»Du hast es mir gesagt. Du hast mich gewarnt. Erinnerst du dich noch? Und ich habe erwidert, ich wäre erwachsen. Wir führten diesen netten kleinen Wahlkampf in Boston, für diesen Typ, der sieben Prozent Zustimmung hatte. Wir waren Kinder, die im Sandkasten spielten. Ich hielt das für so großartig und bedeutend, und jetzt kommt es mir so unschuldig vor. Und jetzt hast du hier Unglaubliches geleistet, und ich… tja, ich arbeite jetzt für den Senator. Also geht das wohl in Ordnung.«
»Du hattest einen Mordsdusel.«
»Oscar, weshalb bist du so gemein? Was Männer angeht, bin ich ein gebranntes Kind. Und du bist genau wie dieser schleimige Politiker, der immer seinen Willen durchsetzt, und ich dachte, ich wäre fertig mit dir, aber als ich dich heute Abend sah… also, da kam alles wieder hoch.«
»Was kam hoch?«
»Das mit uns beiden. Dass du ein netter Bursche bist, der immer lieb und höflich zu mir war und mich in seinem Haus hat wohnen lassen und mir so manches über die komische alte moderne Kunst beigebracht hat. Meine alte Flamme. Der Traumpartner. Du fehlst mir wirklich. Ich vermisse sogar die Seidenlaken und deine Hauttemperatur.«
»Clare, warum erzählst du mir das? Du weißt, dass ich mit einer anderen Frau zusammen bin. Um Himmels willen, die ganze Welt weiß, dass ich mit Greta Penninger zusammen bin.«
»Oscar, das ist doch nicht dein Ernst. Ausgerechnet die? Die ist ein Notanker. Ach was, nicht einmal das. Oscar – merkst du das denn nicht? Die Leute machen sich über euch lustig. Sie sieht seltsam aus. Sie ist alt. Sie hat eine große Nase und keinen Arsch. Es kann unmöglich Spaß mit ihr machen. Ich meine, nicht so, wie wir Spaß miteinander hatten.«
Er rang sich ein Lächeln ab. »Du bist ja eifersüchtig! Schäm dich.«
»Was findest du an ihr? Sie hatte bloß etwas, das du haben wolltest.«
»Clare, auch wenn du Journalistin bist, so meine ich doch, das geht dich nichts an.«
»Ich sage gemeine Sachen, weil ich traurig bin und eifersüchtig und einsam, und es tut mir Leid. Außerdem werde ich allmählich betrunken. Und du hast mich fallengelassen. Um ihretwillen.«
»Ich habe dich nicht fallengelassen. Du hast mich fallengelassen, weil ich nicht in der Stadt war und du nicht zu mir fliegen wolltest und weil du dachtest, es wäre deiner Karriere dienlicher, wenn du im Lande unserer schlimmsten Feinde lebst.«
»Oh, so ist es schon besser«, sagte Clare, rümpfte die Nase und lächelte. »Endlich bin ich zu dir vorgedrungen.«
»Ich habe alles getan, damit es mit uns beiden klappt, aber du wolltest nicht.«
»Und jetzt ist es zu spät.«
»Natürlich ist es zu spät.«
Sie sah auf die Uhr. »Es ist wirklich schon spät.«
Oscar sah auf seine Mäusehirn-Armbanduhr. Das Ding hatte sein Handgelenk mit feuchten Ausscheidungen beschmutzt und zeigte nicht annähernd die richtige Zeit an. Es musste auf Mitternacht zugehen. »Wenn du morgen mit dem Senator nach Washington zurückfliegen willst, solltest du jetzt besser schlafen.«
»Oscar, ich habe eine besseren Vorschlag. Hör auf, mit mir herumzuspielen. Lass es uns einfach tun. Das ist meine einzige Nacht hier, das ist unsere große Chance. Führ mich nach oben, lass uns ins Bett gehen.«
»Du bist betrunken.«
»Ich bin nicht so betrunken, dass ich nicht wüsste, was ich tue. Ich habe gerade so viel getrunken, um dir Spaß zu machen. Du hast mich den ganzen Abend über angestarrt. Du weißt, dass ich’s nicht ausstehen kann, wenn du mich mit diesen großen braunen Hundeaugen anstarrst.«
»Das hat keine Zukunft.« Er wurde allmählich schwach.
