Der Senator und seine Frau wollten die Küche Louisianas ausprobieren. Dieser Wunsch war verständlich. Mit einer Flotte von Limousinen, besetzt mit dem großen Mitarbeiterteam des Senators, dem Mediengefolge und den zahlreichen Bodyguards, fuhren sie zu einem berühmten Lokal in Lake Charles, Louisiana. Dies bereitete ihnen großes Vergnügen, denn das Restaurant war ausgezeichnet, und sie waren sicher, dass Huey schon bald von ihrer Eskapade erfahren würde.
Sie speisten gut und gaben reichlich Trinkgeld, und hätte der Senator nicht unter der Wirkung stabilisierender Medikamente gestanden, weswegen er keinen Alkohol trank, wäre es ein prima Abend geworden. Die Gattin des Senators trank eher zu viel. Außerdem war die neue Pressesprecherin zugegen; und die neue Pressesprecherin war Clare Emerson.
Anschließend kehrte die Karawane feierlich zum Hotel in Buna zurück, und die Bodyguards sandten Stoßseufzer der Erleichterung gen Himmel. Der Senator und seine Frau zogen sich zurück, die Bodyguards teilten die nächtlichen Patrouillen ein, und die Berichterstatter zogen auf der Suche nach Action los, um in einem gewaltigen taubenetzten Zelt einer Moderatorenorgie beizuwohnen. Oscar, den es erschöpft hatte, Clare auszuweichen, fand sich in einer Situation wieder, da es geboten schien, mit seiner Exfreundin einen Schlummertrunk zur Brust zu nehmen. Bloß um zu zeigen, dass sie einander nicht böse waren. Obwohl er ihr nach wie vor böse war.
Und so trank Clare im Hotel ein Glas Chablis, während Oscar sich mit einer Club Soda begnügte. Sie saßen an einem kleinen Holztisch, während Musik spielte und sie gezwungen waren, sich vertraulich miteinander zu unterhalten.
»Na schön, Clare. Erzähl mir von Holland. Es muss faszinierend gewesen sein.«
»Das war es anfangs auch.« Sie sah gut aus. Er hatte ganz vergessen gehabt, wie schön sie war. Er hatte sogar vergessen gehabt, dass er einmal die Angewohnheit gehabt hatte, schönen Frauen den Hof zu machen. Als Bambakias’ Mitarbeiterin und Pressebeauftragte in Washington stand Clare weitaus besser da als damals, da sie als unerfahrene Journalistin in Boston gearbeitet hatte. Clare war nach wie vor jung. Er hatte vergessen gehabt, wie es war, sich mit jungen, gut aussehenden, exquisit gekleideten Frauen zu treffen. Er war nie über sie hinweggekommen. Er hatte sich nicht genug Zeit gelassen. Er hatte das Thema einfach verdrängt und sich eine Ablenkung gesucht.
Ihre Lippen bewegten sich noch immer. Er zwang sich, auf ihre Worte zu achten. Sie sprach gerade über ihre kulturellen Wurzeln als Weiße. Europa sei voller Yankee-Überläufer und Emigranten, verbitterte, alternde Anglos, die sich in Bierkellern trafen und darüber klagten, dass ihr Land von einer verrückten Rothaut regiert werde. Europa war für Clare alles andere als romantisch gewesen. Der Teil Europas, der unterging, hatte niemandem viel Romantik zu bieten.
»Aber du warst Kriegsberichterstatterin. Das war doch bestimmt eine großartige Chance für dich.«
»Das macht dir Spaß, nicht wahr?« sagte sie. »Du genießt es, mich zu quälen.«
»Wie?« fragte er bestürzt.
»Hat dir Lorena nicht von meinem kleinen Missgeschick erzählt?«
»Lorena spricht nicht mit mir über ihre Mitarbeiter. Ich gehöre nicht mehr zu Bambakias’ Zirkel. Ich habe selbst kaum mehr Mitarbeiter.«
Sie trank einen Schluck Wein. »Mitarbeiterteams sind bemitleidenswert. Widerwärtig. Für ein bisschen Sicherheit tun die Leute heutzutage alles. Sie begeben sich dafür sogar in Sklaverei. Jeder Reiche kann für ein Almosen seine eigene kleine Gang aufstellen. Das ist Feudalismus. Aber das Land ist so auf den Hund gekommen, dass bei uns nicht mal mehr der Feudalismus funktioniert.«
»Ich dachte, du magst Lorena. Du hast immer gut über sie berichtet.«
»Ach, ich schreibe gern über sie. Aber als Chefin… tja, was soll ich sagen? Lorena ist gut zu mir. Sie hat mich eingestellt, als es mir schlecht ging, sie hat mich ins Spiel gelassen. Sie hat mich wegen der Sache in Holland niemals geoutet. Ich habe einen tollen Job in Washington, ich habe hübsche Kleider und einen Wagen.«
»Also gut. Ich nehm’s dir ab. Erzähl mir, was in Holland passiert ist.«
»Ich habe schlechte Angewohnheiten«, sagte Clare, den Blick auf die Tischdecke gesenkt. »Ich hatte den Eindruck, ich könnte mir mit Sex gute Stories erkaufen. In Boston hat das prima funktioniert! Aber Den Haag ist nicht Boston. Die Niederländer sind anders als die Amerikaner. Sie können sich noch auf was konzentrieren. Und sie stehen mit dem Rücken zur Wand.« Sie wickelte sich eine Strähne um den Finger.
