»Du hast dir eine Menge Gedanken darüber gemacht, nicht wahr?«
»Du hast mir beigebracht, mir Gedanken zu machen. Du hast mich gelehrt, politisch zu denken. Du bist ein guter Taktiker, Oscar, du bist wirklich clever, du weiß alles über die Ticks und Schwächen anderer Menschen, aber von ihrer Integrität und Stärke verstehst du nichts. Du bist kein guter Stratege. Du kennst die schmutzigen Tricks mit den Go-Steinen in der Ecke, aber das Spielbrett als Ganzes verstehst du nicht.«
»Du etwa?«
»Teilweise schon. Ich kenne die Welt gut genug, um zu wissen, dass ich in meinem Labor am besten aufgehoben bin.«
»Dann gibst du also auf?«
»Nein… Ich ziehe mich bloß zurück, solange ich ganz oben bin. Irgend etwas wird hier funktionieren. Irgend etwas wird überdauern. Aber das wird keine neue Welt sein. Bloß ein neues politisches System. Wir können uns nicht in einem luftdichten Nest einschließen, mit mir als Termitenkönigin. Ich muss aufhören, ich muss Schluss machen. Dann wird sich vielleicht alles beruhigen und setzen, und von Grund auf entsteht etwas Dauerhaftes.«
»Vielleicht ist ja mehr für uns drin. Vielleicht bin ich doch ein großer Stratege.«
»Schatz, das bist du nicht! Du bist gerissen, aber du bist jung, und du bist nicht weise. Du kannst nicht König werden, indem du die Pappkönigin heiratest, die du selbst erschaffen hast, indem du mit einem Bauern bis ans Ende des Spielbretts marschiert bist. Du solltest dir nicht mal wünschen, König zu sein. Das ist ein lausiger Job. Eine Lage wie diese erfordert keinen weiteren dummen Tyrannen mit einer goldenen Krone, sondern… sondern den Begründer einer Zivilisation, einen Heiligen und Propheten, jemanden, der unglaublich weise, selbstlos und großzügig ist. Jemanden, der aus dem Chaos Gesetze schmiedet, der aus dem Chaos Ordnung schafft, Gerechtigkeit aus dem Geschrei und Bedeutung aus der totalen Wirrnis.«
»Mein Gott, Greta. So habe ich dich noch nie reden gehört.«
Sie blinzelte. »Ich glaube, so habe ich noch nicht einmal gedacht.«
»Was du da sagst, ist vollkommen richtig. Das ist die harte, kalte Wahrheit, und sie ist schlimm, schlimmer, als ich mir je vorgestellt habe, aber weißt du was, ich bin froh, dass ich sie jetzt weiß. Ich möchte immer wissen, woran ich bin. Ich weigere mich, hier eine Niederlage einzugestehen. Ich weigere mich, meine Zelte abzubrechen. Ich will dich nicht verlassen, ich ertrage es nicht. Du bist die einzige Frau, die mich jemals verstanden hat.«
»Es tut mir Leid, dass ich dich so gut verstehe, dass ich dir das sagen kann.«
»Greta, lass mich nicht im Stich. Lass mich nicht fallen. Ich habe hier einen wahren Durchbruch erzielt, ich stehe am Beginn von etwas wahrhaft Großem. Was du zur Tyrannei gesagt hast, stimmt, das ist eine scheißreale, grundlegende politische Herausforderung. Wir haben uns hier verausgabt, wir sind alle ausgebrannt, wir haben uns in Kleinigkeiten verzettelt. Mit kurzsichtiger Taktik kommen wir nicht mehr weiter, aber die Dinge sich selbst zu überlassen hieße, einen Rückzieher zu machen. Wir müssen etwas Großes, Dauerhaftes erschaffen, wir brauchen eine höhere Wahrheit. Nein, nicht höher, sondern tiefer, wir brauchen ein Fundament aus Granit. Keine Sandburgen und kein Improvisieren mehr. Wir brauchen ein Genie. Und du bist ein Genie.«
»Ja, aber nicht auf diesem Gebiet.«
