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Das Teche war schon immer eine Welt für sich gewesen, ein morastiges Biom, scharf abgegrenzt von der eigentlichen Mississippi-Ebene, wo Reis angebaut wurde. Die Zerstörung von Straßen und Brücken und die darauf folgende Ausbreitung des Sumpf- und Marschlandes hatten dazu geführt, dass im Teche wieder unheimliche, wasserdurchtränkte Ruhe eingekehrt war. Das Bayou war nun eines des ursprünglichsten Gebiete Nordamerikas – nicht weil man es vor dem Fortschritt bewahrt hatte, sondern weil der Fortschritt zunichte geworden war.

Während des schwankenden Sinkflugs nahm Oscar Fontenots neue Umgebung in Augenschein. Der ehemalige Staatsangestellte hatte eine abgelegene Siedlung zu seinem Wohnort erkoren, errichtet auf aus Betonblöcken zusammengesetzten Säulen, die Wohnhäuser umgeben von Nebengebäuden und billigen Stromgeneratoren auf Brennstoffzellenbasis. Es war ein barbarisches Südstaatenslum für Binnenfischer, ein Wasserlabyrinth von Holzstegen, Seerosen und Flachbooten aus Stroh- und Plastik. Im rosigen Morgenlicht zeigte das schilfdurchsetzte Wasser des Bayous ein tiefes, trübes Grün.

Oscar landete mit eindrucksvoller Präzision unmittelbar auf dem Schrägdach von Fontenots Holzhütte. Er geriet ins Rutschen und prallte mit knöchelzerschmetternder Wucht auf dem Boden auf. Das mittlerweile gehirntote Fluggerät erbebte heftig in der Morgenbrise und warf Oscar umher wie einen Käfer.

Zum Glück kam Fontenot sogleich aus der Hütte hervorgehumpelt und half Oscar, des Flugzeugs Herr zu werden. Nach einigem Gefluche und Gezerre gelang es ihm, Oscar loszuschnallen und ihn zu befreien. Schließlich schafften sie es, das Flugzeug zu falten und so weit zusammenzulegen, dass es nur noch so groß war wie ein Kanu.

»Sie sind’s wirklich«, sagte Fontenot, vor Erschöpfung schnaufend. Er klopfte Oscar auf die gepolsterte Schulter. »Wo haben Sie denn den bescheuerten Helm her? Sie sehen wirklich zum Fürchten aus.«

»Ja. Haben Sie meinen Bodyguard gesehen? Er hätte eigentlich vor mir eintreffen müssen.«

»Kommen Sie rein«, sagte Fontenot. Mobilheime aus Metall waren nicht seine Sache. Seine Behausung war eine echte Holzhütte, zusammengezimmert aus Zedernbrettern und Leisten, mit grauen Holzschindeln auf dem Dach und großen, spinnwebverhangenen Holzstapeln darunter. Man hatte das Material ans Ufer geschafft und dort mit großem Sachverstand wieder zusammengesetzt. Die Tür knarrte und erbebte beim Öffnen in den Angeln. Der rissige Boden war merklich geneigt.

Fontenots spartanischer Wohnraum war mit Rattanmöbeln eingerichtet. Es gab eine große Hängematte, einen kleinen Kühlschrank mit Brennstoffzelle und an der Wand ein eindrucksvolles Arsenal erstklassigen Angelzeugs. Fontenots Angelausrüstung war mit Ketten an der hinteren Hüttenwand befestigt und mit militärischer Akkuratesse in verschlossenen Gewehrschränken aus Sperrholz angeordnet. Im ersten Schrank war eine funkelnde Menagerie von Ködern untergebracht: batteriebetriebene Würmer, Ultraschallblinker, rotierende Blinker, Pheromone freisetzende Gelatinewürmer.

»Einen Moment noch«, sagte Fontenot und verzog sich, begleitet von lautem Knarren, in ein vollgestopftes Hinterzimmer. Oscar fiel eine abgegriffene Bibel und eine eindrucksvolle Sammlung leerer Bierdosen ins Auge. Dann kam Fontenot zurück, mit Kevin im Schlepptau. Er hatte ihn gefesselt und ihm den Mund mit Isolierband verklebt.

»Kennen Sie den Kerl?« fragte Fontenot.

