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Außerhalb Amerikas war es für jedermann, selbst für die stets misstrauischen Chinesen, offensichtlich, dass der Angriff auf die Niederlande eine absurde und lächerliche Geste war. In Europa war dies Thema amüsierter Pamphlete. Allein die Niederländer waren ernsthaft empört.

In Amerika aber war die Wirkung groß. Das Land befand sich im Krieg. Von der aufmunternden Aussicht, jemand anderem Schaden zuzufügen, aus der abgrundtiefen Lethargie geweckt, hatte der Kongress tatsächlich einen Krieg erklärt. Die Folge war augenblickliche tiefgreifende Einmütigkeit. Aufgrund des Kriegszustands ins Abseits geraten, versprachen die meisten Notstandsausschüsse, sich friedlich aufzulösen. Einige wenige trotzten dem Kongress und dem Präsidenten, ungeachtet des Risikos einer Festnahme. Währenddessen bildeten sich Antikriegsnetzwerke, die auch auf den Straßen demonstrierten. Es missfiel ihnen, dass um eines innenpolitischen Vorteils willen die Verfassung missbraucht und das Land entehrt wurde.

Weitere angespannte vierundzwanzig Stunden verstrichen. Dann beschuldigte die Administration den Gouverneur von Louisiana, mit illegalen Einwanderern ethisch bedenkliche medizinische Experimente anzustellen. Die Nachricht kam inmitten des allgemeinen Säbelrasselns heraus. Dies stellte eine schockierende Ablenkung dar. Aber der Inhalt war ernst – schlimm, sehr schlimm, unglaublich schlimm. Der Generalstabsarzt und der Gesundheitsminister wurden in die Öffentlichkeit gezerrt und mit grimmigen Blicken, medizinischen Beweisen und erschreckenden Schädeldiagrammen konfrontiert.

Der PR-Angriff gegen Huey war schlecht, geradezu amateurhaft und stillos durchgeführt. Gleichwohl war er tödlich. Huey hatte schon viele Skandale abgeschmettert, war ihnen ausgewichen, hatte den Schwarzen Peter weitergereicht, die Kritiker zum Schweigen gebracht oder sie zu Falschaussagen angestiftet. Dieser Skandal aber überschritt die Grenzen des Erlaubten. Hier ging es um namenlose, hilflose, entwurzelte Menschen, die man mit industriellen Methoden um den Verstand gebracht hatte. Den meisten Amerikanern ging dies zu nahe. Damit konnten sie nicht leben.

Als das Telefon klingelte, war Oscar ausnahmsweise auf alles gefasst.

»Sie kleines ARSCHLOCH!« kreischte Huey. »Sie elender Yankeeschnüffler! Diese Leute waren vollkommen glücklich! Das war das Paradies auf Erden! Und die Unionssoldaten kamen bei Nacht und Nebel und haben sie gekidnapped! Die haben sie bei lebendigem Leib verbrannt

»Guten Abend, Gouverneur! Ich nehme an, Sie haben sich die heutige Pressekonferenz der Regierung angeschaut.«

»Sie sind ERLEDIGT, Sie hochnäsiges Schwein! Ich werde dafür sorgen, dass Sie noch bedauern werden, jemals geklont worden zu sein! Ich habe diesen Leuten Versprechungen gemacht, sie standen unter meinem Schutz. Sie haben sie verraten! Ich weiß, dass Sie das waren. Geben Sie’s zu!«

»Gouverneur, selbstverständlich gebe ich das zu. Verhalten wir uns doch wie erwachsene Menschen. Das musste irgendwann herauskommen, von mir hing das nicht ab. Sie können nicht zwei Jahre lang Hirnexperimente an Hunderten von Menschen durchführen, ohne dass etwas durchsickert. Wissenschaftler tauschen sich mit anderen aus. Sogar Ihre Schoßhündchen. Sogar Südstaatenwissenschaftler ohne Rang und Namen, die in Salzgruben hausen und mit Fremden grässliche Dinge anstellen. Natürlich haben Ihre irren Privatforscher in den Salzgruben anderen Neurowissenschaftlern gegenüber etwas durchsickern lassen. Und natürlich habe auch ich Wind davon bekommen Und natürlich habe ich dem Präsidenten davon berichtet. Ich arbeite für den Präsidenten.« Er räusperte sich. »Wohlgemerkt, ich habe die heutige Präsentation nicht veranlasst. Andernfalls hätte es professioneller gewirkt.«

Er fragte sich, ob Huey diese gewagte Lüge wohl schlucken würde. Er hatte sich nach Kräften bemüht, sie plausibel klingen zu lassen. Er hatte dies in den Absicht getan, Fontenot, seinen wahren Informanten, zu schützen. Vielleicht würde das Täuschungsmanöver Erfolg haben. Auf jeden Fall würde es Huey und seine staatlich bezahlten Neuroquacksalber ablenken und irritieren.

