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»Ich glaube, das ist eine Hirngeschichte. Er war sich gleichzeitig zweier verschiedener Ereignisse bewusst. Er hat verhindert, dass sich der Junge verletzt, weil er ständig an den Jungen gedacht hat. Und obwohl er sorgfältig mit Hammer und Meißel arbeitete, ließ er nicht zu, dass die Flasche überfloss. Er hörte auf das Getröpfel, während er schnitzte. Er brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass die Flasche voll war. Ich glaube, er hat die Tropfen gezählt.«

»Dann ist das so, als ob er zwei Gehirne hätte«, meinte Kevin bedächtig.

»Nein, er hat bloß ein Gehirn. Aber er hat auf dem Bildschirm hinter seinen Augen zwei Fenster geöffnet.«

»Er betreibt Multitasking, aber mit seinem eigenen Hirn.«

»Ja, genau. So ist es.«

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte Fontenot, skeptisch blinzelnd.

»Meine Freundin hat den Nobelpreis für ihren Beitrag zur Erforschung der neuralen Basis der Wahrnehmung bekommen«, antwortete Oscar. »Angeblich ist das Jahre von jeder praktischen Anwendung entfernt. Angeblich. Kapiert? Dahinter steckt Green Huey. Auf den Beweis habe ich schon lange gewartet.«

»Wie wollen Sie beweisen, dass sich jemand auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren kann?« fragte Fontenot. »Woher wollen Sie wissen, dass er überhaupt denkt?«

»Das ist schwierig. Aber es ist machbar. Jedenfalls läuft es so. Deshalb langweilen sie sich hier auch nicht. Deshalb beten sie. Sie beten ständig – und es würde mich nicht wundern, wenn die Gebete nicht noch einem anderen Zweck dienen würden. Ich glaube, sie stellen eine Art Verbindung zwischen zwei verschiedenen Bewusstseinsströmen her. Man erzählt Gott, was man in jedem Moment denkt – und deshalb weiß man es auch selbst. Das wollte Christophe uns mit dem Getue um das ›brennende Herz‹ eigentlich sagen.«

»Also könnte man sagen, in seiner Brust wohnen zwei Seelen«, meinte Fontenot bedächtig.

»Ja«, sagte Oscar. »Wenn man diesen Begriff gebrauchen möchte. Ich wünschte mir, Greta wäre mit ihrer Laborausrüstung hier, dann könnten wir der Sache auf den Grund gehen.« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Der Notstand im Buna-Labor hat unseren Spielraum erheblich eingeschränkt.«

Sie hatten mittlerweile das Hovercraft erreicht, doch Fontenot ließ nicht erkennen, dass er aufbrechen wollte. Seine Beinprothese bereitete ihm Probleme. Er setzte sich auf den Rumpf des Hovercraft und nahm schwer atmend den Hut ab. Kevin kletterte übers Heck und setzte sich, legte die schmerzenden Füße hoch. Zwei Reiher flogen vorbei, und irgendetwas Großes und Öliges tauchte an einer Ansammlung von Schilfpflanzen an die Oberfläche.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, gestand Fontenot. Er blickte Oscar an, als wäre der daran schuld. »Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll. Ihre Freundin hat den Nobelpreis bekommen. Für Ihre Sicherheit ist ein Hacker zuständig. Und Sie sind ohne Vorwarnung auf meinem Hüttendach gelandet, gekleidet wie ein fliegender Affe.«

»Ja. Klar.« Oscar zögerte. »Wenn Sie Schritt für Schritt vorgehen, fügt sich alles zusammen.«

»Sagen Sie mir nichts mehr«, meinte Fontenot. »Ich bin schon viel zu tief in die Sache verwickelt. Ich will mich an Ihren Spielchen nicht beteiligen. Ich will nach Hause, ich will hier leben und irgendwann sterben. Wenn Sie mir noch mehr erzählen, muss ich den Präsidenten einweihen.«

»Dann will ich Ihnen mal reinen Wein einschenken«, sagte Oscar. »Ich arbeite für den Präsidenten. Ich gehöre dem Nationalen Sicherheitsrat an.«

Fontenot war verblüfft. »Sie sind jetzt in der Regierung? Sie arbeiten für den NSR?«

»Jules, hören Sie doch auf, sich über jede Einzelheit, die ich Ihnen sage, zu wundern. Das wirkt allmählich verletzend. Was glauben Sie denn, weshalb ich hergekommen bin? Was glauben Sie, weshalb ich ständig in solche Situationen gerate? Wer außer mir käme damit zurecht? Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der in der Lage ist, mitten in der Einöde in einen neuralen Voodoo-Kult hineinzumarschieren und auf der Stelle rauszufinden, was da abgeht.«

