»Quastenflossern?« wiederholte Kevin.
»Lebende Fossilien aus Madagaskar, mein Sohn. Älter als die Dinosaurier. Deren DNS könnte von einem anderen Planeten stammen. Richtig primitiv und robust. Man schnippele Stücke von der fernen Vergangenheit ab und füge sie Mitte nächster Woche ein – das ist Hueys Rezept für die Zukunft.«
Oscar wischte Spritzwasser von der wasserdichten Fliegermontur. »Dann war das, was er mit den Haitianern angestellt hat, also eine Art Pilotprojekt.«
»Ja. Und wissen Sie was? Huey hat Recht.«
»Ach ja?«
»Ja. Hueys irrt sich in Kleinigkeiten, aber die große Linie stimmt so gut, dass der Rest einfach nicht mehr zählt. Louisiana ist die wahre Zukunft, verstehen Sie. Irgendwann in naher Zukunft wird es auf der ganzen Welt wie in Louisiana aussehen. Weil der Meeresspiegel steigt und Louisiana ein riesiger Sumpf ist. Die Welt der Zukunft ist ein großer, warmer Treibhaussumpf. Voller schlecht ausgebildeter, halbgebildeter Leute, die kein Englisch sprechen und nicht vergessen, Kinder zu zeugen. Und sie fahren total auf Biotechnik ab. So wird die Welt von morgen aussehen – nicht bloß Amerika, o nein, sondern die ganze Welt. Warm, feucht, kaputt, halb vergessen, irgendwie verrottet. Die politischen Führer sind korrupt, jeder hält die Hand auf. Das ist schlimm, wirklich schlimm, das ist noch schlimmer, als es klingt.«
Fontenot grinste plötzlich. »Wissen Sie was? Es ist machbar, es geht! Die Fische beißen an! Das Essen ist prima! Die Frauen sehen gut aus, und die Musik hat richtig Swing!«
Sie kämpften sich zwei Stunden lang bis zum Flüchtlingslager durch. Das Hovercraft arbeitete sich durchs Schilf, schrammte über Riedgras und klebrigen schwarzen Schlamm hinweg. Das Lager der Haitianer hatte man klugerweise auf einer Insel errichtet, die nur mit dem Flugzeug erreichbar war – oder von einem Amphibienboot mit entschlossenem Steuermann.
Sie fuhren auf festen Boden, stiegen aus und schritten durchs kniehohe Unkraut.
Oscar hatte das Schlimmste erwartet: Scheinwerfer, Wachtürme, Stacheldraht und scharfe Hunde. Das Emigrantendorf der Haitianer aber war kein bewachtes Lager. In erster Linie war es ein Ashram, ein religiöser Zufluchtsort. Es war eine bescheidene, ruhige, ländliche Siedlung mit säuberlich getünchten Blockhäusern.
Das Dorf bot sechs- bis siebenhundert Menschen Platz, darunter zahlreichen Kindern. Es gab keinen Strom, keine Kanalisation, keine Satellitenschüsseln, keine Straßen, keine Autos, keine Telefone und keine Flugzeuge. Abgesehen vom Vogelgezwitscher, dem gelegentlichen Klonk einer Axt und dem fernen, inbrünstigen Gesang war es ruhig.
Niemand hatte es eilig, doch offenbar hatten alle etwas zu tun. Das Leben verlief hier in den ländlichen Bahnen des vorindustriellen Zeitalters. Diese Menschen ernährten sich tatsächlich vom Land – nicht indem sie die Landschaft zerstörten und das geerntete Material in Tanks umwandelten, sondern indem sie den Boden mit Handwerkszeugen bearbeiteten. Dies alles mutete fremdartig und museal an. Oscar kannte die Landwirtschaft aus Büchern und Dokumentarfilmen, doch leibhaftig war er noch nie mit ihr in Berührung gekommen. Zum Beispiel mit archaischen Tätigkeiten wie dem Schmieden oder Spinnen.
Überall sah man kleine, gepflegte Gärten mit Komposthaufen und Kübel mit den Exkrementen der Nacht. Die Einheimischen hatten viele Hühner. Die Hühner waren alle genetisch identisch, wenngleich unterschiedlich alt. Auch die Ziegen waren identische Kopien. Dabei handelte es sich um eine zähe, bärtige Rasse mit bösartigen Augen, um eine Superziege, die in zahlreichen Exemplaren vertreten war. Bohnen wanden sich an Stangen empor, es gab Monstermais, große, behaarte Gumboschoten, gelbe Riesenkürbisse, steinharten Bambus, eine kleinwüchsige Sorte Zuckerrohr. Einige Einheimische waren Fischer. Vor einiger Zeit hatten sie ein furchteinflößendes ledriges Wesen an Land gezogen, von dem nur noch ein Skelett aus armdicken Fischgräten übrig war.
