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»Du solltest dich mal anhören. Das klingt so, als würdest du vor einem Ausschuss reden. Wir beide sind jetzt Politiker. Du redest mit mir wie ein Diplomat. Ich muss Reden des Präsidenten lesen, die voller Lügen sind. Ich komme nicht mehr dazu, an etwas zu arbeiten, das mich interessiert. Ich reibe mich in einer nicht enden wollenden politischen Krise auf. Ich hasse die Verwaltungsarbeit. Mein Gott, ich habe solche Schuldgefühle«

»Warum? Die Arbeit ist wichtig. Irgendjemand muss sie tun. Du machst deine Sache gut! Die Leute respektieren dich.«

»Als wir in irgendwelchen Strandhotels schmutzigen, beinahe gewalttätigen Sex hatten, habe ich mich nicht so schuldig gefühlt. Das war zwar nicht der Mittelpunkt meines Lebens oder so, aber es war jedenfalls interessant. Ein gutaussehender, charmanter Kerl mit einem heißen Körper, das ist schon faszinierend. Viel interessanter, als dabei zuzusehen, wie meine Forschung den Bach runtergeht.«

»O nein, du nicht auch noch«, sagte Oscar. »Erzähl mir nicht, du wolltest dich jetzt, nachdem ich so viel Arbeit investiert habe, gegen mich wenden. So viele Menschen haben mich bereits verlassen. Sie glauben einfach nicht, dass es funktionieren könnte.«

Sie betrachtete ihn mit jähem Mitleid. »Armer Oscar. Du hast mich völlig falsch verstanden. Das ist nicht der Grund, weshalb ich mich schuldig fühle. Ich fühle mich schuldig, weil ich weiß, dass es funktionieren wird. Ich habe mich lange mit den Moderatoren unterhalten… Jetzt hab ich’s wirklich begriffen. Die Wissenschaft wird sich wirklich verändern. Sie wird immer noch ›Wissenschaft‹ sein. Sie wird ihre intellektuelle Struktur behalten, aber ihre politische Struktur wird völlig anders sein. Anstatt schlecht bezahlter Staatsangestellter wird es eine Avantgarde von dissidenten Intellektuellen geben, die für die Entrechteten arbeiten. Und das wird sich für uns auszahlen. Weil wir mit ihnen besser fahren werden als mit der Regierung. Die Prolos sind gar nicht so neu; sie ähneln großen, langhaarigen College-Studenten mit Körpergeruch. Mit solchen Leuten kommen wir klar. Das tun wir ständig.«

Seine Miene hellte sich auf. »Bist du sicher?«

»Das wird eine neue Akademie werden, mit ein paar feudalen Elementen. So wie im Mittelalter, als die Universitäten selbstständige Territorien waren, als die Gelehrten Amtsstäbe und kleine viereckige Hüte trugen, und wenn der Universität etwas nicht passte, schickte sie Horden von Studenten auf die Straßen, wo sie solange Rabatz machten, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatten. Bloß dass wir nicht mehr im dunklen Mittelalter leben, sondern im Zeitalter des Getöses, des Lärms. Wir haben die Gesellschaft zerstört, mit unserem Wissen und der Beliebigkeit seiner Anwendung. Wir leben im Zeitalter des Lärms, und wir Wissenschaftler passen uns den Gegebenheiten an. Wir müssen keine Regierungsfunktionäre sein, die jede Menge Geld zur Verfügung haben, bloß weil sie der Regierung militärisch-industrielles Wissen zur Verfügung stellen. Das alles war einmal. Von nun an werden wir wie andere kreative Intellektuelle auch sein. Wir werden sein wie Künstler oder Violinbauer, mit einer kleinen Anhängerschar, die unsere Arbeit verfolgen und uns unterstützen.«

»Wundervoll, Greta. Das hört sich prima an!«

»Wir werden kluge, attraktive, sexy Wissenschaft betreiben, mit wenig Ausrüstung. Das ist die Zukunft der amerikanischen Forschung. Wir können es nicht den Europäern nachmachen, die alle möglichen moralischen Bedenken und Ängste haben hinsichtlich der Auswirkungen der Technik auf die Menschen; das macht keinen Spaß, das ist unamerikanisch. Von nun an werden wir wie Orville Wright in seinem Fahrradschuppen sein. Leichter wird es für uns nicht werden. Sondern schwerer. Aber wir werden unsere Freiheit haben. Unsere amerikanische Freiheit. Das ist ein Vertrauensbeweis für die menschliche Vorstellungskraft.«

»Du bist eine Politikerin, Greta! Du hast hier einen Durchbruch erlebt. Ich bin vollkommen einer Meinung mit dir.« Er fühlte sich so stolz.

