Oscar und Kevin berieten sich kurz. Auf Kevin hatte Fontenots Bericht großen Eindruck gemacht. Es gefiel ihm nicht, mitten in einem undurchdringlichen Sumpf von illegal eingewanderten Schwarzen umgeben zu sein. Visionen von brodelnden Kannibalentöpfen schwirrten ihm durch den Kopf. Anglos… die wurden das Gefühl, einer Minderheit anzugehören, nie ganz los.
Oscar jedoch blieb unnachgiebig. Nachdem sie schon einmal so weit gekommen waren, konnte ihn nichts mehr davon abhalten, mit Papa Christophe zu sprechen. Fontenot spürte den Mann schließlich auf; er arbeitete gerade in einem weiß getünchten Blockhaus am Dorfrand.
Papa Christophe war ein älterer Mann mit einer Schädelnarbe, die von einer Machete stammte. Seine faltige Haut und seine gebeugte Haltung deuteten darauf hin, dass er ein Leben lang an Vitaminmangel gelitten hatte. Er sah aus wie hundert, obwohl er wahrscheinlich erst sechzig war.
Papa Christophe schenkte ihnen ein zahnloses Lächeln. Er saß auf einem dreibeinigen Schemel, vor sich einen Holzschlegel, einen Meißel aus Roheisen und eine unfertige Holzstatue. Mit energischen Schlägen schälte er Späne braunen Zypressenholzes davon ab. Die Statue stellte eine Heilige oder eine Märtyrerin dar, eine schlanke, modiglianische Frau mit heiterem, stilisiertem Gesicht, die Hände im Gebet gefaltet. An ihren Beinen züngelten Flammen empor.
Oscar zeigte sich sogleich beeindruckt. »Hey! Primitive Kunst! Der Bursche ist richtig gut! Ob er mir die wohl verkauft?«
»Heben Sie sich das für später auf«, murmelte Kevin. »Lassen Sie die Brieftasche stecken.«
In der Hütte war es warm und feucht, da sich ein selbstgebauter Destillierapparat darin befand. Eine solche Anlage war wahrscheinlich nicht von vorneherein geplant gewesen, doch die Haitianer waren erfinderisch und hatten ihren eigenen Kopf. Die Destille war aus Einzelteilen geborgener Autowracks zusammengebaut. Dem Geruch nach zu schließen wurde darin Melasse zu kopfzersprengendem Rum gebrannt. Die Wandborde waren mit weggeworfenen Glasflaschen vollgestellt, die man aus dem Bayou gefischt hatte. Die Hälfte der Flaschen waren mit gelbem Alkohol gefüllt und mit lehmgetränktem Tuch verschlossen.
Fontenot und der alte Mann radebrechten auf französisch, denn ihre Dialekte unterschieden sich stark. Genährt von den Zypressenspänen, brodelte die Destille vor sich hin. Rum tröpfelte aus einem gebogenen Eisenrohr in die Glasflasche, tickend wie eine Wasseruhr. Papa Christophe machte einen recht umgänglichen Eindruck. Er plauderte, klopfte auf den Meißel und murmelte dabei vor sich hin, alles im gleichen, gleichmäßigen Wasseruhrrhythmus.
»Ich habe mich nach der Statue erkundigt«, erklärte Fontenot. »Er meint, die sei für die Kirche. Er schnitzt Heilige für den Herrn, denn der Herr ist stets mit ihm.«
»Selbst in der Destille?«
»Wein ist ein Sakrament«, erwiderte Fontenot steif. Papa Christophe hob einen spitzen, verkohlten Stock auf, betrachtete seine Holzheilige und malte ein bisschen an ihr herum. Auf einem gefetteten Ledertuch hatte er allerlei Schnitzwerkzeuge ausgebreitet: eine Ahle, eine selbstgemachte Säge, einen Schaber, einen Handbohrer. Es waren primitive Gerätschaften, doch der alte Mann wusste offenbar, was er tat.
Die neugierigen Kinderhorden waren draußen geblieben, doch einer der Kleineren nahm seinen Mut zusammen und spähte in die Hütte. Papa Christophe schaute hoch, grinste zahnlos und machte eine ernste Bemerkung auf kreolisch. Der Junge kam herein und hockte sich brav auf den Erdboden.
»Was hat er gesagt?« fragte Oscar.
»Ich glaube, er sagte: ›Der Affe hat ihre Kinder aufgezogen, bevor es Avocados gab‹«, antwortete Fontenot.
