»Das weiß ich alles«, sagte Huey gelassen. »Sollen Sie nur.«
Oscar seufzte. »Etienne – darf ich Sie beim Vornamen nennen? Ich habe den Eindruck, dass wir einander in letzter Zeit viel besser verstehen… Etienne, bitte lassen Sie nicht zu, dass Sie umgebracht werden. Dazu kann es leicht kommen, und das ist die Sache nicht wert. Hören Sie mir zu. Ich fühle mit Ihnen. Ich habe ein elementares, dauerhaftes, persönliches und berufliches Interesse an Politikern, die zufällig Monster sind. Glauben Sie mir, jetzt kann es für Sie nicht mehr besser werden. Nur noch schlimmer und schlimmer.«
»Sie können sich doch denken, dass ich Sie deswegen in großem Stil outen werde, nicht wahr? ›kolumbianischer Klonfreak mit Nobelpreisträgerin in Liebesnest‹.«
»Etienne, ich bin nicht nur ein kolumbianischer Klonfreak. Ich bin auch ein professioneller Wahlkampfberater. Und jetzt möchte ich Ihnen einen sehr ernst gemeinten Rat geben. Geben Sie auf. Gehen Sie fort. Nehmen Sie sich ein bisschen Geld aus dem Schmiergeldfonds, nehmen Sie Ihre reizende Frau, wenn Sie denn wirklich mitkommen mag, und gehen Sie ins Exil. Gehen Sie in die selbstgewählte Verbannung. Verstehen Sie? Gehen Sie außer Landes. Sowas kommt vor. Das ist normal. Das ist ein legitimes politisches Manöver.«
»Ich laufe nicht weg. Sowas tut Huey nicht.«
»Natürlich ›tut Huey sowas‹, verdammt noch mal! Steigen Sie in ein hübsches französisches U-Boot ein – ich weiß, dass vor der Küste Dutzende herumlungern. Lassen Sie sich zu einer netten Villa bringen, auf Elba oder St. Helena oder wo auch immer. Nehmen Sie ein paar ergebene Bodyguards mit. Das ist machbar! Essen Sie gut, schreiben Sie Ihre Memoiren, lassen Sie sich von der Sonne bräunen, ruhen Sie sich aus und warten sie. Wenn sich die Lage hier in Amerika noch mehr verschlechtert… dann stehen Sie vielleicht eines Tages sogar wieder gut da. Das klingt verrückt, aber ich bin mir meines Urteils nicht mehr sicher. Vielleicht kommt es irgendwann ja sogar in Mode, ahnungslose Menschen vorsätzlich in schizoide Geisteszustände zu versetzen. Im Moment klingt das noch teuflisch. Lesen Sie morgen die Meinungsumfragen. Sie sind erledigt.«
»Kid, ich bin Huey. Sie sind erledigt. Ich kann Sie und Ihre Freundin, diese undankbare Schlampe, vernichten und Ihre ganze Forschungseinrichtung, die in Wahrheit meine Forschungseinrichtung ist und immer sein wird, noch dazu.«
»Das könnten Sie versuchen, Gouverneur, aber wozu Energie verschwenden? Es wäre im Moment sinnlos, uns zu vernichten. Dafür ist es zu spät. Ich hätte Ihnen eigentlich mehr Fingerspitzengefühl zugetraut.«
»Mein Sohn, Sie haben’s noch immer nicht kapiert. Dafür brauche ich kein ›Fingerspitzengefühl‹. Das erledige ich alles nebenbei – während ich mir den Kopf tätschle und den Bauch kratze.« Huey legte auf.
Jetzt, da die Kriegsfurien und noch andere, kleinere Furien mit stumpfen, symbolischen Zähnen auf dem psychischen Schlachtfeld Amerikas herumtobten, war politisches Chaos die Folge. Niemand hatte dies vom Präsidenten erwartet. Ein exzentrischer Milliardär und amerikanischer Ureinwohner – auf das von Identitätskrisen und der zersplitterten Politik geschüttelte Land hatte Two Feathers wie eine bunte Diashow gewirkt, wie ein Warum-nicht-Kandidat, dessen Prahlerei der Moral auf die Beine helfen mochte. Auch Oscar hatte ihm nicht viel zugetraut; als Gouverneur von Colorado hatte Two Feathers kaum Gelegenheit gehabt zu glänzen. Jetzt aber, da er fest im nationalen Sattel saß, erwies Two Feathers sich zunehmend als Phänomen. Offenbar war er einer jener Übergangspräsidenten, deren überlebensgroße Gestalten ihrer Zeit den Stempel aufdrückten und das Leben gefährlich und interessant machten.
