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»Es ist schön, dass Sie anrufen, Oscar«, sagte Lorena. »In letzter Zeit machen Sie sich rar.«

»Es ist nett, dass Sie das sagen. Wie läuft es bei Ihnen? Sagen Sie mir die Wahrheit.«

»Ach, wir hangeln uns von einem Tag zum anderen durch. Die Ärzte meinen, er mache große Fortschritte.«

»Wirklich?«

»Ja, es ist schon erstaunlich, was man im amerikanischen Gesundheitssystem mit ein paar Millionen Dollar ausrichten kann. Er ist guter Dinge.«

»Tatsächlich.«

»Er ist wirklich guter Dinge. Sein Zustand ist stabil. Die meiste Zeit über ist er sogar bei klarem Verstand.«

»Lorena, habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, wie unendlich Leid mir das alles tut?«

Sie lächelte. »Der gute alte Oscar. Wissen Sie, ich habe mich dran gewöhnt. Ich komme damit klar. Ich hätte nicht geglaubt, dass das möglich wäre – vielleicht ist es auch gar nicht möglich –, aber es ist machbar. Aber wissen Sie, was mir wirklich Sorgen bereitet? Nicht die Sympathiebekundungen oder die Medienberichterstattung, die Fanclubs und all das… Sondern diese Idioten, die glauben, eine Gemütskrankheit sei etwas Glamouröses, Romantisches. Sie meinen, verrückt zu werden sei eine Art spirituelles Abenteuer. Das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Es ist furchtbar. Es ist banal. Ich lebe mit jemandem zusammen, der banal geworden ist. Mein geliebter Mann war der am wenigsten banale Mensch, dem ich je begegnet bin. Er hatte so viele Facetten und sprühte vor Ideen; er war energisch, klug und charmant. Jetzt ähnelt er einem großen Kind. Einem nicht sehr hellen Kind, das man täuschen und manipulieren, aber mit dem man nicht vernünftig reden kann.«

»Sie sind sehr tapfer. Ich bewundere Sie für Ihre Haltung.«

Lorena brach in Tränen aus. Sie massierte sich mit ihren wunderschön gepflegten Fingerspitzen die Augen. »Jetzt weine ich, aber… Das macht Ihnen doch nichts aus, oder? Sie sind einer der wenigen, die uns damals wirklich nahe standen.«

»Es macht mir nichts aus.«

Nach einer Weile schaute Lorena hoch, das angespannte Gesicht gefasst und heiter. »Aber Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wie es Ihnen geht.«

»Mir, Lorena? Es könnte gar nicht besser gehen! Hier tun sich erstaunliche Dinge. Unglaubliche Entwicklungen, äußerst faszinierend.«

»Sie haben stark abgenommen«, sagte sie. »Sie sehen müde aus.«

»In letzter Zeit hatte ich unter Allergien zu leiden. Solange die Luft gefiltert wird, geht es mir gut.«

»Wie ist Ihr neuer Job beim Präsidenten? Es muss aufregend sein, im NSR zu arbeiten, jetzt wo ein Krieg vor der Tür steht.«

Oscar öffnete den Mund. Es stimmte; er arbeitete für den Nationalen Sicherheitsrat, und es stand ein Krieg vor der Tür, und trotz seiner Randstellung und seines geringen Interesses an Außenpolitik wusste er eine ganze Menge. Er wusste, dass der Präsident eine Flotte schrottreifer Schlachtschiffe über den Atlantik schicken wollte. Er wusste, dass der Präsident ungeachtet der Entscheidung des Kongresses fest entschlossen war, einen Ersatzkrieg zu provozieren. Er wusste, dass die rostzerfressene amerikanische Flotte in einer Zeit der zielgenauen billigen Missiles und der Flugdrohnen so leicht zu treffen war wie eine reglos verharrende Entenschar.

Außerdem wusste er, dass er seinen Job verlieren und wahrscheinlich wegen Spionage angeklagt werden würde, wenn er mit einer Senatorengattin darüber spräche. Oscar klappte den Mund wieder zu.

»Ich bin bloß Wissenschaftsberater«, sagte er schließlich. »Der Senator weiß bestimmt mehr darüber als ich.«

»Möchten Sie ihn sprechen?«

»Sehr gern.«

Lorena verschwand. Oscar klappte den Nomadenlaptop auf, warf einen Blick auf den Bildschirm, klappte ihn wieder zu.

