»Die Sache mit den Lunkern, das war eine Notmaßnahme. Aber es hat gut geklappt. Der Notfall ist behoben. Sonst wäre das Bayou jetzt eine Kloake, aber mittlerweile kommen die Barsche zurück. Jetzt kümmern sie sich um die Wasserhyazinthen, die haben den Schwarzbär und sogar den Puma wieder eingebürgert. Das wird nie wieder natürlich, aber es ist wirklich machbar. Will noch jemand Kaffee?«
»Danke«, sagte Oscar. Nachdenklich schüttete er die erste Tasse des Zichorienkaffees in einen Bodenspalt. »Ich muss Ihnen gestehen, Jules, ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, weil Sie hier ganz allein mitten in Hueys Land leben. Ich habe gefürchtet, er könnte sie aufgespürt und belästigt haben. Aus politischen Gründen, verstehen Sie, weil Sie für den Senator gearbeitet haben.«
»Ach, das. Klar«, sagte Fontenot, unablässig kauend. »Es sind mal ein paar von diesen Milizheinis hier aufgetaucht, um mich ›auszuhorchen‹. Ich hab ihnen meine Hessler & Koch aus Staatsbeständen gezeigt und ihnen gesagt, ich würde ihnen das Magazin in den Arsch jagen, wenn sie sich noch mal meinem Eigentum nähern sollten. Damit war die Sache erledigt.«
»Na gut«, meinte Oscar und stocherte taktvoll mit seiner Gabel im Omelett.
»Wissen Sie, was ich glaube?« sagte Fontenot. Früher war er nicht so redselig gewesen, doch Oscar war klar, dass der alte Mann fürchterlich einsam war. »Die Leute sind heutzutage anders. Sie lassen sich viel zu leicht ins Bockshorn jagen, sie haben keinen Schneid mehr. Das hat was mit der abnehmenden Zahl der Spermien zu tun, mit diesen Pestiziden und Hormonen. Man nimmt diese ganzen Umweltgifte auf und kriegt davon diese Yuppiegrippen und Allergien…«
Oscar und Kevin wechselten Blicke. Sie hatten keine Ahnung, wovon der alte Mann eigentlich redete.
»Die Amerikaner ernähren sich nicht mehr von ihrem Land. Sie wissen gar nicht, was sie unserer großartigen Natur angetan haben. Sie wissen nicht, wie schön es hier mal war, bevor alles zubetoniert und vergiftet wurde. Eine Million Wildblumen und alle möglichen Pflanzen und Käfer, die hier seit Urzeiten lebten… Mann, als Kind hab ich noch Speerfische geangelt. Speerfische! Heutzutage weiß keiner mehr, was ein Speerfisch ist.«
Plötzlich öffnete sich die Tür. Eine Schwarze mittleren Alters trat ein, in der Hand ein Einkaufsnetz voller Konserven. Sie trug Gummisandalen, einen weiten Baumwollrock und eine mit tropischen Blüten bedruckte Bluse. Den Kopf hatte sie sich mit einem Taschentuch umwickelt. Sie platzte in Fontenots Hütte, bemerkte Kevin und Oscar und begann auf kreolisch zu schnattern.
»Das ist Clotile«, sagte Fontenot. »Meine Haushälterin.« Er erhob sich und sammelte linkisch ein paar leere Bierdosen auf, während er ihr in stockendem Französisch antwortete.
Clotile bedachte Kevin und Oscar mit einem vorwurfsvollen, abschätzigen Blick, dann las sie ihrem humpelnden Boss die Leviten.
»Der war Ihr Sicherheitschef?« flüsterte Kevin Oscar zu. »Dieser gebrochene alte Hinterweltler?«
»Ja. Und er war mal richtig gut.« Das Zwischenspiel mit Fontenot und Clotile faszinierte Oscar. Bei ihrer Auseinandersetzung ging es um Rasse, Ökonomie und Geschlecht, doch der Kontext war ihm völlig unverständlich. Offenbar spielte Clotile jetzt eine große Rolle in Fontenots Leben. Fontenot bewunderte sie aufrichtig; sie hatte etwas an sich, das er sehnsüchtig begehrte und nie mehr bekommen würde. Clotile wiederum empfand Mitleid mit ihm und arbeitete bereitwillig für ihn, ohne ihn indes zu akzeptieren. Sie standen einander nahe genug, um miteinander zu reden und sogar zu scherzen, doch ihre Beziehung wies ein tragisches Element auf, das sich niemals auflösen würde. Es war ein pointiertes Minidrama, Oscar ebenso unverständlich wie eine Kabuki-Aufführung.
Oscar spürte, dass Fontenots Glaubwürdigkeit durch seine Gäste ernsthaft Schaden genommen hatte. Er betrachtete seine mit Stickereien verzierten Ärmel, seine abgelegten Handschuhe, den pelzgefütterten Flughelm. Er verspürte einen intensiven Kulturschock.
Wie seltsam war doch die Welt, in der er lebte. Wie seltsam waren doch die Menschen: Kevin, Fontenot, Clotile – und er selbst in seiner verwegenen, schmutzigen Verkleidung. Da waren sie nun, frühstückten und räumten die Wohnung auf, während sich die Spielregeln am Rande ihres moralischen Universums grundlegend verändert hatten. Spielfiguren rückten vom Mittelpunkt an die Peripherie, von der Peripherie ins Zentrum – während andere ganz vom Spielfeld flogen. In seinem früheren Leben, in Boston, hatte er häufig mit Fontenot gefrühstückt. Täglich ein Arbeitsfrühstück, während sie die Nachrichten schauten, über die Wahlkampfstrategie berieten und Melone aßen. Das alles war Lichtjahre entfernt.
