»Ja, genau. So kann man es ausdrücken. Ich glaube, Sie haben mich verstanden.«
»Welche Wahnsinnigen bauen denn so etwas?« fragte Greta aufgebracht.
»Nun, das US-Militär beschäftigt zahlreiche Spezialisten für biologische Kriegsführung. Bevor wir den Wirtschaftskrieg verloren, haben eine ganze Reihe von ihnen in dem Stützpunkt gearbeitet.« Field Marshal Menlo seufzte. »Meines Wissens kam diese Technik niemals zum Einsatz.«
»Er wird uns mit diesen Dingern beschießen«, erklärte Oscar.
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Er hat diese Biokriegstechniker eingestellt. Er muss sie schon vor Jahren billig eingekauft haben. Er hat sie irgendwo in eine Salzgrube gesteckt. Psychotropes Gas – das hat er auch gegen den Luftwaffenstützpunkt eingesetzt. Und mittels Aerosolimpfung hat er die Moskitos ausgerottet. Das passt alles zusammen. Das ist seine Vorgehensweise.«
»Wir schließen uns dieser Einschätzung an«, sagte Menlo. »Der Präsident hat ihn aufgefordert, die Gaswaffen zurückzugeben. Keine Reaktion. Also beabsichtigt er wohl auch, sie einzusetzen.«
»Was ist das für eine Substanz in den Mikrotröpfchen?« fragte Greta.
»Wahrscheinlich psychotroper Natur. Sollte man damit Buna beschießen, würde die ganze Bevölkerung für achtundvierzig Stunden durchdrehen. Allerdings könnte das Aerosol auch ganz andere Substanzen enthalten. Alles mögliche im Grunde.«
»Und gegenwärtig zielt eine ganze Batterie dieser Raketen auf uns?«
Menlo nickte. »Bloß eine Batterie. Zwanzig Sprengköpfe.«
»Ich frage mich«, sagte Gazzaniga, »ob nicht ein begrenzter, chirurgischer Militärschlag… durchgeführt nicht von offiziellen US-Truppen, sondern beispielsweise von tüchtigen Kriegsveteranen, die als irreguläre Moderatoren verkleidet sind…«
»Dann sähe die Sache ganz anders aus«, sagte ein Abteilungsleiter.
»Genau.«
»Das würde die Krise entschärfen. Die allgemeine Sicherheit erhöhen.«
»Das habe ich mir auch gedacht.«
»Wann können Sie angreifen, Marshal Menlo?«
»In zweiundsiebzig Stunden«, antwortete der Field Marshal.
Huey aber startete seine Raketen bereits achtundvierzig Stunden später.
Die erste Rakete verfehlte die Kuppel und traf den Westrand von Buna. Ein Stadtbezirk von der vierfachen Größe eines Football-Feldes wurde mit einer schwarzen Substanz verseucht. Die Ankunft der Bio-Rakete und die Explosion verliefen völlig lautlos. Erst um drei Uhr früh stellte ein im Aufbruch begriffenes deutsches Filmteam, das in einer Pension untergekommen war, fest, dass Straßen, Dächer und Fenster mit einer feinpudrigen schwarzen Substanz bedeckt waren.
Dies löste eine allgemeine Panik aus. Über die in Washington gefangen gehaltenen Haitianer war in letzter Zeit ausführlich berichtet worden. Auch den Gasangriff auf die Luftwaffenbasis hatte man nicht vergessen. Die Neuigkeiten aus dem Kriegsausschuss des Labors waren natürlich augenblicklich in die Öffentlichkeit durchgesickert – nicht offiziell, sondern als Gerücht. Mit den schwarzen Manifestationen ihrer tiefsten Ängste konfrontiert, verloren die Einwohner von Buna den Verstand. Von Juckreiz, Hautbrennen, Ohnmachtsanfällen und Krämpfen wurde berichtet. Viele der Betroffenen behaupteten, an Bewusstseinsspaltung zu leiden, das zweite Gesicht zu haben oder gar telepathische Fähigkeiten zu besitzen.
Eine mutige, mit Atemmasken ausgerüstete Gruppe von Laborbewohnern eilte an den Ort des Gasangriffs. Sie nahmen Proben und kehrten anschließend zurück, wobei sie sich nur mit Mühe durch die panische Menschenmenge, die sich im luftdichten Labor in Sicherheit bringen wollte, hindurchzuzwängen vermochten. An den Toren kam es zu hässlichen Szenen; Familien wurden im Gedränge getrennt, Frauen hielten ihre Kinder hoch und bettelten um Gnade und Einlass.
Um zehn Uhr morgens lag das Untersuchungsergebnis vor. Bei der schwarzen Substanz handelte es sich um Farbe, um ein ungiftiges, schwer entfernbares, ätzendes Polymer, eingeschlossen in Gelatinekügelchen. Von einem psychotropen Reagenz konnte nicht die Rede sein. Die Panik der Stadtbevölkerung war auf Massenhysterie zurückzuführen gewesen. Bei dem Projektil hatte es sich lediglich um einen mit Farbe gefüllten Versuchsballon gehandelt, um einen Warnschuss voll düsteren Humors.
