Die Stimmung wurde gereizt. Trotz der offenkundigen Harmlosigkeit der Unionssoldaten fasste Huey ihre Anwesenheit an der Grenze von Louisiana folgerichtig als Provokation auf. Er löste ein Sperrfeuer hysterischer Propaganda aus, einschließlich der bizarren und belegten Behauptung, der Präsident sei seit langem ein niederländischer Spion. Als Gouverneur und als Holzgroßhändler hatte der Präsident in glücklicheren Zeiten mehrfach mit den Niederländern zu tun gehabt. Hueys Oppositionsrechercheure hatten dazu ausführliche Dossiers angelegt.
Dies alles blieb wirkungslos. Nur ein Schizo mit gespaltenem Bewusstsein konnte ernsthaft glauben, der Präsident, der soeben Holland den Krieg erklärt hatte, sei ein niederländischer Agent. Während die US-Marine nach Amsterdam unterwegs war. Während die Niederländer laut um Hilfe riefen und keine bekamen.
Diese Unterstellung führte nicht nur zu nichts, sie überzeugte auch viele ehemalige Unentschiedene davon, dass Huey den Verstand verloren hatte. Huey war gefährlich und musste um jeden Preis aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Gleichwohl hielt Huey durch, drillte in aller Öffentlichkeit seine bundesstaatliche Miliz, führte Säuberungen bei der schwankend gewordenen Polizei durch und schwor allen Heuchlern und Lügnern der Welt Rache.
Um Oscars und Gretas Beziehung war es schlecht bestellt. Sie fingen an, sich in der Öffentlichkeit ernsthaft zu streiten. Sie hatten sich auch früher schon gekabbelt und kleine Meinungsverschiedenheiten gehabt; doch nach so vielen Stunden, Tagen und Wochen anstrengender Verwaltungsarbeit trugen sie in der Öffentlichkeit heftige Streitereien über die Zukunft des Labors und die Bedeutung ihrer Arbeit aus.
Das Ende des Notstands und der Beginn des Kriegszustands machten eine andere Medienumgebung nötig. Oscar schaltete die Lautsprecher ab, welche die Diskussionen des Notstandsausschusses übertragen hatten. In Kriegszeiten ging es um Geheimhaltung, um Blut, Schweiß und Tränen. Es war an der Zeit, damit aufzuhören, die Laborbewohner durch Propaganda zu beeinflussen. Sie wussten bereits, wo sie standen und was auf dem Spiel stand. Jetzt galt es zu verteidigen, was sie aufgebaut hatten; sie mussten mit Schaufeln im Graben stehen, sie mussten Marschlieder singen.
Gleichwohl konnten sie nichts von alledem tun. Sie konnten bloß warten. Sie hatten keinen Einfluss auf den Gang der Dinge. Sie waren nicht mehr Herr über ihr Geschick, die Initiative war ihnen entglitten. Die eigentliche Schlacht wurde in Washington geschlagen, in Den Haag, in einer Flottille von Marineschiffen, die etwa so langsam, wie dies technisch überhaupt möglich war, den stürmischen Atlantik überquerten. Das Land befand sich im Krieg.
Erst als sie sich mit ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit abgefunden hatten, spitzte sich die Lage zu. Der Anführer des Zivilen Nachrichtendienstes für Landesverteidigung traf in Buna ein. Es handelte sich um einen Moderatoren aus Colorado namens Field Marshall Munchy Menlo. Munchy Menlo hieß eigentlich Gutierriz; in seiner fernen Jugend war er an ein paar hässlichen Einsätzen gegen Aufständische in Kolumbien und Peru beteiligt gewesen. Munchy Menlo war im bürgerlichen Leben aus dem Tritt geraten; er hatte ein Alkoholproblem gehabt, er war mit einem Lebensmittelladen bankrott gegangen. Schließlich war er aus dem Raster gefallen und ins Lager der Moderatoren übergewechselt, wo es ihm ausgesprochen gut ergangen war.
Field Marshall Menlo – er legte Wert darauf, mit seinem ›Straßennamen‹ angeredet zu werden – war geprägt von einer militärischen Ordnung, wie Oscar sie noch nicht kennen gelernt hatte. Er war geradeheraus, hatte einen Bart und war zurückhaltend und bescheiden in seinem Auftreten. Seine Ausstrahlung war typisch für Menschen, die eine Menge Leute umgebracht hatten.
Bei Kriegsausbruch war Oscar befördert worden; nun war er reguläres Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates. Er besaß eine eigene Ausweiskarte mit Hologramm und einen NSR-Briefkopf, der ihn als ›Wissenschaftlichen Berater‹ auswies. Oscar war der natürliche Verbindungsmann für Field Marshal Menlo. Als dieser aus Washington eintraf – auf dem Motorrad, ohne Eskorte –, stellte Oscar ihn dem Kriegsausschuss vor.
