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Jetzt hatten Greta und Oscar hin und wieder Zeit, an sich selbst zu denken und miteinander zu sprechen anstatt für die Öffentlichkeit. Momente, da die übrigen Ausschussangehörigen anderswo beschäftigt waren. Momente, da sie miteinander allein sein konnten.

Oscar blickte sich im leeren Versammlungsraum um. Der Raum war das Spiegelbild seiner Seele: leer, überhell, verwaist, angefüllt mit offiziellem Geröll.

»Das war’s, Greta. Die Kampagne ist endlich vorbei. Wir haben gewonnen. Wir sind an der Macht. Wir müssen jetzt zur Ruhe kommen, wir müssen lernen zu herrschen. Wir sind keine Rebellen mehr, denn wir können nicht gegen uns selber protestieren und streiken. Wir können nicht einmal gegen den Präsidenten rebellieren: er ignoriert uns auf passiv-aggressive Weise, er lässt uns Handlungsfreiheit. Er will sehen, ob wir’s schaffen oder uns das Genick brechen. Wir müssen uns jetzt mit den Realitäten befassen. Wir müssen uns konsolidieren.«

»Ich habe darauf gewartet, dass du mir das sagst. Dass ich endlich aus dem Schneider bin. Keine Jeanne d’Arc mehr.«

»Ich habe dich als Jeanne d’Arc hingestellt, weil eine Kandidatin, die einen heroischen Feldzug anführt, dieses Image braucht. Du bist nicht Jeanne d’Arc. Jeanne d’Arc war ein fünfzehnjähriges Militärgenie, das Stimmen hörte. Du hörst keine Stimmen. Das ganze Geschrei, das du dir ständig anhören musstest, war kein Engelsrufen, sondern eine sehr geschickte und kluge PR-Kampagne. Jeanne d’Arc wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es war nicht meine Absicht, dich den Flammen zu opfern. Das will ich nicht, Greta. Das ist es nicht wert.«

»Aber was hast du dann mit mir vor, Oscar? Du willst eine Jeanne d’Arc, die am Ende mit allem durchkommt. Ein schizophrenes Bauernmädchen, das erfolgreich eine große Burg erbaut und am Ende, ja, was denn, französische Herzogin wird? Eine Bauernherzogin in prächtigen Brokatkleidern.«

»Und mit einem Prinzen an ihrer Seite. Okay?«

»Warum sollte Jeanne d’Arc einen Prinzen haben wollen oder brauchen? Ich meine – auf lange Sicht.«

»Also, der naheliegende Kandidat wäre Gilles de Rais gewesen – doch das war aussichtslos. Aber was soll’s; historische Analogien bringen uns nicht weiter. Ich rede von dir und mir. Wir sind am Ende unseres Weges angelangt. Wir stehen an einem Wendepunkt. Jetzt müssen wir Stellung beziehen. Wir müssen sesshaft werden.«

Greta schloss die Augen, atmete mehrmals tief durch. Das leise Zischen des Luftfilters war das einzige Geräusch im Raum. Der viele Stress hatte ihre Allergien verschlimmert; sie schleppte ihre Luftfilter jetzt ständig mit sich herum wie eine Handtasche. »Also geht es letztlich um dich und mich.«

»So ist es.«

»Nein, das stimmt nicht. Ich will dir sagen, wie ich darüber denke. Als ich dich zum ersten Mal sah, war ich ausgesprochen skeptisch. Ich wollte keinen Ärger haben. Aber du hast mir immer wieder Avancen gemacht. Und ich dachte: Was macht der da? Das ist ein Politprofi. Ich habe dem Kerl nichts zu bieten. Ich verschwende bloß im Verwaltungsrat meine Zeit damit, vernünftige Geräte herbeizuschaffen. Und nicht einmal das ist mir gelungen. Aber dann meldete sich der leise Gedanke zu Wort: der Kerl ist wirklich scharf auf mich. Er findet mich sexy. Er will mit mir schlafen. So einfach ist das.«

Sie atmete tief durch. »Und ich dachte mir: Das ist wirklich eine schlechte Idee. Aber was kann mir schon passieren? Wenn man mich mit diesem Menschen im Bett vorfindet, wird man mich rügen und aus dem Verwaltungsrat hinauswerfen. Wunderbar! Dann kann ich wieder ins Labor! Und außerdem: Schau ihn dir an! Er ist jung, er sieht gut aus, er schreibt dir lustige Briefchen, er schickt dir große Blumensträuße. Und er hat etwas Besonderes.«

Sie schaute ihn an. Oscar hing an ihren Lippen. Er hatte das Gefühl, er habe sein ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet.

