»Woher wissen Sie das alles?«
Kevin öffnete eine Schublade. Er nahm einen großen, höchst illegalen Revolver und eine Flasche Whiskey heraus. Er trank einen Schluck Whiskey, dann stellte er Zigarrenkisten mit Klappdeckeln auf die spiegelnde Oberfläche des Schreibtischs. »Weil er es selbst gesagt hat, Mann. Sehen Sie sich das mal an.«
Kevin öffnete die erste Zigarrenkiste. Darin waren Abhörwanzen mit handbeschrifteten Etiketten festgepinnt. »Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, eine solche Anlage von Wanzen zu säubern? Es ist technisch unmöglich, so schwer ist es. Es gibt keine funktionierenden Detektoren für Wanzen – das ist alles Mist! Eine gute Wanze kann man praktisch nicht aufspüren, außer man sucht alles ab. Und das hab ich getan. Ich teile Gruppen von Moderatoren ein, die gerade nichts Besseres zu tun haben, und dann bearbeiten wir alle infrage kommenden Oberflächen mit engzähnigen Kämmen. Die Wanzen sind wie Läuse, das ist eine gottverdammte gesellschaftliche Krankheit. Ich hab Wanzen hier gefunden, die vor vierzehn, fünfzehn Jahren angebracht wurden. Ich hab eine richtige Sammlung angelegt! Schauen Sie mal!«
»Sehr eindrucksvoll.«
Kevin klappte die Zigarrenkiste zu und deutete feierlich darauf. »Wissen Sie, was das ist? Das ist das Böse, so ist das. Es ist schlimm, es ist schlicht und einfach böse von uns, dass wir uns das antun. Wir besitzen als Volk und Nation keinen Anstand, Oscar. Wir sind mit dieser Technik zu weit gegangen, wir haben unsere Selbstachtung verloren. Das ist ein Massenmedium, Mann. Ein böses, das Privatleben ausspionierendes Medium. Aber wir haben es gewollt und setzen es auch ein, weil wir glauben, wir müssten informiert sein. Wir sind gezwungen, allem uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Jedem Scheiß, der uns im Grunde nichts angeht.«
Oscar schwieg. Er wollte Kevin nicht unterbrechen, wenn er schon mal in Geständnislaune war.
»Also hab ich die Wanzen eingesammelt und stattdessen meine eigenen angebracht. Weil ich ja nun der Hacker bin, der zum Superuser geworden ist. Ich habe nicht bloß die Computer hier geknackt. Ich habe die ganze Umgebung geknackt. Ich habe jederzeit zu allem Zugang, was hier drinnen vorgeht. Ich bin ein Cop. Aber ich bin mehr als ein Cop. Ich meine, ein Cop ist was Normales – ein weißer Angloamerikaner, der den aufmüpfigen Ureinwohnern seine Vorstellung von Ordnung aufzwingt. Scheiße, das war früher in allen amerikanischen Städten so. Und ich war scharf darauf, es zu tun, Mann. Ich hab mich selbst geliebt, ich hielt mich für ‘nen Magier. Es war hochinteressant, anderen Leuten beim Sex zuzusehen. Aber nach dem sechzigsten, siebzigsten wird’s langweilig, Mann. Einfach langweilig.«
»Tatsächlich?«
»Aber klar doch. Und es hat seinen Preis. Seit ich Sie kennen gelernt habe, hab ich’s kein einziges Mal mehr gemacht! Ich trau mich nicht! Weil ich der Geheime Oberbulle bin. Ich jage jeder anständigen Frau einen höllischen Schrecken ein. Unanständige Frauen sehen das ein wenig anders. Außerdem hab ich einfach keine Zeit mehr für meine Bedürfnisse! Der Großinquisitor ist anderweitig viel zu beschäftigt. Ich muss die ganzen Mitschnitte nach Schlüsselwörtern abscannen. Jedesmal, wenn irgendwo was vorgefallen ist, muss ich die Videos durchforsten. Irgendwelchen Wanzen geht der Saft aus, oder sie werden gefunden, oder jemand tritt darauf. Im Wald halten sich Kobolde versteckt. In der Luft schwirren Sonden rum. Es gibt Betrunkene, verirrte Kinder, Kleindiebstähle. Es gibt Feueralarm und Autounfälle. Und ich muss mich drum kümmern. Um jeden Mist!«
»Kevin, Sie wollen mich doch nicht etwa im Stich lassen?«
»Sie im Stich lassen? Mann, ich bin für den Job wie geschaffen. Ich bin am Ziel meiner Träume. Bloß verwandele ich mich dadurch in ein Monster. Das ist alles.«
»Kevin, ich finde, Sie sind gar kein so übler Bursche. So schlimm ist es hier gar nicht. Hier herrscht kein Chaos. Die Lage ist stabil.«
»Klar, ich sorge ja für Ordnung. Aber mit Recht und Gesetz hat das nichts zu tun, Oscar. Hier herrscht Ordnung, aber es gibt kein Gesetz. Wir lassen zu, dass uns die Dinge entgleiten. Wir lassen zu, dass die Lage kritisch und unberechenbar wird. Wir nehmen zu Augenblicksentscheidungen Zuflucht. Ich sorge für Ordnung, weil ich insgeheim ein Tyrann bin. Ich habe alles mögliche, bloß keine Legitimität. Ich habe keine Bremsen. Ich habe keine Ehre.«
»Damit kann ich leider nicht dienen.«
»Sie sind Politiker, Oscar. Aber Sie haben mehr verdient. Sie sollten ein Staatsmann sein. Sie sollten mir ein wenig Ehre verschaffen.«
Ein Telefon läutete. Kevin stöhnte auf, nahm einen Laptop zur Hand und drückte eine Funktionstaste. »Eigentlich dürfte niemand diese Nummer kennen«, klagte er.
