Sie besaß keine Schußwaffe.
Sie fühlte sich klein, zerbrechlich und schrecklich allein.
Ob sie die Polizei rufen sollte? Aber was sollte sie denen sagen? Daß sie sexuell belästigt wurde? Das würde Riesengelächter auslösen, Sie ein Sexualobjekt? Sie war eine alte Jungfer, schlicht und einfach, jedenfalls alles andere als der Typ, der einem Mann den Kopf verdrehte und in ihm erotische Träume auslöste. Die Polizei würde annehmen, daß sie das Ganze entweder erfunden hatte oder daß sie hysterisch war. Oder, daß sie Strecks Höflichkeit als sexuelles Interesse mißdeutete, genau das, was auch sie anfangs gedacht hatte.
Sie zog über dem weiten Männerpyjama, den sie trug, einen blauen Morgenmantel an und verknotete den Gürtel. Barfuß eilte sie in die Küche hinunter, wo sie zögernd ein Fleischermesser aus dem Fächergestell neben dem Ofen zog. Das Licht rann wie ein dünner Quecksilberstrom über die scharfgeschliffene Schneide.
Während sie das blitzende Messer in der Hand drehte, sah sie ihre Augen im Spiegel der breiten, flachen Klinge. Sie starrte sich im polierten Stahl an und fragte sich, ob sie es fertigbringen würde, eine so schreckliche Waffe gegen ein anderes menschliches Wesen zu gebrauchen, selbst in Notwehr.
Sie hoffte, es nie erfahren zu müssen.
Als sie wieder oben war, legte sie das Fleischermesser auf den Nachttisch, in Reichweite.
Sie zog den Morgenrock aus, setzte sich auf die Bettkante, schlang die Arme um ihren Leib und versuchte ihr Zittern zu beruhigen.
»Warum gerade ich?« sagte sie laut. »Warum hat er es ausgerechnet auf mich abgesehen?«
Streck hatte gesagt, sie sei hübsch, aber Nora wußte, daß das nicht stimmte. Ihre eigene Mutter hatte sie bei Tante Violet zurückgelassen und war in achtundzwanzig Jahren nur zweimal gekommen, das letzte Mal, als Nora sechs war. Ihren Vater hatte sie nie gekannt, und von den anderen Devon-Verwandten wollte niemand sie aufnehmen - ein Faktum, das Violet in aller Offenheit Noras wenig ansprechender Erscheinung zuschrieb. Und deshalb konnte, auch wenn Streck sagte, sie sei hübsch, unmöglich sie es sein, die er begehrte. Nein, was er wollte, war der Nervenkitzel. Ihr Angst machen, Macht über sie ausüben, ihr weh tun, das wollte er. Solche Leute gab es.
Sie hatte in Büchern und Zeitschriften über sie gelesen. Und Tante Violet hatte tausendmal gewarnt, wenn je ein Mann mit süßen Worten und süßem Lächeln daherkäme, würde er sie in den Himmel heben, bloß um sie später um so tiefer hinabzustürzen und ihr noch mehr weh zu tun.
Nach einer Weile legte sich das Zittern. Nora stieg wieder ins Bett. Was von ihrer Eiskrem übriggeblieben war, war geschmolzen, und sie stellte die Schale auf dem Nachttisch ab.
Sie nahm wieder den Dickens-Roman zur Hand und versuchte sich neuerlich in die Geschichte von Pip zu vertiefen. Aber sie war nicht ganz bei der Sache, warf immer wieder Blicke zum Telefon hinüber, auf das Fleischermesser - und durch die offene Tür hinaus auf den Flur, wo sie die ganze Zeit Bewegung wahrzunehmen glaubte.
3
Travis ging in die Küche, und der Hund folgte ihm.
Er deutete auf den Kühlschrank und sagte: »Zeig es mir. Tu es noch mal. Hol mir ein Bier. Zeig mir, wie du es gemacht hast.«
Der Hund rührte sich nicht.
Travis kauerte sich nieder. »Jetzt hör mir mal zu, Pelzgesicht - wer hat dich aus dem Wald rausgeholt, weg von dem, das dich verfolgte, was immer das gewesen ist? Ich. Wer hat Hamburger für dich gekauft? Ich. Ich hab' dich gebadet, dir zu fressen gegeben und ein Zuhause. Jetzt schuldest du mir was. Hör jetzt auf, dich zu zieren. Wenn du dieses Ding öffnen kannst, dann tu es!«
Der Hund trottete zu dem altersschwachen Frigidaire, ging mit dem Kopf an die untere Ecke der emaillierten Tür, packte den Rand mit den Zähnen und zog nach hinten, mit dem ganzen Körper nachhelfend. Die Gummidichtung öffnete sich mit einem kaum hörbaren saugenden Geräusch. Die Tür schwang auf. Der Hund schlüpfte schnell in die Öffnung, sprang hoch und stützte sich mit beiden Vorderpfoten an einem Regal ab. »Da soll mich doch der Teufel holen!« sagte Travis und trat näher.
