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Das Labor war luftdicht. Gas vermochte ihm nichts auszumachen; doch es konnte nicht alle aufnehmen.

Die naheliegende Lösung bestand darin, einen architektonischen Ausweg zu suchen. Man musste den Schutz auf die ganze Stadt ausweiten.

Sogleich wurden Baupläne entstaubt. Geld und Besitzrechte stellten auf einmal kein Problem mehr dar. Einheimische, Wanderarbeiter, Soldaten, Wissenschaftler, Moderatoren, Männer, Frauen und Kinder, alle wurden hinzugezogen.

Alle diese Gruppierungen hatten eine eigene Vorstellung davon, wie man das Problem angehen sollte. Die Moderatorenzigeuner verstanden etwas von Zirkus- und Indianerzelten. Die Einwohner von Buna kannten sich mit Bio-Gewächshäusern aus. Die für Katastrophenhilfe ausgebildeten Soldaten waren Experten für Sandsäcke, Nissenhütten, Suppenküchen, Latrinen und die Gewinnung von Trinkwasser. Die Techniker des Labors wiederum steigerten sich über Alcott Bambakias’ Plänen in eine seltsame Raserei hinein. Die Wissenschaftler nahmen die Sicherheit, welche ihnen die gepanzerte Kuppel bot, seit jeher als selbstverständlich hin, wären aber niemals auf den Gedanken gekommen, dass sich die harte Substanz ihres Behältnisses durch billige, smarte und grenzenlos dehnbare Netzwerke ersetzen ließe. Dies war luftdichte Eintagsarchitektur: Strukturen wie taubenetzte Spinnweben: smart, hypersensitiv, stets rechnend, stets auf dem Sprung. Offenbar gab es für die Größe keinerlei Begrenzung. Die Kuppel würde aus einer Art lebender Flüssigkeit bestehen, aus einer Art dezentraler, membranenartiger Amöbe.

Der vernünftige Weg wäre gewesen, die Alternativen sorgsam abzuwägen, Sicherheitsanhörungen abzuhalten, verschiedene Angebote einzuholen und schließlich eine größere Baufirma mit dem Projekt zu beauftragen. Die Bürgermeisterin von Buna, eine wohlmeinende Frau mittleren Alters, die eine Menge Geld in der Gewächshaus-Blumenzucht verdient hatte, unternahm einen ernsthaften Versuch, die ›Kontrolle zu übernehmen‹.

Dann schlugen zwei weitere Farbbomben ein. Diese waren besser gezielt. Sie trafen unmittelbar das Labor – es bot ein großes Ziel – und beschmutzten den Glashimmel mit schwarzem Dreck. Im Kuppelinnern wurde es dunkel, die Temperatur sank, Pflanzen und Tiere hatten zu leiden, und die Menschen waren aufgebracht und wütend. Dieser direkte Affront hatte zur Folge, dass der Widerstandswille drastisch gestärkt wurde. Jetzt waren sie persönlich betroffen – die üble Substanz dräute über ihren Köpfen.

Die Diskussionen verstummten. Der Worte waren genug gewechselt, und die Entscheidung war eine vollendete Tatsache. Alle gaben gleichzeitig ihr Bestes. Alle anderen Tätigkeiten stellten sie ein. Überschnitten sich einzelne Projekte oder gerieten sie in Konflikt miteinander, wurde das unbedeutendere eingestellt und das ehrgeizigere gebaut. Die Stadt Buna hörte in ihrer bisherigen Form schlichtweg zu existieren auf. Die Kuppel bildete Metastasen; sie sandte riesige zarte Festungen aus, die auf dalihaften Stelzen ruhten. Die Gewächshäuser Bunas verbanden sich spontan zu endlosen Befestigungen und Tunneln. Stadtteile verwandelten sich über Nacht in funkelnde Felder aus Plastikseifenblasen. Überall entstanden luftdichte Backsteinkrypten und Bunker, wie Finnen.

Huey wählte diesen Moment, um einen gut dokumentierten Gegenangriff auf Oscar und Greta zu starten. Diesmal half alles Leugnen nicht. Es war gemein und schmerzhaft, aber Hueys Timing hätte nicht wirkungsvoller sein können. In Friedenszeiten hätte die Enthüllung, dass ein macchiavellistischer Wahlkampfprofi (von zweifelhafter genetischer Herkunft) teuflischerweise seine Freundin als quasi diktatorische Direktorin einer staatlichen Forschungseinrichtung installiert hatte, was sie ihm mit sexuellen Gunstbezeigungen in einem Strandhaus vergalt, politisch katastrophale Auswirkungen gehabt.

In Washington löste die Neuigkeit einige Besorgnisse aus; man befragte ältere Wissenschaftler, welche erklärten, es sei wirklich beschämend mitanzusehen, wie sich eine Frau nach oben schlafe. In Buna aber herrschte Krieg. Die Enthüllung, die niemanden in Buna überraschte, war eine Kriegsromanze, die man den Beteiligten auf der Stelle verzieh. Oscar und Greta wurden einander vom schieren Druck des öffentlichen Wohlwollens praktisch in die Arme getrieben.