»Sie glauben doch nicht etwa den rassistischen Quatsch, den man über meine Haitianer in die Welt gesetzt hat. Das sind keine Monster! Das sind einfach bloß besonders fromme Leute mit seltsamen Drogenpraktiken. Die nehmen Kugelfischgift zu sich, das ist alles.«

»Gouverneur, mir kommen gleich die Tränen. Halten Sie mich etwa für ein Kind? Haben Sie Angst, ich würde das Gespräch mitschneiden? Wenn Sie nicht ernsthaft mit mir reden wollen, können Sie ebenso gut auflegen.«

»Ach was«, knurrte Huey. »Wir beiden kennen uns schon zu lange. Mit Ihnen kann ich immer reden, Soapy.«

»Gut. Es freut mich, dass unsere frühere Vereinbarung nach wie vor gilt. Diesmal sollten wir versuchen, uns nicht gegenseitig in die Quere zu kommen.«

»Zumindest weiß ich, dass Sie Zugang zum Präsidenten haben. Der Hurensohn ruft mich nicht mal zurück! Mich – den dienstältesten Gouverneur Amerikas! Ich weiß Bescheid über diesen Mistkerl, ich bin ihm bei Gouverneurskonferenzen begegnet. Scheiße, ich habe ihm eine Menge Gefallen getan. Ich hab ihm alles beigebracht, was er über den Umgang mit den Prolos weiß. ›Moderatoren‹ – was, zum Teufel, soll das alles? Er bringt meine Leute um! Er entführt meine Leute. Sagen Sie dem Präsidenten, er hat den Falschen ans Kreuz genagelt. Ich werde mich mit den starken Tönen dieses Fliegengewichts nicht abfinden. Er hat achtzehn Prozent der Wählerstimmen bekommen! Sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm, dass Huey so etwas nie vergisst.«

»Gouverneur, es wäre mir eine Freude, Ihre Überlegungen dem Präsidenten mitzuteilen, aber dürfte ich zunächst einen vernünftigen Vorschlag machen? Halten Sie den Mund. Sie sind am Ende. Der Präsident hat Sie in die Enge getrieben. Was Sie mit den Haitianern angestellt haben, war unverantwortlich! Sie haben sich in der Öffentlichkeit in die eigenen Füße geschossen.«

»Hätte ich sie etwa auf ihrer untergehenden Insel sitzen und sterben lassen sollen?«

»Ja, genau das hätten Sie tun sollen. Sie in Ruhe lassen. Bloß deshalb, weil Sie ihnen das Leben gerettet haben, können Sie nicht über andere Menschen verfügen. Sie wollen das menschliche Bewusstsein verändern, indem Sie unwissenden Versuchspersonen seltsame Drogen verabreichen? Gehen Sie zurück in die sechziger Jahre und treten Sie der CIA bei! Sie sind kein Gott, Huey! Sie sind bloß ein beschissener Gouverneur! Sie sind zu weit gegangen, viel zu weit! Und es wird Ihnen nicht gelingen, sich da rauszuwinden, weil Sie nämlich überall Ihre Fingerabdrücke – Ihre Gehirnabdrücke – hinterlassen haben!«

Huey lachte. »Das werden wir ja sehen.«

»Als nächstes wird man von Ihnen verlangen, dass Sie sich einer PET-Untersuchung unterziehen, Huey. Dann wird man synchronisierte Wellen chemischer Gradienten feststellen, veränderliche elektrische Felder im Corpus Callosum und all den anderen langweiligen Hirnscheiß, den von allen Politikern weltweit allein wir beide richtig aussprechen können! Man wird Sie als Monstrum outen. Als neuen Frankenstein! Sie werden von einem fackelschwingenden Mob gegrillt werden. Sie werden nicht nur politische Schwierigkeiten bekommen. Man wird sie töten.«