»Wie?«
»Das ist ein Sprichwort.«
Der kleine Junge war hochzufrieden, dass er die Werkstatt des Alten hatte betreten dürfen. Papa Christophe schnitzte noch ein wenig, wobei er sich mit freundlichen Bemerkungen an den Jungen wandte. Der Rum tropfte stetig in die fast volle Flasche.
Fontenot zeigte auf das Kind und sagte etwas auf französisch. Papa Christophe kicherte nachsichtig. »D’abord vous guetté poux-de-bois manger bouteille, accrochez vos calabasses«, sagte er.
»Hat irgendwas mit Flaschen fressenden Käfern zu tun«, erklärte Fontenot.
»Fressen Käfer denn Flaschen?« fragte Kevin.
Christophe beugte sich vor und betrachtete die Holzkohlelinie, die er gezogen hatte. Er war völlig gefangen von seiner Statue. Der kleine Junge wiederum war von den Schnitzwerkzeugen fasziniert.
Unvermittelt streckte der Junge die Hand nach dem tuchverhüllten Sägeblatt aus. Ohne jedes Zögern langte der alte Mann hinter sich und packte mit unfehlbarer Sicherheit das Handgelenk des Jungen.
Daraufhin stand Papa Christophe auf, hob den Jungen einhändig hoch und nahm ihn auf den Arm. Im gleichen Moment trat er zwei Schritte zurück, streckte ohne hinzusehen die Linke aus und nahm eine leere Flasche vom Wandbord.
Sodann drehte er sich auf der Stelle und riss die randvolle Flasche von der Destille. Er ersetzte die volle Flasche durch die leere – während er den kleinen Jungen freundlich ermahnte. Irgendwie schaffte es Christophe, all diese Handlungen miteinander so zu koordinieren, dass kein einziger Tropfen Rum verloren ging.
Der alte Mann schlurfte zu seinem Arbeitsschemel zurück, nahm darauf Platz und setzte sich den Jungen auf den mageren Schenkel. Er hob die Rumflasche mit der Linken hoch, betrachtete den Inhalt und machte eine Bemerkung zu Fontenot.
Kevin rieb sich die Augen. »Was war das? Hat er da einen Jig rückwärts getanzt? Das ist doch nicht möglich.«
»Was hat er gesagt?« wandte Oscar sich an Fontenot.
»Hab’s nicht verstanden«, antwortete Fontenot. »Ich war zu sehr damit beschäftigt, ihn zu beobachten. Das war wirklich seltsam.« Er sprach Papa Christophe auf französisch an.
Christophe seufzte geduldig. Er nahm ein glattgehobeltes Pinienbrett und den verkohlten Stecken in die Hand. Er hatte eine erstaunlich anmutige, flüssige Handschrift, als wäre er bei Nonnen zur Schule gegangen. Er schrieb: »Quand la montagne brûle, tout le monde sait; quand le coeur brûle, qui le sait?« Er schrieb mit abgewandtem Kopf, während er sich freundlich mit dem Jungen unterhielt.
Fontenot las, was er auf das Pinienbrett geschrieben hatte. »Wenn der Berg Feuer fängt, weiß es jeder. Aber wenn das Herz Feuer fängt, wer merkt das schon?«
»Das ist ein interessanter Gedanke«, meinte Kevin.
Oscar nickte nachdenklich. »Besonders interessant finde ich, dass unser Freund diese alte Volksweisheit niederschreiben kann, während er sich mit dem Kind unterhält.«
»Er ist mit beiden Händen gleich geschickt«, sagte Kevin.
»Nein.«
»Er ist wirklich schnell«, sagte Fontenot. »Das erinnert an Taschenspielertricks.«
»Nein. Schon wieder falsch.« Oscar räusperte sich. »Meine Herren, könnten wir mal nach draußen gehen und uns unter sechs Augen unterhalten? Ich glaube, es wird allmählich Zeit, wieder zum Boot zurückzugehen.«
Sie nahmen Oscar beim Wort. Fontenot verabschiedete sich herzlich. Sie traten ins Freie und humpelten schweigend aus dem Dorf hinaus, vorbei an den verlegen grinsenden Bewohnern. Oscar fragte sich insgeheim, weshalb das Schicksal ihn mit zwei Generationen lahmer Männer geschlagen hatte.
Schließlich waren sie außer Hörweite der Haitianer angelangt. »Also, was meinen Sie?« fragte Kevin.