Die Kommunarden trugen selbstgewebte Kleider. Die Männer schlichte Strohhüte, kragenlose geknöpfte Westen, Hosen mit Zugbändern. Die Frauen knöchellange Hemden, weiße Schürzen und große Sonnenhüte.
Sie waren freundlich, aber distanziert. Von Besuchern ließen sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie waren alle mit ihrem Tagwerk beschäftigt. Allerdings bildete sich ein kleines Grüppchen neugieriger Kinder, die den drei Fremden folgten und hinter ihrem Rücken kichernd Grimassen schnitten.
»Das kapier ich nicht«, sagte Kevin. »Ich dachte, das wär ein Konzentrationslager. Aber den Leuten hier geht’s gut.«
Fontenot nickte mürrisch. »Ja, es soll einladend wirken. Das ist ein selbstversorgendes Farmprojekt. Die Produktivität wird gesteigert, indem man das Saatgut und die Tierarten verbessert – ohne Ölverbrennung, ohne Kohlendioxidausstoß. Vielleicht kehren sie irgendwann nach Haiti zurück und bringen’s allen bei.«
»Das würde nicht funktionieren«, sagte Oscar.
»Warum nicht?« fragte Kevin.
»Weil die Niederländer das schon seit Jahren versuchen. In den hochentwickelten Ländern glauben alle, man könnte das bäuerliche Leben neu erfinden, indem man die Stammesleute unwissend hält. Angepasste Technologie funktioniert einfach nicht. Und zwar weil das Landleben langweilig ist.«
»Genau«, meinte Fontenot. »Das hat mir auch zu denken gegeben. Eigentlich müssten sie angelaufen kommen und uns um Geld und Radios anbetteln, wie andere Bauern, die amerikanischen Touristen begegnen, auch. Aber sie gucken nicht mal zu uns her. Passen Sie auf. Hören Sie dieses Gemurmel?«
»Meinen Sie die Gesänge?« fragte Oscar.
»Klar, sie singen. Vor allem aber beten sie. Alle Erwachsenen beten, Männer wie Frauen. Sie beten ständig. Und wenn ich ständig sage, meine ich’s auch, Oscar.«
Fontenot stockte. »Wissen Sie, bisweilen kommen Fremde her. Jäger, Fischer… Ich hab da so einiges gehört. Sie alle glauben, das hier wären richtig fromme Haitianer, die einem komischen Voodoo-Kult angehören. Ich habe Jahre damit zugebracht, in Menschenmengen nach Verrückten Ausschau zu halten. Damals hielt man große Stücke auf die Psychoanalyse. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass in den Köpfen dieser Menschen etwas nicht stimmt. Das ist keine Psychose. Es geht hier auch nicht um Drogen. Religion hat was damit zu tun – aber das allein ist es nicht. Man hat irgendwas mit ihnen angestellt.«
»Mit ihrem Gehirn«, sagte Oscar.
»Ja. Sie sind auch tatsächlich anders. Sie wissen, dass dort unten in den Salzgruben etwas mit ihnen geschehen ist. Aber sie glauben, sie hätten eine Erleuchtung gehabt. Der Heilige Geist ist ihnen in den Kopf geflogen – die nennen das den ›Geist der Wiedergeburt‹ oder den ›Geist der Neugeburt‹.« Fontenot nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Als ich zum ersten Mal hier war, bin ich fast einen Tag lang geblieben und hab mich mit diesem alten Burschen unterhalten – Papa Christophe, so heißt der. Sozusagen ihr Anführer oder jedenfalls ihr Sprecher. Dieser Typ ist eine hiesige Autorität und wirklich ein seltsamer Kauz, keine Ahnung, was er hat. Der Geist hat nämlich nicht alle gleich erfasst. Die Kinder sind davon verschont geblieben. Die sind völlig normal. Die meisten Erwachsenen murmeln einfach bloß vor sich hin und haben so ein Funkeln in den Augen. Aber da gibt’s noch diese Verkünder, wie zum Beispiel Christophe. Die Priester. Die Weisen.«