»Klar. Das ist mein neuer Bodyguard.«

Fontenot stieß Kevin aufs Rattansofa, das unter seinem Gewicht laut knackte. »Hören Sie. Ich kenne den Burschen ebenfalls. Ich kannte seinen Vater. Sein Dad hat Computersysteme für die rechte Miliz gewartet. Schwer bewaffnete Weiße mit durchdringendem Blick und schlechtem Haarschnitt. Wenn Sie diesen Burschen als Sicherheitschef einstellen, sind Sie nicht mehr bei Trost.«

»Von ›Einstellung‹ kann man eigentlich nicht sprechen, Jules. Eigentlich ist er Staatsangestellter. Und er ist auch nicht bloß für meine persönliche Sicherheit zuständig, sondern für die Sicherheit einer staatlichen Einrichtung.«

Fontenot langte in die Tasche seines dreckverschmierten Overalls und holte ein Anglermesser hervor. »Ich will’s gar nicht wissen. Das ist mir egal! Das geht mich nichts mehr an.« Er schnitt das Isolierband durch und riss es mit einem einzigen Ruck ab. »Tut mir leid, Kid«, murmelte er. »Hätte Ihnen wohl besser glauben sollen.«

»Macht nichts!« sagte Kevin galant, massierte sich die klebrigen Handgelenke und verdrehte ein wenig die Augen. »Sowas kommt vor!«

»Ich bin völlig aus der Übung«, sagte Fontenot. »Das Leben ist ruhig hier draußen, ich hab den Anschluss verloren. Wie wär’s mit Frühstück?«

»Ausgezeichnete Idee«, sagte Oscar. Ein friedliches gemeinsames Mahl war jetzt genau das Richtige. Im Schutze seines harmlosen Grinsens nahm Kevin offenbar Maß für einen tödlichen Messerstoß in Fontenots Nieren.

»Etwas Blutwurstsoße«, meinte Fontenot und zog sich an einen primitiven gasbetriebenen Campingofen zurück, der in einem Winkel stand. »Ein paar Eier und Muscheln.« Oscar beobachtete Fontenot nachdenklich, während sich der alte Mann schleppend und verdrießlich ans Kochen machte. Nach einer Weile wusste er Bescheid. Fontenot erholte sich von seinem Dasein als staatlich bezahlter Cop. Der Fluch der Geheimdiensttätigkeit fiel endlich von ihm ab, verlor allmählich seine Wirkung wie eine langsam nachlassende Heroinabhängigkeit. Doch nachdem er die eiskalte Umklammerung der langjährigen Disziplin abgestreift hatte, war von Jules Fontenot einfach nichts mehr übriggeblieben. Jetzt war er ein einbeiniger Angler aus Louisiana, auf beklemmende Weise vorzeitig gealtert.

Die Hütte füllte sich mit dem scharfen Geruch köchelnder Pfeffersauce. Oscars neuerdings empfindliche Nase begann zu laufen. Er sah Kevin an, der sich mürrisch Fitzelchen Isolierband von den Handgelenken pellte.

»Jules, wie läuft’s eigentlich so mit der Angelei?«

»Das hier ist das Paradies!« antwortete Fontenot. »Die großen Lunker lieben die überschwemmten Gebiete drüben in Breaux Bridge. Der Lunker ist ein gründelnder Fisch mit einer Vorliebe für strukturierten Lebensraum.«

»Ich glaube, den Lunker kenne ich nicht.«

»Ach, den haben die hiesigen Sportangler schon vor Jahren entwickelt. Durch die Überschwemmungen, die Umweltgifte und so sind die hiesigen Fische umgekommen. Das Teche drohte zu veralgen, die Algenblüte war fast so schlimm wie in der Toten Zone im Golf. Und da hat man den Staubsaugerfisch zusammengefummelt. Ein großer alter Kanalwels mit Tilapiagenen. Die Lunker werden groß, Mann. Verdammt groß. Vierhundert Pfund schwer, mit Augen wie Tennisbälle. Lunker sind steril, versteh’n Sie. Lunker tun nichts weiter als fressen und wachsen. Als die Laborleute mit der DNS rummachten, haben sie’s bei den Wachstumshormonen übertrieben. Ein paar von den Babies sind mittlerweile fünfzehn Jahre alt.«

»Ziemlich kühn, was sich die Biotechniker da haben einfallen lassen.«

»Ach, da kennen Sie Green Huey nicht. Das ist längst noch nicht alles. Huey ist bei Umweltthemen ausgesprochen rührig. Louisiana hat sich vollkommen verändert.«

Fontenot servierte ihnen das Frühstück: Muschelomeletts und schaurige Würste aus verklebtem Reis. Das Essen war unglaublich scharf – nicht bloß gut gewürzt. Er hatte so viel Pfeffer beigegeben, als handele es sich dabei um ein Grundnahrungsmittel.