Alte soziale Grenzen wurden unter dem Kriegsdruck durchlässig. Affären breiteten sich aus wie die Windpocken: Wissenschaftler, Moderatorenfrauen, elegante europäische Journalisten, Südstaatler aus Buna, selbst die Soldaten, alle bumsten miteinander. Schulter an Schulter und Wange an Wange zu arbeiten, während ständig eine Wahnsinn verbreitende Giftgasattacke drohte, und gleichzeitig Sex mit Fremden aus dem Weg zu gehen – das überforderte die Menschen schlichtweg.

Außerdem taten es ihre Anführer auch. Sowas kam vor. Das unvermutete gesellschaftliche Potenzial war auf einmal öffentlich gemacht worden. Natürlich verstießen sie gegen die Regeln; aber das taten alle vernünftigen Menschen, darum ging es ja gerade. Natürlich hatte die Labordirektorin heißen Sex mit einem genmanipulierten Politiker. Sie war ihre leuchtende Jeanne d’Arc, die gepanzerte Braut des Wissenschaftskrieges.

Die Leute rissen sogar Witze darüber. Die Witze wurden Oscar von Fred Dillen, einem der letzten verbliebenen ursprünglichen Mitarbeiter, der gelernt hatte, dass politische Witze bedeutsam waren, zuverlässig hintertragen.

Fred erzählte ihm einen politischen Greta-und-Oscar-Witz.

»Greta und Oscar haben sich nach Louisiana davongestohlen, um mitten in einem Sumpf miteinander zu vögeln. Also mieten sie sich ein Anglerboot und rudern an eine einsame Stelle, wo es weder Spione noch Wanzen gibt. Sie treiben es in dem Boot, aber Oscar wird zu leidenschaftlich und fällt ins Wasser. Und er taucht nicht wieder auf.

Greta rudert also allein zurück und holt ein paar Sumpf-Cajuns zu Hilfe, aber Oscar bleibt verschwunden. Sie wartet eine ganze Woche lang, bis die Cajuns schließlich zu ihr kommen. ›Also, Dr. Penninger, wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht.‹

›Sagen Sie mir die schlechte Nachricht zuerst.‹

›Also, wir haben Ihren Freund, den Genfreak, gefunden, aber leider ist er ertrunken.‹

›Oh, das ist wirklich eine schlechte Nachricht. Das ist schrecklich. Das ist furchtbar. Schlimmer konnte es nicht kommen.‹

›Ach, so schlimm ist es gar nicht; als wir ihn aus dem Schlamm zogen, haben wir zwei Säcke voller Krebse eingesammelt.‹

›Also, wenigstens haben Sie seine Leiche gefunden… Wo haben Sie meinen Freund hingebracht?‹

›Na ja, wir bitten um Verzeihung, Ma’am, aber wir haben noch nie so viele Krebse gefangen, und da dachten wir uns, wir lassen ihn noch einen Tag drin!«

Das war ein ziemlich guter politischer Witz für eine so kleine Gemeinschaft – zumal wenn man den Subtext analysierte. Wie bei den meisten politischen Witzen ging es auch hier vor allem um verdrängte Aggression, und diese Aggression wurde den Krebsen vorgeworfen. Der Witz war beliebt, und er war bedeutsam. Die Pointe war klar: Oscar würde damit durchkommen. Die Leute fürchteten und hassten ihn nicht so, wie sie Huey fürchteten und hassten. Er war ein Politiker und ein Monstrum, gleichwohl empfanden die Menschen auf eine seltsame, marginale Weise Sympathie für ihn.

Oscar hatte den Gipfel seiner Beliebtheit erreicht. Der Beweis dafür wurde erbracht, als man den Präsidenten zu dem Sexskandal befragte – und zu Oscars Rolle im NSR. Hier bot sich dem Präsidenten eine gute Gelegenheit, ihn fallenzulassen und still und leise an die Sumpfkrabben zu verfüttern; der Präsident aber entschied sich anders. Der Präsident erklärte – durchaus zutreffend –, man könne einem Menschen keinen Vorwurf daraus machen, dass er das illegale Produkt einer südamerikanischen Genmafia sei. Der Präsident sagte, er fände es heuchlerisch, das sexuelle Verhalten eines solchen Menschen nach kleinkarierten Maßstäben zu bewerten – zumal in Anbetracht der Tatsache, dass andere Personen des öffentlichen Lebens sich bewusst dafür entschieden hätten, ihr Gehirn manipulieren zu lassen. Des weiteren erklärte der Präsident, er selbst sei ›ein Mensch‹. Und ›als Mensch‹ schlüge es ihm ›auf den Magen‹, wenn er mitansehen müsse, wie ein Liebespaar verfolgt werde.