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Der neu gebildete ZNL bediente sich seinerseits einiger eindrucksvoller neuer Taktiken. Es mangelte ihm an der rechtlichen Grundlage, irgend jemanden festzunehmen, daher setzte er Angehörige der Notstandsausschüsse mit so genannten Kletten unter Druck. Diese mit Armbinden ausgestatteten Quästoren verfolgten die betreffenden Personen vierundzwanzig Stunden täglich. Für Prolos war dies leicht zu bewerkstelligen. Bei der ›Klettentaktik‹ handelte es sich hauptsächlich um geheimdienstliches Ausspähen, um ein Beschatten; es geschah jedoch nicht im Geheimen. Es geschah in aller Öffentlichkeit und war für die Betroffenen wie jede Verfolgung durch Paparazzi äußerst lästig.

Die Prolos fühlten sich bei dieser Tätigkeit ganz in ihrem Element. Sie waren immer schon quasi wie ein Geheimdienst organisiert gewesen – kleine, verteilte, geheime Netzwerke, ein Leben am Rande der Gesellschaft, auf der Basis von Passwörtern und hartnäckigem Schnorren. Als nationaler Schlägertrupp aber, der seine Befehle von oben bekam, verwandelten sich die Prolonetzwerke auf einmal in eine feste, kristalline Substanz. Für die Gegner des Präsidenten wurden sie zu einem menschlichen Gefängnis, in dem sie ständiger Überwachung ausgesetzt waren.

Zumindest schien es so. Es war noch zu früh, um zu entscheiden, ob der ZNL des Präsidenten dauerhaft die Rolle einer neuen Modellarmee einnehmen konnte. Die schiere Drohung, ihn einzusetzen, erschütterte das System jedoch bis in seine Grundfesten. Eine neue Ära brach an. Amerikas Notstand war offenbar endgültig beendet. Es herrschte Krieg.

Oscar verfolgte diese Entwicklungen mit professioneller Aufmerksamkeit und bemühte sich, auf der Welle mitzuschwimmen. Er ließ Greta den Notstand im Labor für beendet erklären. Es herrschte kein Notstand mehr. Von nun an herrschte Kriegszustand.

»Warum tust du uns das an?« fragte Greta während einer der vielen anstrengenden Nachtsitzungen. »Welchen Unterschied macht das schon aus?«

»Einen gewaltigen Unterschied.«

»Das ist doch Haarspalterei! Hier sitzen immer noch dieselben Leute. Ich bin immer noch Direktorin, Gott steh mir bei. Und der Notstandsausschuss ist nach wie vor die einzige Institution, die mit diesem Chaos fertig wird.«

»Ab sofort ist das der Kriegsausschuss.«

»Das ist rein symbolisch!«

»Nein, ist es nicht.« Oscar seufzte. »Ich erklär’s dir, es ist ganz einfach. Der Präsident hat in einer Krise die Macht übernommen. Er hat die Verfassung umgangen, er hat den Kongress ausgehebelt, er hat die Notstandsausschüsse neutralisiert. Dies hat er dadurch bewirkt, dass er große Gruppen gesellschaftlicher Außenseiter rekrutiert hat, die ihre neue Legitimität ausschließlich ihm verdanken und ihm persönlich verpflichtet sind.«

»Ja, Oscar, das wissen wir bereits. Wir sind ja nicht blind. Aber ich bedaure sehr, was der Präsident getan hat. Ich begreife nicht, weshalb wir sein radikales, brutales Vorgehen imitieren sollen.«

»Greta, der Präsident imitiert uns. Das Gleiche haben wir hier getan. Der Präsident handelt deshalb so, weil wir beide damit durchgekommen sind! Du bist deswegen sehr populär, du bist berühmt. Die Leute finden es faszinierend, mit Prologangs Macht zu erlangen und die Halunken rauszuschmeißen. Das ist ein raffinierter Schachzug.«

Greta wirkte sehr bedrückt. »Ach… O mein Gott.«

»Ich gebe zu, das ist keine gute Nachricht für Amerikas Demokratie. Das ist eine schlechte Nachricht. Eine furchtbare, vielleicht sogar verhängnisvolle Nachricht. Für das Labor allerdings ist sie wundervoll. Sie bedeutet, die Wahrscheinlichkeit, dass wir wegen unserer Vergehen verhaftet oder angeklagt werden, sinkt rapide. Verstehst du? Wir werden ungestraft damit durchkommen. Damit hat uns unser oberster Schutzherr und Gönner – der Präsident – ein wundervolles Geschenk gemacht. Wir können ungehindert schalten und walten! Von nun an müssen wir nur jedesmal das Hemd wechseln, wenn der Präsident das seine wechselt. Von nun an tragen wir Tarnfarben. Wir sind keine verrückten Radikalen mehr, die ein staatliches Labor bestreiken. Wir sind loyale Bürger, die sich aufmerksam an dem großartigen Experiment des Präsidenten beteiligen, eine neue soziale Ordnung zu etablieren. Und deshalb ist das ab sofort der Kriegsausschuss.«

