließ erkennen, daß er gestreichelt und hinter den Ohren gekratzt werden wollte, was Travis auch tat. Gelegentlich warf der Hund einen Blick auf den Fernseher, schien sich aber nicht sonderlich für das Programm zu interessieren.
Auch Travis war nicht nach Fernsehen zumute. Was ihn jetzt interessierte, war einzig und allein der Hund. Er wollte sich näher mit ihm befassen und dazu bringen, weitere Tricks zu zeigen. Obwohl er überlegte, wie er ihn dazu veranlassen könnte. Beweise seiner erstaunlichen Intelligenz zu liefern, fielen ihm keine Prüfungen ein, mit denen sich die geistige Kapazität des Tieres verläßlich würde messen lassen.
Außerdem sagte eine innere Stimme Travis, daß der Hund bei einem Test nicht mitmachen würde. Die meiste Zeit schien er seine Klugheit instinktiv zu verbergen, Travis erinnerte sich an sein Ungeschick und seine geradezu komische Tollpatschigkeit bei der Verfolgung des Schmetterlings und stellte dieses Verhalten der Geschicklichkeit und Klugheit gegenüber, die nötig gewesen waren, um den Wasserhahn im Hof aufzudrehen; Zwei völlig verschiedene Tiere schienen hier am Werk gewesen zu sein. So verrückt die Vorstellung war, Travis argwöhnte, der Retriever wünsche es nicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und zeige seine unheimliche Intelligenz nur in Krisenzeiten (wie im Wald), wenn er sehr hungrig war (als er den Handschuhkasten öffnete, um an den Schokoladenriegel zu kommen) oder wenn niemand zusah (wie beim Aufdrehen des Wasserhahns).
Es war ein unsinniger Gedanke, bedeutete er doch, daß der Hund nicht nur für einen Angehörigen seiner Spezies hochintelligent war, sondern auch um das Außergewöhnliche seiner Fähigkeiten wußte. Hunde - eigentlich alle Tiere - verfügten einfach nicht über das hohe Maß an Selbsterkenntnis, dessen es bedurfte, um sich mit anderen Artgenossen zu vergleichen. Vergleichende Analyse war eine rein menschliche Fähigkeit.
Wenn ein Hund besonders schlau war und viele Tricks konnte, wußte er deshalb noch lange nicht, daß er sich damit von den meisten seiner Artgenossen unterschied. Anzunehmen, daß dieser Hund tatsächlich um solche Dinge wußte, hieß, ihm nicht nur außergewöhnliche Intelligenz zuzuschreiben, sondern auch die Fähigkeit der Anwendung von Vernunft und Logik, also ein rationales Urteilsvermögen, das dem Instinkt weit überlegen war, der die Entscheidungen aller anderen Tiere lenkte.
»Du«, sagte Travis, zum Retriever gewendete und strich ihm dabei sachte über den Kopf, »bist das Rätsel im Rätsel. Oder ich bin reif für die Gummizelle.«
Der Hund schaute zu ihm her, als er seine Stimme hörte, sah ihm einen Augenblick lang in die Augen, gähnte - und fuhr plötzlich mit dem Kopf in die Höhe und starrte an ihm vorbei auf die Bücherregale zu beiden Seiten des Bogenganges, der Wohnzimmer und Speisezimmer miteinander verband. Der zufriedene, dümmliche Hundeblick war jenem wachen Interesse gewichen, das Travis schon erlebt hatte und das weit über normale hündische Wachsamkeit hinausging.
Der Retriever sprang vom Sofa und stürmte zu den Bücherregalen. Dort rannte er hin und her und schaute zu den bunten Rücken der säuberlich geordneten Bände hinauf.