»Ich dachte, das hätten Sie mittlerweile im Griff.«
»Eine typische Politikerbemerkung. Ich habe ein paar Sicherungen, Dummies und Firewalls installiert, und Sie glauben gar nicht, wie viele Netzangriffe darin hängenbleiben.« Er warf einen Blick auf den Rückverfolgungsbericht auf dem Laptopbildschirm. »Was, zum Teufel, ist das?« Er nahm den Anruf entgegen. »Ja?«
Fünfundvierzig Sekunden lang lauschte er aufmerksam. Oscar nutzte die Gelegenheit, um Kevins Büro in Augenschein zu nehmen. Ein so unoffiziell wirkendes Büro hatte er noch nicht gesehen. Pin-up-Bilder, schmutzige Kaffeetassen, rituelle Masken, kaputte Telekommunikationshardware, aufgehängt an billigen Nägeln…
»Es ist für Sie«, sagte Kevin schließlich und reichte Oscar den Hörer.
Der Anrufer war Jules Fontenot. Fontenot war aufgebracht. Es war ihm nicht gelungen, Oscar über einen herkömmlichen Anschluss zu erreichen. Schließlich hatte er über ein Geheimdienstbüro in Baton Rouge die Polizeizentrale des Labors angerufen. Der Aufwand hatte ihn erbost.
»Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass unser Telefonsystem in einem so schlechten Zustand ist, Jules. Seit Ihrem Fortgang hat sich hier eine Menge verändert. Aber ich freue mich, von Ihnen zu hören. Ich weiß Ihre Hartnäckigkeit zu schätzen. Was kann ich für Sie tun?«
»Sind Sie immer noch sauer auf Green Huey?« krächzte Fontenot.
»Ich war niemals ›sauer‹ auf Huey. Profis werden nicht sauer. Ich hatte mit ihm zu tun.«
»Oscar, ich bin im Ruhestand. Daran soll sich auch nix ändern. Ich wollte nie wieder so ‘nen Anruf tätigen. Aber ich hatte keine andre Wahl.«
Was war los mit dem Mann? Das war Fontenot, keine Frage, aber sein Akzent hatte sich drastisch verstärkt. Es war, als spräche der Mann über einen digitalen Cajun-Dialekt-Vocoder.
»Jules, Sie wissen, dass ich Ihren Rat stets geschätzt habe. Ihr Fortgang hat daran nichts geändert. Sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben.«
»Flüchtlinge aus Haiti. Verstehn Sie? Ein Lager für haitianische Flüchtlinge.«
»Haben Sie eben ›Haiti‹ gesagt? Meinen Sie frankophone Schwarze aus der Karibik?«
»Genau! Kirchenleute aus Haiti. Huey hat ihnen politisches Asyl gewährt. Hat ihnen weit draußen ‘n kleines Musterdorf gebaut. Die wohnen jetzt in meinen Sümpfen.«
»Ich verstehe, Jules. Evakuierungen, haitianische Flüchtlinge, Notunterkünfte, französische Sprache, das sieht ganz nach Huey aus. Wo liegt das Problem?«
»Also, irgendwas stimmt da nicht. Nicht bloß deshalb, weil’s Fremde sind. Angehörige einer anderen Religion. Schwarze, religiöse Flüchtlinge, die Voodoo praktizieren und kreolisch sprechen. Da steckt noch mehr dahinter. Huey hat irgendwas mit ihnen angestellt. Drogen vielleicht. Oder es hat was mit Genetik zu tun. Sie verhalten sich merkwürdig. Ausgesprochen merkwürdig.«
»Jules, entschuldigen Sie, aber ich muss mich vergewissern, dass ich Sie richtig verstanden habe.« Oscar gab Kevin hektisch Zeichen – SCHNEIDEN SIE DAS MIT. SCHALTEN SIE IHREN LAPTOP EIN. MACHEN SIE SICH NOTIZEN! »Jules, wollen Sie damit sagen, der Gouverneur von Louisiana benutze haitianische Flüchtlinge als Versuchskaninchen für Verhaltensexperimente?«