Der Vorstoß des ZNL über die Grenze von Louisiana wurde abgeblasen, denn die Raketenwerfer waren verlegt worden. Schlimmer noch, auf einmal waren zwanzig neue Raketenwerferattrappen aufgetaucht; auf Farmen, in kleinen Städten, auf Shrimplaster montiert, über ganz Louisiana verteilt.
Obwohl die wissenschaftliche Analyse ergeben hatte, dass der Sprengkopf Farbe enthalten hatte, weigerte sich ein großer Teil der Bevölkerung, dies zu glauben. Unionsregierung wie bundesstaatliche Behörden verkündeten gleichlautend, es handele sich um Farbe; auch der Stadtrat bezog Stellung, doch die Leute wollten sich einfach nicht damit abfinden. Die Menschen waren paranoid und verängstigt – viele aber hatte der Vorfall auch in eine eigenartige Hochstimmung versetzt.
In den folgenden Tagen entwickelte sich ein florierender Graumarkt für Proben der Farbe, die sich in Windeseile übers ganze Land verteilten und den Leichtgläubigen in kleinen Plastikdöschen verkauft wurden. Hunderte von Menschen begaben sich spontan nach Buna, wo sie die Farbe sorgfältig zusammenkratzten und durch die Nase einsogen. Bald wurden der Substanz Wunderheilungen zugeschrieben. Die Menschen schrieben dem Gouverneur von Louisiana offene Briefe und flehten ihn an, ihre Städte mit dem ›Befreiungsgas‹ zu bombardieren.
Huey stritt ab, von Raketen in Louisiana etwas zu wissen. Er leugnete kategorisch, etwas mit der schwarzen Farbe zu tun zu haben. Er machte sich über die Mätzchen der verängstigten Bevölkerung lustig – wozu nicht viel nötig war – und meinte, dies beweise, dass die Regierung die Lage nicht mehr unter Kontrolle habe. Die beiden Senatoren Hueys waren beide aus dem Senat, der so zielstrebig vorging wie seit Jahren nicht mehr, ausgeschlossen worden; dies versetzte Huey jedoch in die Lage, bezüglich Washington seine Hände in Unschuld zu waschen.
Hueys Stimmung verdüsterte sich nach dem Raketenangriff erheblich. Einer seiner Gefolgsleute platzierte eine mit Sprengstoff gefüllte Aktentasche im Parlamentsgebäude. Huey brach sich bei der Explosion den Arm, zwei der Senatoren wurden getötet. Dies war bei weitem nicht der erste Anschlag auf Hueys Leben. Keiner aber hatte sein Ziel so knapp verfehlt.
Natürlich wurde der Präsident verdächtigt, hinter dem Anschlag zu stecken. Oscar bezweifelte sehr, dass sich der Präsident zu einer solch archaischen und brutalen Vorgehensweise herabgelassen hätte. Tatsächlich stärkte der Mordanschlag Hueys Position – und dies ließ er die Louisianer und vor allem die Regulatorenhierarchie spüren. Die Louisianer hatten natürlich das größte Interesse daran, ihren Anführer, der in Verfolgung seines Ehrgeizes den Bundesstaat in eine hoffnungslose Auseinandersetzung mit der ganzen Union verwickelt hatte, zu töten. Zumal die Regulatoren – Hueys liebste Sündenböcke – blickten düster in die Zukunft, da sie mit der Rache der Unionsregierung zu rechnen hatten. Die Regulatoren außerhalb Louisianas – und davon gab es viele – spürten, woher der Wind wehte, und flüchteten sich scharenweise in die Quasi-Legitimität des ZNL des Präsidenten. Huey hatte eine Menge für die Prolos getan, er hatte sie zu einem Machtfaktor gemacht, mit dem man rechnen musste – doch selbst die Prolos verstanden die Gesetze der Machtpolitik. Weshalb sollten sie zusammen mit dem Gouverneur untergehen, wenn sie mit dem Präsidenten zu neuen Höhen aufsteigen konnten?
Der Raketenangriff hatte eine bedeutsame und dauerhafte Folgewirkung. Er rüttelte das Laboratorium aus seiner eingebildeten Hilflosigkeit wach. Mittlerweile war es für jedermann offensichtlich, dass Krieg herrschte. Die schwarze Farbe war der erste Schuss gewesen, und die Wahrscheinlichkeit war groß, dass Buna tatsächlich mit Giftgas angegriffen werden würde. Die Aussicht, inmitten von durchgedrehten Nachbarn einen unheimlichen schwarzen Nebel einzuatmen, hatte zahlreichen Leuten auf wundersame Weise die Augen geöffnet.