»Was kümmert uns die Zukunft? Um der alten Zeiten willen. Komm schon, so schlimm ist es doch gar nicht. Du willst es doch auch.«
»Es ist nicht bloß schlimm. Es ist noch viel schlimmer als schlimm. Das ist das Schlimmste, was passieren kann. Wenn der Berg Feuer fängt, weiß es jeder. Aber wenn das Herz Feuer fängt, wer merkt das schon?«
»Häh?«
Oscar seufzte. »Ich glaube dir einfach nicht, Clare. Ich bin redegewandt und weiß anderen zu gefallen, aber als Mann bin ich nicht so überwältigend. Wenn’s nach mir gegangen wäre, hättest du mich nie verlassen sollen.«
»Hör mal, ich hab dir ja gesagt, es tut mir Leid. Reite nicht drauf rum. Ich kann dir zeigen, wie Leid es mir tut.«
»Wer hat dich eigentlich hergeschickt? Ist deine Handtasche verwanzt? Trägst du eine Antenne am Körper? Man hat dich umgedreht, stimmt’s? Man hat dich in Den Haag umgedreht. Du arbeitest für eine ausländische Macht. Du bist eine Spionin.«
Clare wurde ganz blass. »Was soll das? Hast du den Verstand verloren? Das ist ja krankhaft! Du redest wie der Senator zu seinen schlimmsten Zeiten!«
»Bin ich etwa ein nützlicher Idiot? Wir haben Krieg! Du meine Güte, Mata Hari war Holländerin.«
»Glaubst du etwa, man ließe mich für den Senator arbeiten, wenn ich eine holländische Spionin wäre? Du hast ja keine Ahnung, was in Washington derzeit los ist. Du weißt überhaupt nichts.«
Oscar schwieg. Er beobachtete sie mit tödlicher Wachsamkeit.
Clare sammelte die Scherben ihrer Würde auf. »Du hast mich tief getroffen. Ich bin wirklich verletzt. Ich sollte wohl besser aufstehen und gehen. Wie wär’s, wenn du mir ein Taxi rufen würdest?«
»Dann steckt der Präsident dahinter, hab ich Recht?«
Ihre Miene verhärtete sich.
»Also der Präsident«, sagte er abschließend. »Es geht um mich und Greta Penninger. Die Lage ist hier ein bisschen außer Kontrolle geraten. Ich wäre wohl besser beherrschbar, wenn meine Freundin und ich von nun an getrennter Wege gingen. Dann würde sich alles fügen. Das würde der hiesigen Moral einen gesunden Dämpfer verpassen. Die Moderatoren würden in sein privates Spionagenetz hineinfallen, die Wissenschaftler würden wieder ins Labor gehen, und der schleimige Politiker, der bei Frauen nicht nein sagen kann, stünde vor aller Augen wieder als schleimiger Politiker da.«
Clare wischte sich mit der Serviette die Tränen aus den Augen.
»Sag du deinem Agentenführer, dass ich nicht deshalb für den Präsidenten arbeite, weil er ein so netter Kerl ist. Ich arbeite für ihn, weil das Land in der Sackgasse war und er die Dinge wieder in Bewegung gebracht hat. Ich bin ihm gegenüber loyal, weil ich dem Land gegenüber loyal bin, und es braucht mehr als einen Lockvogel, um mich vom Spielbrett zu fegen. Selbst dann, wenn es sich um einen hübschen Lockvogel handelt, der mir einmal sehr nahe stand.«
»Das reicht, ich gehe. Gute Nacht, Oscar.«
»Lebwohl.«
Bambakias verließ Texas am nächsten Morgen mitsamt seines Teams, darunter auch Clare. Oscar wurde nicht geoutet. Es tauchten keine Gesprächsmitschnitte auf. Im Netz gab es keine Eilmeldungen über ein Tête-à-Tête mit einer ehemaligen Geliebten.
Dann kam es an der Kriegsfront zu einer neuen Entwicklung.
Die Niederlande kapitulierten.
Die niederländische Premierministerin gab eine Erklärung ab. Sie war eine kleine, grauhaarige, verbitterte Person. Sie sagte, für ein unbewaffnetes Land wie die Niederlande sei es aussichtslos, gegen die letzte militärische Supermacht der Welt Widerstand leisten zu wollen. Sie sagte, ihr Volk müsse die katastrophalen Auswirkungen einer Bombardierung der Deiche unter allen Umständen vermeiden. Sie sagte, das unerbittliche Ultimatum Amerikas habe den Widerstandswillen ihres Landes gebrochen.
Sie bot die bedingungslose Kapitulation an. Sie sagte, das Land öffne seine Grenzen, die kleine Armee werde die Waffen niederlegen und die Besatzertruppen einlassen. Sie sagte, sie und ihr Kabinett hätten soeben die Kapitulationserklärung unterzeichnet und die niederländische Regierung werde sich um Mitternacht auflösen. Sie erklärte den Krieg für beendet, anerkannte den Sieg der Amerikaner und appellierte an das amerikanische Volk, sich der langen Tradition von Großmut gegenüber dem besiegten Gegner zu besinnen.