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»Wir stehen alle in seiner Schuld, verdammt noch mal. Er hat uns gerettet. Er hat den Staat gerettet. Auf jeden Fall sollten wir ihm wegen der Moskitos dankbar sein.«

»Wegen der Moskitos? Welche Moskitos?«

»Es gibt keine mehr. Dabei befinden wir uns mitten in einem Sumpf. Aber wir werden nicht gestochen. Das ist Ihnen noch gar nicht aufgefallen, wie? Mir schon.«

»Und was ist mit den Moskitos passiert?«

»Vor Huey haben uns die Moskitos arg zugesetzt. Moskitos lieben die Treibhauszukunft. Als es immer wärmer und feuchter wurde, fielen sie in Schwärmen über uns her. Sie brachten Malaria, Denguefieber, Gehirnhautentzündung mit… Nach den großen Überschwemmungen des Mississippi quollen die Moskitos in diesem Bundesstaat aus jedem Graben. Das war eine wahre Plage, es gab Tote. Und Huey war gerade vereidigt worden. Er wollte sich einfach nicht damit abfinden, er sagte: unternehmt was, erledigt sie.‹ Er schickte diese Sprühlaster los. Keine Insektizide, kein Giftgas wie in der Vergangenheit – kein DDT, kein Gift. Das hat viel Schaden angerichtet – das funktioniert nicht, das weiß jeder. Huey aber hat es hingekriegt – er setzte nicht die Mücken unter Gas, sondern die Menschen. Und zwar mit Antikörpern. Eine Art Atemimpfung. Die Bewohner von Louisiana sind für die Moskitos mittlerweile giftig. Unser Blut ist praktisch tödlich für sie. Wird ein Cajun von einem Moskito gestochen, dann stirbt es auf der Stelle.«

»Raffiniert!« begeisterte sich Kevin. »Aber das bringt doch nicht alle Moskitos um, oder?«

»Nein, aber die Krankheiten sind gleich verschwunden. Weil sie sich nicht mehr von Mensch zu Mensch ausbreiten konnten. Und die Mücken sind auch weg. Huey hat nämlich auch die Tiere unter Gas gesetzt, alles, was atmet. Weil es nämlich funktioniert! Diese Blutsauger haben früher die Menschen scharenweise getötet. Seit Tausenden von Jahren waren die hier eine Plage biblischen Ausmaßes. Green Huey aber hat sie endgültig erledigt.«

Das Hovercraft tuckerte weiter. Die drei Männer verfielen in nachdenkliches Schweigen.

»Was ist das denn für eine Mücke da auf Ihrem Arm?« fragte Kevin nach einer Weile.

»Zack!« Fontenot hatte sie erschlagen. »Muss wohl vom Mississippi rübergeflogen sein.«

Oscar wusste um die Tragweite seiner neuen Erkenntnisse. Richtig gemanagt, würde dieser Skandal Huey erledigen. Schlecht gemanagt, würde er im Handumdrehen Oscar erledigen. Vielleicht sogar den Präsidenten.

Oscar verfasste das seiner Meinung nach beste Memorandum seiner Laufbahn. Er ließ es an den Präsidenten weiterleiten – in der Hoffnung, dass es nur von ihm gelesen wurde. Er überging seine Vorgesetzten an der Spitze der Befehlskette nur ungern, wollte aber verhindern, dass die paramilitärischen Eiferer vom NSR weitere Dummheiten machten. Der Helikopterangriff hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet, aber echte Profis wären anders vorgegangen.

Oscar appellierte an den Präsidenten. Er argumentierte ruhig, faktenbezogen, klar geordnet. Er beschrieb akribisch die örtlichen Gegebenheiten des Haitianer-Lagers und empfahl, einen Agenten einzuschleusen. Eine diskrete, harmlos wirkende Person. Eine Agentin wäre eine gute Wahl. Eine Person, die alles gründlich filmte und Blutproben nahm.

Drei Tage lang bombardierte Oscar die höhergestellten Mitglieder des NSR mit besorgten Anfragen. Ob der Präsident das Memorandum bereits gelesen habe? Es sei von äußerster Wichtigkeit. Von entscheidender Bedeutung.

Er bekam keine Antwort.

In der Zwischenzeit hatte das Laboratorium mit ernsthaften Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Moral unter den Zivilangestellten ließ nach. Sie bekamen kein Gehalt mehr ausgezahlt, während sie gleichzeitig geringeres Ansehen als die Forscher genossen, die sich rasch an die Unterstützung ehrfurchtsvoll staunender Moderatoren gewöhnten. Die Zivilangestellten waren sauer. Besonders aufgebracht waren die medizinischen Angestellten. Sie konnten anderswo jederzeit einen gutbezahlten Job bekommen – außerdem konnte man kaum von ihnen erwarten, dass sie einen ordentlichen, ethisch einwandfreien Medizinbetrieb ohne steten Geldzufluss und kontinuierliche Versorgung an Verbrauchsmaterialien aufrecht erhielten.