»Tut mir Leid, dass du einen Rückschlag erlitten hast. Ich hoffe, du glaubst nicht, ich wäre dir noch böse.«
»Aber du bist mir böse, Oscar. Du bist eingeschnappt. Du verachtest mich und hasst mich, aber du bist ein so guter Schauspieler, dass du das mir gegenüber niemals zeigen würdest. Du würdest mich notfalls fallenlassen, und du hast mich fallengelassen, aber zumindest würdest du mich nicht kreuzigen. Ich habe den Fehler gemacht zu glauben, alle Politiker wären wie du.«
Oscar schwieg. Sie war kurz davor, ihr Herz auszuschütten. Er konnte nichts dazu tun.
»Ich bekam einen heißen Hinweis auf einen Skandal. Auf einen richtigen Kalter-Krieg-Skandal, eine ganz große Sache. Ich brauchte bloß diesen holländischen stellvertretenden Minister für was auch immer anzuzapfen. Der würde schon alles ausspucken. Denn er war ein Kalter-Krieg-Spion, und er wusste, dass ich wusste, dass er ein Spion war, und ich bin Journalistin, was der Spionage recht nahe kommt. Und er war scharf auf mich. Aber das war okay, denn wenn man sich darauf versteift, kann man sowas aus Männern rausbekommen, weißt du. Das läuft über die Mentor-Schiene ab. Sie sind wie der eigene Onkel oder Lehrer, und man selber hat keine Ahnung, und sie bringen’s einem bei. Man muss sich bloß ein bisschen einwickeln lassen.« Sie trank noch einen Schluck.
»Clare, weshalb solle ich dich deswegen verurteilen? Sowas kommt vor. Das ist die Realität.«
»Weißt du, hier in Amerika verstehen wir das nicht. Wir begreifen nicht, dass wir der Achthundert-Pfund-Gorilla der Klimapolitik sind. Wir sind so daneben, dass wir noch immer in Pfund und Inches messen. Wir finden es lustig, Krieg mit einem kleinen Volk zu führen, das mit Tulpen und Holzschuhen daherkommt. Wir sind wie verdorbene Kinder. Wir sind wie große, fette Popstars, die mit dröhnender Stereoanlage in einem pinken Zwei-Tonnen-Cadillac rumkurven und die leeren Bierdosen aus dem Fenster werfen. Wir kapieren nicht, dass es ernsthafte, zivilisierte Menschen gibt, die ihre Zeit damit verbringen, im drogengesättigten Amsterdamer Zentrum Nutten in öffentlichen Sexkäfigen zu begutachten, aber der Sex berührt sie nicht, und das Dope berührt sie nicht, weil sie zum äußersten entschlossen und völlig kalt sind.«
»Sind die Niederländer kalt?«
»Kalt und feucht. Und es wird ständig feuchter.«
»Man hat mir gesagt, die Marine erwäge, ein paar Breschen in ihre Deiche zu schießen.«
»Da du im Sicherheitsrat bist, müsstest du das eigentlich wissen, oder?«
Eine Kälte wie von Trockeneis wehte sie an. Oscar meinte zu spüren, wie sich der Nebel verdichtete.
Clare lehnte sich zurück. »In Buna riecht es komisch. Findest du nicht? All diese Zelte und Giftgasbunker. In der großen Kuppel riecht es eigenartig. Als würden die nie die Unterwäsche wechseln.«
»Das hier ist nicht Boston, das ist die Golfküste. Wenn du meinst, es riecht hier komisch, dann solltest du mal eine Weile draußen rumlaufen.«
»Zu viele Moskitos.«
Oscar lachte.
Clare runzelte die Stirn. »Du brauchst nicht zu wissen, wie es mir in Holland ergangen ist. Ich habe mich zu tief verstrickt, das ist alles. Ich hab mich abgesetzt, und ich hatte Glück, dass ich rauskam, das ist schon die ganze Story. Ich bin froh, dass Lorena ein so großes Herz hat.«
»Clare… es tut mir wirklich Leid. Krieg ist eine ernste Sache, und sogar bei einem Spielzeugkrieg gibt es Tote. Ich hätte dir das um nichts auf der Welt gewünscht.«