Der Senator kam ins Bild. Er trug einen Pyjama und einen Hausmantel aus blauem Samt. Sein Gesicht wirkte plump, wie poliert und eigentümlich formlos, als habe die dahinter stehende Persönlichkeit die Verbindung zu den Gesichtsmuskeln verloren.

»Oscar!« dröhnte Bambakias. »Der gute alte Oscar! Ich denke jeden Tag an Sie.«

»Schön zu wissen, Senator.«

»Sie leisten prima Arbeit in der Forschungseinrichtung. Wirklich prima Arbeit. Ich wünschte, ich könnte Ihnen dabei helfen. Vielleicht sollten wir morgen mal rüberfliegen! Das wäre schön. Wir würden Ergebnisse erzielen.«

Lorenas Stimme ertönte. »Morgen ist eine Anhörung, Alcott.«

»Anhörungen, immer nur Anhörungen. Na gut. Aber ich halte mich auf dem Laufenden! Ich halte mich auf dem Laufenden. Ich weiß, was vorgeht, ja wirklich! Sie bewirken dort gewaltige Dinge. Man hat mir gesagt, Sie hätten kein Budget. Überhaupt keins. Und da holen Sie Arbeitslose rein! Ein genialer Schachzug! Wie Sie immer sagen, Oscar – man muss einen politischen Widerspruch auf die Spitze treiben. Dann kann man’s denen unter die Nase reiben. Eine großartige Taktik.«

Oscar war gerührt. Offenbar befand sich der Senator in einer manischen Phase, doch in seinem Überschwang war er viel leichter zu nehmen – es war, als habe man es mit dem Zerrbild seines früheren Charisma zu tun.

»Sie haben schon so viel für uns getan, Senator. Wir haben nach Ihren Plänen ein Hotel gebaut. Die Einheimischen sind davon schwer beeindruckt.«

»Ach, das ist doch nicht der Rede wert.«

»Nein, im Ernst, Ihr Design hat eine Menge Zuspruch gefunden.«

»Nein, das ist wirklich nicht der Rede wert. Sie sollten mal die Pläne sehen, die ich auf dem College ausgearbeitet habe. Riesige, intelligente freitragende Konstruktionen. Gewaltige reaktive Strukturen aus Membran und Streben. Man könnte sie mit Zeppelinen einfliegen und in der Wüste bei Hungernden absetzen. Hab sie für die Katastrophenhilfe der UN entwickelt – damals, als die USA noch Mitglied der UN waren.«

Oscar blinzelte. »Katastrophenhilfe?«

»Die Unterkünfte wurden nie gebaut. Zu viel High-Tech für die hungernden, technisch unterentwickelten Dritte-Welt-Bewohner, hieß es. Bürokraten! Ich habe mir den Arsch aufgerissen für das Projekt.« Bambakias lachte. »Die Katastrophenhilfe hat kein Geld. Dafür besteht keine Nachfrage. Ich habe das Konzept später verändert und stattdessen kleine Stühle konstruiert. Mit kleinen Stühlen ist auch kein Geld zu machen. Das war beide Male ein Fehlschlag.«

»Senator, einen dieser kleinen Stühle haben wir hier im Büro der Direktorin. Er zieht eine Menge Bewunderung auf sich. Die Einheimischen lieben ihn.«

»Was Sie nicht sagen. Schade nur, dass Wissenschaftler zu wenig Geld haben, um teure Möbel zu kaufen.«

»Ich wüsste gern, ob Sie die Katastrophenpläne noch irgendwo archiviert haben, Alcott. Ich würde sie mir gerne mal ansehen.«

»Sie ansehen? Mann, Sie können sie haben. Das ist das mindeste, was ich für Sie tun kann, nach allem, was Sie wegen mir durchgemacht haben.«

»Das würde mich wirklich freuen, Senator. Ich mein’s ernst.«

»Klar, Sie sollen sie bekommen! Alles, was Sie wollen! Eine Art Notverkauf meiner Erfindungen. Wissen Sie, Oscar, sollten wir in Europa einmarschieren, könnte es zu einem atomaren Schlagabtausch kommen.«

Oscar senkte beschwichtigend die Stimme. »Das glaube ich nicht, Al.«

»Die spielen mit den großen USA, diese kleinen holländischen Arschlöcher. Die mit ihren Holzschuhen und Tulpen. Wir sind eine Supermacht! Wir können sie pulverisieren.«