Fontenot rieb sich das verstoppelte Kinn. »Tja… Okay! Ich schätze, da haben Sie wohl Recht. Na schön, Mr. Alleswisser, sagen Sie mir eines. Wird es wirklich Krieg mit den Niederlanden geben?«

»Ja. Das wird es. Und wenn ich mit heiler Haut aus diesem verdammten Sumpf rauskomme und dem Präsidenten von meinen Erkenntnissen berichte, dann wird es wahrscheinlich auch Krieg mit Louisiana geben.«

»Du meine Güte.« Fontenot stöhnte laut. »Das ist mehr als nur schlimm. Das ist katastrophal. Schlimmer konnte es nicht kommen. Ich hätte besser den Mund gehalten. Ich hätte über die Sache kein Wort verlieren sollen.«

»Nein, Sie haben richtig gehandelt. Huey ist ein großer Mann und ein Visionär, aber er ist durchgeknallt. Hier geht’s nicht mehr bloß um den guten alten Südstaatengrößenwahn. Jetzt weiß ich Bescheid. Diese Haitianer, die sollen bloß beweisen, dass er richtig liegt. Huey hat irgend etwas Seltsames mit sich selbst angestellt. Irgend etwas mit seinem Gehirn.«

»Und Sie wollen dem Präsidenten davon berichten.«

»Ja, allerdings. Weil der Präsident nicht so ist. Der Präsident ist nicht verrückt. Er ist bloß ein beinharter, ehrgeiziger, brutaler Politiker, der in diesem gespaltenen Land Recht und Ordnung wiederherstellen will, selbst wenn das bedeutet, halb Europa in Brand zu stecken.«

Fontenot ließ sich das durch den Kopf gehen. Schließlich wandte er sich an Kevin. »Hey, Hamilton.«

»Ja, Sir?« sagte Kevin verblüfft.

»Lassen Sie nicht zu, dass dieser Bursche umgebracht wird.«

»Ich habe den Job nicht gewollt!« protestierte Kevin. »Er hat mir nicht gesagt, wie schwer es werden würde. Ehrlich! Wollen Sie wieder sein Bodyguard sein? Übernehmen Sie den verdammten Job.«

»Nein«, sagte Fontenot entschieden. Sie kletterten in das kleine Boot, drei Männer in einer Badewanne, und fuhren wieder ins Bayou hinaus.

»Er hat ein paar wichtige Dinge für uns getan«, sagte Fontenot. »Natürlich war es ihm vor allem um Huey zu tun. Huey stand auf Hueys Agenda immer ganz oben, das haben auch alle gewusst. Aber er hat so manches Gute für die Bevölkerung bewirkt. Seit er an der Regierung ist, hat sich mehr getan als in den vergangenen hundert Jahren. Er steht immer noch für die Zukunft.«

»Ja«, sagte Oscar, »Huey hat eine neue Ordnung errichtet – bloß ist sie nicht neu, und es ist auch keine Ordnung. Huey ist ein komischer Kauz. Er reißt Witze und heizt die Stimmung an, er schmeißt eine Runde und macht sich in der Öffentlichkeit lächerlich. Aber er hat alles: totale Kontrolle über die Legislative und die Jurisdiktion. Eine wild gewordene Braunhemdenmiliz. Sein eigenes Mediennetzwerk – sogar seine eigene Wirtschaft. Eine Blut-und-Boden-Idelogie. Geheime Verstecke voller Vergeltungswaffen. Huey kidnapped Leute. Er entführt ganze Bevölkerungsgruppen und lässt sie verschwinden. Ich nehme an, er handelt aus den lautersten Motiven, aber die Ziele zählen nicht, wenn man die Mittel einsetzt wie er. Und jetzt hat er sich eine seltsame Behandlung verpasst, die Menschen auf Dauer schizoid werden lässt! Besser kann es mit ihm nicht werden. Bloß noch schlimmer.«

Fontenot seufzte. »Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Erzählen Sie niemandem, dass ich Sie hierher geführt habe. Ich will keine Presse. Meine armen Nachbarn dürfen nicht erfahren, dass ich den guten alten Huey verraten habe. Das will ich nicht. Ich bin hier zu Hause. Ich will hier sterben.«

Kevin ergriff das Wort. »Sie behaupten ständig, das hier sei die Zukunft. Weshalb wollen Sie dann sterben, alter Mann?«

Fontenot musterte ihn mit Nachsicht; er hatte dunkle Ringe unter den Augen. »Kid, jeder zieht sich zum Sterben in die Zukunft zurück. Denn dort wird der Job getan.«

Oscar schüttelte den Kopf. »Sie brauchen keine Schuldgefühle zu haben. Sie schulden Huey keine Loyalität.«