Clotile arbeitete sich energisch vor und riss Kevin und Oscar die Teller weg. »Ich möchte Ihrer Haushälterin nicht im Weg sein«, meinte Oscar nachsichtig. »Vielleicht sollten wir ein wenig Spazierengehen und über den Anlass unserer Reise sprechen.«
»Gute Idee«, sagte Fontenot. »Klar. Kommen Sie.«
Sie folgten Fontenot durch die knarrende Eingangstür nach draußen und stiegen die verzogene Holztreppe hinunter. »Das hier sind gute Leute«, erklärte Fontenot und sah sich misstrauisch über die Schulter um. »Sie sind so real.«
»Es freut mich, dass Sie sich mit den Nachbarn gut verstehen.«
Fontenot nickte ernst. »Ich gehe zur Messe. Ein Stück weiter liegt eine kleine Kirche. Ich lese neuerdings in der Bibel… Hatte früher nie Zeit dazu, aber jetzt will ich mir Zeit für die wichtigen Dinge nehmen. Für die wichtigen und realen Dinge.«
Oscar schwieg. Er war nicht religiös, aber die lange Geschichte des Juden- und Christentums hatte ihn schon immer beeindruckt. »Dann berichten Sie uns mal von der Siedlung der Haitianer, Jules.«
»Berichten? Da gibt’s nichts zu berichten. Wir fahren einfach mal hin. Wir nehmen mein Hovercraft.«
Fontenots Hovercraft lag gleich vorm Haus. Das amphibische Luftkissenfahrzeug, ausgestattet mit unverwüstlichen Plastikschürzen und einem kräftigen alkoholbetriebenen Motor, hatte ihn offenbar eine Menge Geld gekostet. Es stank nach Fisch, und an der gedrungenen, glänzenden Hülle klebten reichlich Schuppen. Als er die Angelutensilien ausgeladen hatte, bot das Fahrzeug Platz für drei, wenngleich Kevin sich hineinzwängen musste.
Das überladene Hovercraft schrammte polternd dem Bayou entgegen. Dann glitt es spotzend und gurgelnd über die Seerosen hinweg.
»Ein Hovercraft ist im Bayou ideal fürs Angeln«, erklärte Fontenot. »Im Teche, wo überall Aststümpfe und Autowracks und so Zeug rumliegen, braucht man ein flaches Boot. Die Einheimischen machen sich über mein großes, protziges Hovercraft lustig, aber ich komme damit wirklich gut in der Gegend rum.«
»Man sagt, die Haitianer wären sehr religiös.«
»Ja, klar.« Fontenot nickte. »In ihrer Heimat hatten sie ‘nen Pfarrer, der zog diese Moses-befrei-das-Volk-Masche ab. Das Regime hat ihn natürlich erschießen lassen. Dann haben sie mit seinen Anhängern ein paar schlimme Dinge angestellt, die Amnesty International richtig wütend machte. Aber… wen kümmert’s? Verstehen Sie? Das sind Haitianer!«
Fontenot nahm beide Hände vom Steuer. »Weshalb sollte sich jemand wegen irgendwelcher Haitianer aufregen? Überall auf der Welt werden Inseln überschwemmt. Alle steh’n sie unter Wasser, alle haben große Probleme wegen des ansteigenden Meeresspiegels. Aber Huey… also, Huey nimmt es richtig persönlich, wenn charismatische Anführer erschossen werden. Huey hat es mit der französischen Diaspora. Er hat versucht, das Außenministerium in die Mangel zu nehmen, aber die hatten selbst schon mehr als genug Probleme. Und deshalb hat Huey eines Tages eine große Flotte Krabbenboote nach Haiti geschickt und alle eingesammelt.«
»Wie hat er ihnen Einreisevisas verschafft?«
»Da hat er sich nicht drum geschert. Sie müssen genauso denken wie Huey, versteh’n Sie. Huey hat immer zwei, drei, vier Dinge gleichzeitig laufen. Er hat sie versteckt. In den Salzgruben. In Louisiana gibt es diese großen Salzgruben. Mineralvorkommen von der doppelten Größe des Mount Everest. Hundert Jahre lang hat man sie abgebaut. Dort unten gibt es riesige Höhlen, so groß wie Vorstädte, die Decke dreihundert Meter hoch. Heutzutage baut niemand mehr Salzvorkommen ab. Wegen der Meerwasserentsalzungsanlagen ist Salz spottbillig, genau wie Öl. Wir haben’s ausgegraben und verkauft, und geblieben ist uns nichts. Riesige, luftdicht abgeschlossene leere Höhlen, tief unter der Erdkruste. Wozu sind sie jetzt noch nutze? Also, einen Nutzen haben sie schon. Weil man nämlich nicht reingucken kann. Höhlen kann man nicht mit Satelliten überwachen. Huey hat die haitianischen Sektenmitglieder also ein paar Jahre lang in den gewaltigen Salzgruben versteckt. Er hat sich heimlich mit ihnen beschäftigt, genau wie mit seinen anderen heißen Geheimprojekten. Zum Beispiel mit den Riesenspeerfischen, der Treibstoffhefe und den Quastenflossern…«