»Ich habe mich in dich verliebt, Oscar. Ich weiß, dass es wahr ist, denn du bist der einzige Mann, wegen dem ich niemals eifersüchtig war. Diese Art von emotionalem Luxus kannte ich bisher nicht. Ich liebe dich, und ich bestaune dich als meinen Lieblingskauz. Ich liebe dich wirklich um deiner selbst willen, durch und durch, mit Haut und Haar. Wir hatten eine tolle Zeit. Ich habe den Sprung gewagt und hatte keine Angst dabei, denn letzten Endes verfügst du über eine große, entscheidende, seligmachende Gnade. Denn du bist nur vorläufig. Du bist nicht meine Bestimmung. Du bist nicht mein Prinz. Du bist bloß ein Besucher, ein Vertreter auf der Durchreise.«

Oscar rückte. »So kommen wir weiter.«

»Wirklich?«

»Das stimmt vollkommen. Ich war immer nur vorläufig. Ich erteile gute Ratschläge, ich leite Wahlkämpfe, ich komme und gehe. Ich habe kurze Affären, aber ich bringe nichts Dauerhaftes zustande! Mein Stiefvater hat mich spontan ausgewählt. Dad hatte vier Ehefrauen und zahllose Freundinnen: die Frauen sind in meiner Kindheit nur so an mir vorbeigerauscht. Ich habe ständig Fieber. Ich muss mich jeden Morgen neu zusammensetzen. Ich habe eine Firma aufgebaut, aber ich habe sie verkauft. Ich habe ein Haus gebaut, aber es steht leer. Ich habe ein Hotel gebaut, aber ich kann es nicht leiten. Ich habe ein Bündnis geschmiedet, ich habe eine neue Gesellschaft aufgebaut. Ich habe eine Stadt gebaut, um ihr Wohnraum zu bieten, mit einem Leuchtturm und plärrenden Lautsprechern und fähnchenschwingenden Bewohnern, aber ich kann mich trotzdem nicht zum Bleiben entschließen. Ich bin der Gründervater, ich bin der Prinz, aber ich gehöre nicht hierher. Ich kann einfach nicht bleiben.«

»Ach, Gott.«

»Verstehst du, worum’s mir geht?«

»Oscar, wie könnte ich bleiben? Ich kann nicht so weitermachen, ich bin völlig ausgebrannt. Ich habe getan, was ich tun musste, ich kann nicht behaupten, du hättest mich benutzt. Aber irgend etwas hat mich benutzt. Die Geschichte hat mich benutzt, und sie braucht mich auf. Selbst unsere Affäre ist jetzt aufgebraucht.«

»Wir sollten das Richtige tun, Greta, wir sollten Nägel mit Köpfen machen. Lass uns gemeinsam Stellung beziehen. Ich möchte dich heiraten.«

Sie barg das Gesicht in den Händen.

»Tu das nicht. Hör mir zu. Es kann funktionieren. Es ist machbar. Es ist geradezu ein genialer Schachzug.«

»Oscar, du liebst mich nicht.«

»Ich liebe dich so sehr, wie ich überhaupt lieben kann.«

Sie musterte ihn erstaunt. »Eine brillante Ausflucht.«

»Du wirst nie einen Mann finden, der mehr Verständnis für deine Interessen aufbringt als ich. Wenn du jemand anderen findest, den du heiraten willst, dann verlass mich! Davor habe ich keine Angst. Dazu wird es niemals kommen.«

»Mein Gott, wie gut du doch reden kannst.«

»Es ist mir ernst. Ich meine es vollkommen ehrlich. Ich möchte eine ehrbare Frau aus dir machen. Ich beziehe endlich Stellung, ich lege mich fest. Die Ehe ist eine erhabene Institution. Die Heirat ist großes symbolisches Theater. Zumal eine Prunkhochzeit. Es war eine Kriegsromanze, und das ist jetzt eine Friedenshochzeit, und alles ist ganz normal und vernünftig. Wir veranstalten ein Fest, wir laden alle Welt ein. Wir tauschen Ringe aus, wir lassen uns mit Reis bewerfen. Wir schlagen Wurzeln.«

»Wir haben keine Wurzeln. Wir sind Netzwerkleute. Wir haben Luftwurzeln.«

»Es ist richtig und angemessen. Es ist nötig. Es ist der einzig richtige Weg für uns beide, nach alldem weiterzumachen.«

»Oscar, wir können nicht weitermachen. Wenn ich dich heirate, heißt das noch lange nicht, dass dadurch eine ganze Gemeinschaft zusammengeschweißt würde. Die Beziehung zweier Menschen zu legitimieren, heißt nicht, ihre Gesellschaft zu legitimieren. Ich bin eine Kriegsherrin und eine Streikführerin – ich war Jeanne d’Arc. Niemand hat mich gewählt. Ich herrschte mittels Gewalt und kluger Propaganda. Die wahren Mächte seid ihr, du und Kevin. Und Kevin ist wie jeder andere Outlaw, der Macht in die Hände bekommt: er ist ein gemeines kleines Scheusal. Er bringt mir große Dossiers, er tyrannisiert die Leute und spioniert ihnen nach. Ich bin das alles leid. Es verwandelt mich in ein Monstrum. Ich kann so nicht weitermachen, das ist nicht richtig. Das hat keine Zukunft.«