»Aber das geht nicht. Wir führen keinen Krieg.«

»O doch, das tun wir.«

»Nein, tun wir nicht.«

»Wart’s ab.«

Zwei Tage später entsandte der Präsident Unionstruppen nach Buna. Ungeachtet einer tief verwurzelten Abneigung gegen Einsätze im Landesinneren befolgte die US-Armee endlich seine Befehle. Bedauerlicherweise handelte es sich um ein auf die Bewältigung kleinerer Konflikte spezialisiertes Infanteriebataillon.

Zu einem historischen Zeitpunkt, der das Ende der bewaffneten Konflikte markierte, wusste das amerikanische Militär, dass es am Anbruch eines Zeitalters stand, da die Feder wahrhaft mächtiger wäre als das Schwert. Das Schwert war in einer Zeit, da es keine Schlachtfelder mehr gab und ein stehendes Heer von billigem, unbemanntem Gerät aufgerieben werden konnte, nicht mehr viel nütze.

Daher hatte das US-Militär die Bedeutung der Schwerter herab- und die ihrer Federn heraufgestuft. Das Siebenundsechzigste Bataillon für Infokriegsführung und Soziale Schlichtung bestand vor allem aus Sozialarbeitern. Sie trugen schmucke weiße Uniformen, verfügten über besondere sprachliche Fähigkeiten und befassten sich vor allem mit Katastrophenhilfe, Konfliktberatung, leichter Polizeiarbeit und Erster Hilfe. Die Hälfte davon waren Frauen; sie waren nicht mit Handfeuerwaffen ausgerüstet, und obendrein hatte man sie ohne jede finanzielle Ausstattung in Marsch gesetzt. Vielmehr warteten sie bereits seit vier Monaten auf ihren letzten Sold. Um trotzdem zurechtzukommen, waren sie gezwungen gewesen, ihre gepanzerten Transportfahrzeuge zu verkaufen.

Das Labor war nun wirklich überfüllt. Die Unsitte, die seltenen Tiere zu jagen und zu verzehren, griff immer mehr um sich. Mit den fünfhundert schnorrenden Psychotherapie-Soldaten mitsamt ihrem Mediengefolge war das bereits arg belastete Labor endgültig überfordert. Die Kuppel beschlug sich allmählich von der Atemfeuchtigkeit ihrer Bewohner.

Um die Neuankömmlinge sinnvoll zu beschäftigen, setzte Oscar das Infokriegsbataillon zur psychologischen Belagerung der Huey-Anhänger ein, die noch immer hartnäckig streikten und sich im Spin-off-Gebäude eingeigelt hatten. Die Soldaten kamen seiner Bitte bereitwillig nach. Allerdings ähnelte das Labor nun allmählich einer riesigen U-Bahnhalle.

Es lag nahe, weitere Unterkünfte zu bauen. Die Moderatoren, denen das enge Zusammenleben mit den Soldaten Unbehagen bereitete, errichteten Zelte auf dem unbebauten Laboratoriumsgelände außerhalb der Kuppel. Oscar hätte die Kuppel gern erweitert. Bambakias’ Katastrophenpläne enthielten einige erstaunliche Anregungen dazu. Die Materialien waren verfügbar. Arbeitskräfte gab es im Überfluss. Auch der nötige Wille war vorhanden.

Doch es gab kein Geld. Das Labor lag mitten in der Stadt Buna, deren Grund und Boden in Privatbesitz war. Die Stadt war dem Labor noch immer freundlich gesonnen, war sogar stolz auf die Publizität, die sie neuerdings genoss. Das Labor konnte die Stadt jedoch nicht mit Waffengewalt zu etwas zwingen. Außerdem war der verfügbare Mietraum in Buna bereits zu stark überhöhten Preisen an europäische und asiatische Berichterstatter, Bürgerrechtsorganisationen und Friedensgruppen vergeben worden.

Somit waren ihnen die Hände gebunden. Es lief immer aufs Geld hinaus. Und das fehlte ihnen. Sie hatten bewiesen, dass man Wissenschaft eine Zeit lang mittels bloßen Charismas betreiben konnte, ein Leben, gespeist vom Sinn fürs Wunderbare, wie diese endlosen Fernsehsendungen, bei denen Spenden eingesammelt werden. Aber die Menschen blieben Menschen; das Charisma ging ihnen aus, der Sinn fürs Wunderbare fraß seine Kinder. Das Bedürfnis nach Geld war grundlegender Natur und stets vorhanden.