Der Retriever spähte in das zweite Regal, in dem Travis Dosen mit Bier, Diät-Pepsi und V-8-Gemüsesaft lagern hatte. Er schnappte sich eine weitere Bierdose, fiel auf die Vorderpfoten nieder und ließ die Kühlschranktür wieder zufallen, während er zu Travis kam,
Er nahm das Bier in Empfang. Dann stand er da, in jeder Hand eine Dose, betrachtete den Hund und meinte schließlich, mehr zu sich selbst, als zu dem Tier gewendet: »Okay, dann hat dir also jemand beigebracht, wie man eine Kühlschranktür aufkriegt. Er hätte dir sogar beibringen können, eine bestimmte Biersorte zu erkennen, sie von anderen Sorten zu unterscheiden und sie herbeizuholen. Aber ein paar Rätsel bleiben da trotzdem noch offen. Ist es wahrscheinlich, daß die Marke, die sie dir eingebleut haben, dieselbe ist, die ich in meinem Kühlschrank habe? Möglich, ja, aber nicht wahrscheinlich. Außerdem hab' ich dir nichts befohlen. Ich habe nicht gesagt, du sollst mir ein Bier holen. Du hast es von selbst getan, so als hättest du gedacht, ein Bier wäre genau das, was ich im Augenblick brauche. Und so war es auch.«
Travis stellte eine Dose auf den Tisch. Die andere wischte er an seinem Hemd sauber, ließ den Verschluß knacken und nahm ein paar Schlucke, daß der Hund die Dose im Maul gehabt hatte, störte ihn nicht. Die erstaunliche Vorführung des Tieres erregte ihn zu sehr, als daß er sich wegen Bakterien Sorgen gemacht hätte. Außerdem hatte der Retriever beide Dosen an der Unterseite gepackt, als wäre er um Hygiene besorgt gewesen.
Der Retriever beobachtete ihn beim Trinken.
Als er das Bier zu einem Drittel getrunken hatte, sagte Travis: »Es hat ja gerade so ausgesehen, als hättest du verstanden, daß ich nervös war, unruhig, und ein Bier mir helfen wür-
de, mich zu entspannen. Jetzt frag' ich dich: Ist das verrückt -oder was sonst? Wir reden hier von analytischem Denken. Okay, Tiere können also häufig die Stimmung ihrer Herren fühlen. Aber wie viele Tiere wissen, was Bier ist, und wie viele begreifen, daß es ihren Herrn und Meister freundlicher stimmt? Und außerdem, woher wußtest du, daß Bier im Kühlschrank ist? Du könntest es irgendwann am Abend gesehen haben, als ich das Essen zubereitete. Aber trotzdem...«
Seine Hände zitterten. Er trank wieder. Die Dose stieß klappernd gegen seine Zähne.
Der Hund ging um den Tisch mit dem roten Kunststoffbelag herum und zu den zwei Türchen unter dem Ausguß. Er machte eines davon auf, steckte den Kopf in die dunkle Öffnung, holte den Beutel mit Hundekuchen heraus und brachte ihn Travis.
Der lachte und sagte: »Nun, wenn ich ein Bier kriege, dann hast du dir wohl auch einen Leckerbissen verdient, was?« Er nahm dem Hund den Beutel weg und riß ihn auf. »Du meinst, ein paar Hundekuchen könnten dich aufheitern. Pelzgesicht?« Er stellte den offenen Beutel auf den Boden. »Bedien dich selber. Ich verlass' mich darauf, daß du dich nicht überfrißt wie ein gewöhnlicher Hund.« Er lachte wieder. »Verdammt, ich glaube, ich könnte dir sogar meinen Wagen anvertrauen!«
Der Retriever holte sich ein Stück Hundekuchen aus der Packung, setzte sich mit gespreizten Hinterbeinen hin und zerbiß es krachend.
Travis zog sich einen Stuhl hervor, setzte sich an den Tisch und sagte: »Du bringst mich so weit, daß ich an Wunder glaube. Weißt du, was ich heute morgen im Wald gemacht habe?« Der Hund war völlig auf seinen Hundekuchen konzentriert und schien für den Augenblick jegliches Interesse an Travis verloren zu haben.
»Das war für mich eine Art empfindsamer Reise; ich hoffte die Freuden wiederzufinden, die mir die Santa Anas, als ich ein Junge war, bereiteten, damals, bevor... alles so dunkel wurde. Ich wollte ein paar Schlangen schießen, wie ich das als Junge tat, ein Stück marschieren, die Gegend erforschen und wie in alten Tagen einssein mit der Natur. Denn schon eine ganz Zeit lang ist mir ziemlich egal gewesen, ob ich lebe oder sterbe.«