Zwischen Moderatoren und Regulatoren gab es ständig Streit wegen des Sabine River Valley. Spähtrupps rivalisierender Nomadengangs gingen sogar so weit, ihre Gegner aus dem Hinterhalt zu überfallen und zu lynchen. Die Lage wurde immer prekärer, zumal man die Sheriffs von Jasper und Newton County zum Rücktritt gezwungen hatte. Die beiden texanischen Sheriffs guter alter Schule waren in einen skandalösen Schmiergeldskandal verwickelt gewesen. Irgend jemand hatte ausführliche Dossiers über ihre langjährige Beteiligung am Alkoholschmuggel, dem Glücksspiel und der Prostitution angelegt – an all den gesetzwidrigen Vergnügungen, die man zwar verbieten, niemals aber unterbinden konnte.

Man musste kein Genie sein, um zu begreifen, dass die zivile Ordnung in Osttexas von Green Huey vorsätzlich unterminiert wurde. Die Regierung des Bundesstaats hätte sich der Herausforderung stellen sollen, doch dazu mangelte es ihr bekanntermaßen am erforderlichen Einfallsreichtum. Der Staat hielt endlose Anhörungen über das wie eine Seuche um sich greifende Problem der Polizeikorruption ab – offenbar in der Hoffnung, die Unruhen würden sich von selber legen, wenn man nur genug Berichte anfertigte.

Den größten Unsicherheitsfaktor an der Staatsgrenze stellte die provozierende Anwesenheit von europäischen und asiatischen Nachrichtencrews dar. Amerikas heißer Krieg mit den tapferen, winzigen Niederlanden war ein heißes Thema. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Verbrechergangs begeisterten Amerikas Fans in aller Welt seit jeher. Niederländische Journalisten bekamen keine Einreiseerlaubnis in die USA – die Franzosen und Deutschen hingegen waren überall, vor allem aber in Louisiana. Die Briten besaßen die Freundlichkeit, darauf aufmerksam zu machen, dass die Franzosen insgeheim Hueys Regulatorengangs bewaffneten.

Die prestigegeilen Hitzköpfe der Regulatoren waren hocherfreut über die weltweite Berichterstattung. Für junge Regulatorenrowdies gingen Ruf und Ansehen über alles, denn ansonsten besaßen sie nur wenig. Die militärische Krise unterminierte den eigenartigen Unterbau der Reputationsökonomie der Regulatoren. Gewaltbereite Hitzköpfe erlebten aufgrund ihrer gewagten Attacken gegen die Moderatoren einen jähen Aufstieg.

Oscars Einschätzung nach waren die Moderatoren ein wesentlich klügerer und leichter zu steuernder Haufen. Ihre Netzwerke waren besser aufgebaut und organisiert; die Moderatoren waren cooler, weniger sichtbar, weit weniger konfrontativ. Gleichwohl war nicht viel nötig, damit sie gewalttätig wurden.

Am vierten Tage nach dem Absenden des Memorandums erhielt Oscar eine knappe Nachricht vom Präsidenten. Two Feathers teilte ihm in wenigen Zeilen mit, dass er Oscars Memorandum gelesen und verstanden habe. Oscar erhielt Anweisung, mit niemandem über das Thema zu sprechen.

Achtundvierzig Stunden verstrichen, dann wurde der Skandal öffentlich. Ein Hubschraubergeschwader war des Nachts nach Louisiana eingeflogen und hatte sich in einer obskuren Sumpfsiedlung gesammelt. Zwei Helikopter stießen prompt zusammen und stürzten ab, wobei die Häuser der schlafenden Bewohner zerstört wurden und unschuldige Frauen und Kinder ums Leben kamen. Eine unbestimmte Anzahl Einheimischer war empörenderweise von den entführungsgeilen Unionstruppen verschleppt worden. Vier Unionssoldaten waren bei dem Absturz ums Leben gekommen. Ihre Leichen wurden vor Hueys europäischen Kameras zur Schau gestellt, die schmissigen schwarzen Fliegermonturen kopflastig vor veralteter Cyberausrüstung.

Diese bizarre Darstellung behielt weitere achtundvierzig Stunden lang Gültigkeit und gab Anlass zu allerlei falschen Schlussfolgerungen. Offiziell reagierte die Regierung nicht. Sie verweigerte einfach jeden Kommentar zu dem Thema, so als wären die demagogischen Ausfälle des Gouverneurs von Louisiana zu lächerlich, um dazu Stellung zu nehmen. Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentrierte sich stattdessen auf die US-Navy, deren Atlantikarmada, einhergehend mit einem archaischen Ritual flatternder Sternenbanner, mit Ziel Niederlande in See stach. Die tapfere alte Seestreitmacht schlingerte aus den halb unter Wasser stehenden militärischen Trockendocks aufs Meer hinaus. Alle Augen waren nun auf den Krieg gerichtet – oder jedenfalls hätten sie dies sein sollen.