Zu Hueys Pech bot die politische Landschaft Amerikas Platz für nur einen exzentrisch gekleideten, eisenfressenden, autoritären Gouverneur. Two Feathers hatte es bis ins Weiße Haus geschafft. Schlimmer noch, er sah in Huey eine untragbare Bedrohung, die ihm keine andere Wahl ließ. Er war entschlossen, Huey zu vernichten.
Der Präsident beschuldigte den Gouverneur der landesverräterischen Kollaboration mit ausländischen Mächten in Kriegszeiten. Dies stimmte sogar, wenngleich der Krieg mit der Niederlande bislang vor allem dazu geführt hatte, dass es in Amerika von neugierigen europäischen Touristen wimmelte. Die Europäer hatten schon lange keine Kriegserklärung mehr erlebt. Es war amüsant, mit einem anderen Land Krieg zu führen, zumal dann, wenn in diesem Land auf Flohmärkten körbeweise Abhörwanzen angeboten wurden. Auf einmal war jeder sein eigener Spion.
Als nächstes erhöhte der Präsident den Einsatz. Er verlangte die unverzügliche Rückgabe aller Waffen, die aus dem geplünderten Luftwaffenstützpunkt in Louisiana entwendet worden waren, und drohte mit nicht näher bezeichneten ernsten Vergeltungsmaßnahmen.
Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die gestohlenen Waffen nicht zurückgegeben wurden. Stattdessen beschuldigte der Gouverneur den Präsidenten, das Kriegsrecht einführen zu wollen und einen Staatsstreich zu planen.
Hueys Senatoren entfesselten im US-Senat einen Marathon-Verfahrenskrieg der Verschleppungstaktik. Der Präsident verlangte die Amtsenthebung zweier Senatoren aus Louisiana. Des weiteren kündigte er Ermittlungen gegen sämtliche Vertreter Louisianas an.
Huey verlangte vom Kongress, gegen den Präsidenten ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten, und rief zu einem Generalstreik der Antikriegsaktivisten auf, der das Land paralysieren sollte.
Die Drohung mit dem Generalstreik konterte der Präsident mit der einseitigen Gründung einer neuen Freiwilligenorganisation, des ›Zivilen Nachrichtendienstes für Landesverteidigung‹. Auf dem Papier machte diese Organisation einen sehr merkwürdigen Eindruck – ein nationaler Debattierclub so genannter ›Bürgeraktivisten‹, die allein dem Präsidenten verpflichtet waren. Der ZNL hatte kein Budget, und den Vorsitz führte ein älterer, hochdekorierter Kriegsheld, der zufällig in Colorado lebte. Zufällig war er auch mit dem Präsidenten befreundet. Zufällig handelte es sich um einen hochrangigen Moderator.
Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass der ZNL mit den Moderatoren identisch war. Der ZNL war eine riesige Prologang, welche die unmittelbare Unterstützung des Präsidenten genoss. Damit war der Rubikon überschritten. Damit wurde offensichtlich, dass der Gouverneur von Colorado jahrelang seine eigene Prolostreitmacht gefördert hatte. Huey hatte die Regulatoren als geheime Eingreiftruppe benutzt, der Präsident aber brachte seine Privatmafia ganz offen ins Spiel und schwang sie wie eine Keule. Der Präsident reagierte vielleicht ein wenig spät, aber er besaß einen großen Vorteil. Er war der Präsident.
Jetzt wirkte der Präsident zum ersten Mal wahrhaft mächtig, sogar gefährlich. Dies war eine klassische politische Koalition: dergleichen hatte auch im mittelalterlichen Frankreich funktioniert. Der lange Zeit vergessene Unterbau hatte sich mit der ehemals schwachen Spitze verbündet, um dem arroganten und gespalteten Mittelbau den Marsch zu blasen.
Als Erstes setzte der Präsident seine halb legalen Streitkräfte gegen die mittlerweile illegalen Notstandsausschüsse ein. Dies war ein brillanter Schachzug, denn die Notstandsausschüsse wurden allgemein verabscheut und waren noch mehr gefürchtet als die Prolos. Außerdem hatten die Notstandsausschüsse ihre rechtliche Grundlage verloren und waren mit ihrem Latein bereits am Ende. Eine seit neuestem illegale Machtgruppierung mit einer erst kürzlich legalisierten Streitmacht anzugreifen, das traf bei den Amerikanern weitgehend auf Zustimmung. Dem Manöver war eine hübsche unterschwellige Symmetrie zu eigen. In den Meinungsumfragen machte der Präsident einen großen Sprung nach vorn. Er brachte greifbare Ergebnisse zustande, nachdem jahrelang überhaupt nichts passiert war.