Menlo erklärte, er sei gekommen, um sich in aller Stille einen Überblick zu verschaffen. Der neu geschaffene ZNL erwäge einen militärischen Vorstoß nach Louisiana hinein.
Der Kriegsausschuss des Labors war vollzählig erschienen, um Menlo anzuhören. Fünfzehn Personen waren anwesend, darunter Greta, Oscar, Kevin, Albert Gazzaniga, sämtliche Vertreter der Laborabteilungen sowie sechs Moderatorenhäuptlinge. Die Moderatoren nahmen die Neuigkeit freudig auf. Endlich würden sie den Regulatoren mit Rückendeckung seitens der Regierung die blutige Abreibung verpassen, die sie verdient hatten! Alle anderen waren natürlich entsetzt.
Oscar ergriff das Wort. »Field Marshal, wenngleich ich mir der Vorzüge eines Militärschlages gegen Louisiana – eines Überraschungsangriffs… eines begrenzten, chirurgischen Angriffs – bewusst bin, so sehe ich doch nicht ein, welche Vorteile uns ein Angriff auf unsere amerikanischen Mitbürger einbringen sollte. Huey sitzt nach wie vor an den Hebeln der Macht, aber er wird schwächer. Seine Glaubwürdigkeit ist erschüttert. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis er von Dissidenten aus dem Amt gejagt wird.«
»Hmmm«, machte der Field Marshal.
Gazzaniga zuckte zusammen. »Ich stelle mir nur ungern vor, was die Medien daraus machen würden, wenn amerikanische Soldaten amerikanisches Blut vergießen. Das wäre furchtbar. Im Grunde würde das Bürgerkrieg bedeuten.«
»Wir würden wie Barbaren dastehen«, sagte Greta.
»Ein Wirtschaftsembargo. Moralischer Druck. Netzattacken, Infokrieg. So handhabt man derlei Probleme«, sagte Gazzaniga entschieden.
»Ich verstehe«, meinte der Field Marshal. »Nun, dann möchte ich noch auf eine andere Kleinigkeit zu sprechen kommen. Der Präsident ist sehr besorgt wegen der vom Luftwaffenstützpunkt entwendeten Waffen.«
Alle nickten. »Die sind schon eine ganze Weile verschwunden«, meinte Oscar. »Das ist wohl kaum ein drängendes Thema.«
»Es ist weithin unbekannt – diese Information ist natürlich vertraulich zu behandeln –, dass sich in dem Stützpunkt spezielle Kurzstrecken-Boden-Boden-Raketen befanden.«
»Raketen«, wiederholte Greta nachdenklich.
»Die Ergebnisse der Luftaufklärung deuten darauf hin, dass die Raketen samt Abschussvorrichtungen im Sabine River Valley versteckt sind. Nachforschungen seitens einiger tüchtiger Spione haben ergeben, dass die Raketen mit Aerosol-Sprengköpfen ausgerüstet wurden.«
»Giftgas?« fragte Gazzaniga.
»Die Raketen sind für den Gaseinsatz bestimmt«, erklärte Menlo. »Bestückt mit nichttödlichen Aerosolen zur Bekämpfung von Aufständen. Zum Glück verfügen sie über eine Reichweite von lediglich fünfzig Meilen.«
»Ich verstehe«, meinte Oscar.
»Tja«, sagte Gazzaniga, »da hätten wir also nichttödliche Raketen mit kurzer Reichweite, richtig? Und was weiter?«
»Dieses Labor ist die einzige Regierungseinrichtung im Umkreis von fünfzig Meilen um die Raketen.«
Allgemeines Schweigen.
»Sagen Sie mir, wie die Raketen funktionieren«, meinte Greta schließlich.
»Die sind raffiniert gebaut«, antwortete Menlo. »Stealth-Technik, größtenteils aus Plastik, und sie verdampfen in der Luft und setzen dabei lautlos das Aerosol frei. Geladen sind sie mit Mikrotröpfchen mit Gelatinehülle. Das psychotrope Reagenz befindet sich innerhalb der Tröpfchen, die nur in menschlichen Lungen schmelzen. Nach einigen Tagen an der frischen Luft schlägt sich der Mikronebel nieder, und die Ladung wird träge. Aber jeder, der sich in diesem Gebiet aufhält, atmet die Tröpfchen ein.«
»Dann wäre das also mit einer kurzzeitig wirksamen Inhalatationsimpfung zu vergleichen«, sagte Oscar.