»Klar – es könnte wundervoll werden, wenn das jemand anders machen würde. Es geht mir gegen den Strich, der Wissenschaft das anzutun. Ich bedaure es zutiefst. Aber ich stehe am Scheidepunkt, und es bleibt mir einfach keine andere Wahl.«

»Was würdest du denn lieber tun?«

»Was ich lieber tun würde?« wiederholte sie. »Ich würde lieber die Arbeit über die Auswirkung der Acetylcholin-Freisetzung im Hippocampus fertigstellen. Was anderes habe ich nie gewollt! Ich träume davon, dass dieses fürchterliche Durcheinander eines Tages ein Ende haben und dass man mir dann wieder gestatten wird, das zu tun, was ich tun will.«

»Ich weiß, dass du dir das wünschst. Mittlerweile verstehe ich das sehr gut. Ich weiß auch, was es bedeutet, Greta: es bedeutet, dass ich dich im Stich gelassen habe.«

»Nein. Doch. Aber das ist unwichtig. Das große Ganze wird funktionieren.«

»Ich sehe nicht, wie das zugehen sollte.«

»Warte, ich zeig’s dir.« Sie nahm ihre Handtasche und ging hinaus. Eine Lampe ging an. Er hörte das Geräusch fließenden Wassers. Plötzlich wurde Oscar bewusst, dass er den eigentlichen Anlass seines Besuchs ganz vergessen hatte. Huey und sein angebliches Flüchtlingslager voller Haitianer. Er war überzeugt, dass Huey, der besessen war von der Vorstellung, dass die Hirnforschung ganz groß im Kommen war, in seinem Überschwang etwas Schreckliches getan hatte. Er wusste, dass es etwas mit Gretas Hirnforschung zu tun haben musste. Tragischerweise hatte Greta selbst keinerlei Interesse an den praktischen Implikationen ihres Tuns. Sie war allergisch gegen jede Art von Einschränkungen. Sie konnte sich nicht abfinden mit den uferlosen politischen und moralischen Implikationen der reinen Wissenschaft. Dies langweilte sie zu Tode. Das hatte mit Wissenschaft einfach nichts zu tun. Das hatte nichts Wissenschaftliches an sich. Dem Fortschritt versagten die Bremsen. Was sollte in einer solchen Welt aus den Wissenschaftlern werden? Was, zum Teufel, sollte man mit ihnen anfangen?

Sie kam wieder zurück. Sie hatte sich im Bad ein wenig frisch gemacht. Sie hatte schwarzen Eyeliner aufgetragen, und auf ihren Wangen prangte bunte Kriegsbemalung.

Er war verblüfft.

»Das war nicht meine Idee«, sagte sie abwehrend. »Das hat sich deine Imageberaterin einfallen lassen – für die Party heute Abend. Ich wollte mich eigentlich für dich so schminken, aber es kam mir einfach zu lächerlich vor. Deshalb hab ich in letzter Minute alles wieder entfernt.«

»Aber das war ein großer Fehler«, sagte er und lachte. »Das ist wunderschön. Das ist wirklich heiß. Das ist mehr als nur erstaunlich. Das ist so ungewöhnlich. Ich kann’s einfach nicht glauben.«

»Vor dir siehst du eine sechsunddreißigjährige jüdische Frau, die sich in eine verrückte Außenseiterin verwandelt hat.«

»Aber nein. Nur deshalb, weil du Greta Penninger bist, funktioniert es überhaupt. Das ist die noch mit Hose und Laborkittel bekleidete, mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Direktorin eines staatlichen Labors, die sich als Stadtguerilla outet.« Er biss sich auf die Lippe. »Dreh dich mal um. Zeig dich.«

Sie breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. Sie hatte sich einen Kopfschmuck aus billigen Perlen an den Hinterkopf gesteckt. »Das gefällt dir, nicht wahr? Vielleicht ist es gar nicht so übel. Ich sehe nicht seltsamer aus als der Präsident, meinst du nicht?«

»Greta…« Er räusperte sich. »Du glaubst gar nicht, wie gut das funktioniert. Für mich haut es hin. Es macht mich ganz heiß und fickerig.«

Sie blickte ihn überrascht an. »Hm. Meine Mutter meinte immer, mit einem guten Make-up fängt man Männer.«

»Zieh den Kittel aus. Und auch die Bluse.«

»Warte mal. Nimm die Hände weg.«

»Weißt du, wie lange es her ist? Eine ganze Ewigkeit. Ich kann mich nicht mal mehr an letztes Mal erinnern.«

»Okay! Später! Im Bett! Wenn du wieder normale Farbe hast.«