Travis hatte das Haus zur Gänze möbliert gemietet - wenn auch fantasielos und billig eingerichtet, mit Polsterungen, die nach ihrer Dauerhaftigkeit (Vinyl) oder ihrer Eignung, hartnäckige Flecken zu verbergen (mit die Augen schmerzendem Karomuster) ausgewählt worden waren. Anstelle von Holz gab es Unmengen von Kunststoff mit künstlicher Holzmaserung, der gegenüber Schlag, Stoß und Brennflecken von Zigaretten widerstandsfähig war. Buchstäblich das einzige im Raum, das Travis' persönlichen Geschmack und seine persönlichen Interessen widerspiegelte, waren die Bücher - Taschenbücher und Hardcovers -, die die Regale im Wohnzimmer füllten,
Den Hund schienen zumindest ein paar dieser einige hundert umfassenden Bände hochgradig zu interessieren.
Travis stand auf und sagte: »Was ist denn, Junge? Was regt dich denn so auf?«
Der Retriever stellte sich auf die Hinterbeine, legte die Vorderpfoten auf eines der Regale und beschnüffelte die Buchhüllen. Er schaute Travis an und wandte sich dann wieder seiner eifrigen Untersuchung der Bibliothek zu.
Travis ging zu dem betreffenden Regal, nahm einen der Bände heraus, an die der Hund die Schnauze gedrückt hatte ->Die Schatzinsel< von Robert Louis Stevenson - und hielt es ihm hin. »Das da? Interessiert dich das?«
Der Hund studierte das Bild von Long John Silver und einem Piratenschiff, das den Schutzumschlag zierte. Er blickte zu Travis auf, schaute auf Long John Silver nieder. Einen Augenblick danach ließ er sich wieder auf alle viere sinken, rannte zu den Regalen auf der anderen Seite des Bogens, richtete sich erneut auf den Hinterbeinen auf und begann andere Bücher zu beschnüffeln.
Travis stellte >Die Schatzinsel< zurück und folgte dem Retriever. Der drückte jetzt seine feuchte Nase an eine Sammlung von Charles-Dickens-Romanen. Travis griff nach einer Taschenbuchausgabe von >Zwei Städte<.
Wieder studierte der Retriever die Umschlagsillustration genau, als versuchte er herauszufinden, wovon das Buch handelte, und sah dann Travis erwartungsvoll an.
Total verblüfft meinte der: »Die Französische Revolution. Guillotine, Hinrichtungen. Tragödien und Heldentum. Es... äh... nun, es handelt davon, daß Individuen wichtiger sind als Gruppen und daß man dem Leben eines Mannes oder einer Frau viel größere Bedeutung beimessen muß als dem Fortschritt der Massen.«
Der Hund wandte sich wieder den Bänden in den Regalen zu und schnüffelte, Schnüffelte unablässig,
»Das ist doch Quatsch«, sagte Travis und stelle >Zwei Städ-te< wieder dorthin, woher er es genommen hatte. »Mein Gott, jetzt fange ich an, einem Hund Inhaltsangaben von Büchern zu liefern!«
Der Retriever ließ seine großen Pfoten auf das nächste Regal fallen, bekeuchte und beschnüffelte die Literatur dieser Reihe. Als Travis keines der Bücher zur Inspektion herauszog, drehte der Hund den Kopf zur Seite, um ihn ins Regal zu bekommen, packte sachte einen der Bände mit den Zähnen und versuchte ihn herauszuziehen, um ihn besser inspizieren zu können.
»Mann!« sagte Travis und griff nach dem Buch. »Ich will deinen Geifer nicht auf den Einbänden haben, Pelzgesicht.
Das hier ist »Oliver Twist<. Wieder ein Dickens. Die Geschichte eines Waisenjungen im Viktorianischen England. Er läßt sich mit zwielichtigen Gestalten ein, der kriminellen Unterwelt, und sie... «
Der Retriever ließ sich auf den Boden fallen und trottete zurück zu den Regalen auf der anderen Seite des Bogens, wo er fortfuhr, die in Reichweite befindlichen Bände zu beschnuppern. Travis hätte schwören mögen, daß er wehmütig zu den Büchern hinaufspähte, die höher oben standen.