»Aber du und ich, wir könnten es gemeinsam schaffen! Wenn wir ein bisschen Zeit hätten, uns zu sammeln, wenn wir einfach öfter so wie heute miteinander reden könnten. Hör zu. Du hast mich völlig überzeugt: Du bist klüger als ich, du bist realistischer. Wir gehen von hier fort. Wir laufen gemeinsam weg. Vergiss die Prunkhochzeit, die Ringe und den Reis. Wir gehen auf… nein, nicht auf eine Insel, die gehen alle unter… Wir gehen nach Maine. Wir bleiben ein, zwei Monate dort, oder meinetwegen ein Jahr. Wir klinken uns aus dem Netz aus, wir begnügen uns mit Füllfederhaltern und Kerzenlicht. Wir sammeln uns ganz ernsthaft, ohne jede Ablenkung. Wir entwerfen eine Verfassung.«
»Was? Das lass lieber den Präsidenten machen.«
»Diesen Kerl? Der ist nicht mehr derselbe wie früher! Der ist Sozialist, der wird vernünftige, praktische Menschen aus uns machen, genau wie die Europäer. Aber das hier ist nicht Europa! Amerika wurde von Menschen geschaffen, die von Europa die Schnauze voll hatten! Normalität – das kann nicht bedeuten, dass man sich die Nase putzt und den Kohlendioxidausstoß misst. Normalität bedeutet für Amerika technischer Wandel. Klar, eine Zeit lang sind uns die Pferde durchgegangen, der Rest der Welt hat uns reingelegt, uns verarscht, die wollen eine Welt der Rembrandts und der Reisfelder, solange bis die Posaune des Jüngsten Gerichts bläst, aber jetzt haben wir uns vom Krankenlager erhoben. Ein rascher Wandel ist der Normalfall für Amerika. Was wir brauchen, ist zielgerichteter Wandel – Fortschritt. Wir brauchen Fortschritt!«
»Oscar, du bist schon ganz rot im Gesicht.« Sie machte Anstalten, ihn zu berühren.
Er riss die Hand zurück. »Hör auf, mir den Puls zu fühlen. Du weißt, ich mag das nicht. Hör mal, ich bin labortischnüchtern, wirklich. Ich tu das alles doch für dich, Greta. Es ist mein voller Ernst, wir können morgen schon loslegen. Ein langes Sabbatjahr in Maine, in einem romantischen Blockhaus. Ich sage Lana, sie soll uns eine Blockhütte mieten, die kennt sich dort aus.«
Greta riss die Augen auf. »Was? Morgen schon? Lana? In der Wildnis? Wir können die romantische Clare und das Kamasutra-Girl Lana Ramachandran doch nicht einfach im Stich lassen.«
Oscar starrte sie an. »Was hast du gesagt?«
»Tut mir Leid. Ich hätte das mit Lana nicht sagen sollen. Lana kann nichts für ihre Gefühle. Aber das mit Clare bedaure ich nicht. Du hast dich mit ihr betrunken! Kevin hat’s mir erzählt.«
Oscar war verblüfft. »Wie sind wir auf das Thema gekommen?«
Gretas Hals überzog sich mit hässlicher Röte. »Ich denke immer daran – ich hab’s bloß nie ausgesprochen! Clare und Lana und die Frau des Senators und Moira, all diese aufgedonnerten, aufgemotzten Glamour-Frauen mit ihren langen Krallen…«
»Greta, hör auf. Vertrau mir! Ich bitte dich, mich zu heiraten. Moira! Kapier das endlich. Das ist echt, das ist dauerhaft und wahr. Sag mir ein für allemal, willst du Moira heiraten?«
»Was? Moira gehört doch du deinem Team, nicht wahr? Sie ist hergekommen, um Wiedergutmachung zu leisten.«
»Aber Moira arbeitet für Huey! Wann hast du dich mit ihr getroffen?«
»Moira war in meinem Büro. Sie hat mir einen neuen Luftfilter mitgebracht. Sie war ganz reizend.«
Oscar starrte entsetzt den Luftfilter auf dem Tisch an. Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt. Sie waren überall und wirkten so harmlos. Sie filterten das trojanische Giftgas aus der Luft. »Ach, Greta. Wie konntest du von dieser Frau nur ein Geschenk annehmen?«
»Sie meinte, das Geschenk sei von dir. Es hat nach Rosen geduftet.« Sie tätschelte das Gerät, dann blickte sie auf einmal mit gequälter, verwirrter Miene auf. Allmählich dämmerte ihr die grauenhafte Erkenntnis. »Ach, Lieber, ich dachte, du wüsstest Bescheid. Ich dachte, du wüsstest alles.«
Das Labor war natürlich dafür ausgerüstet, mit biologischer Kontamination fertig zu werden. Das ganze Verwaltungsgebäude wurde hermetisch abgeriegelt. Das Gas aus dem präparierten Luftfilter war besonders heimtückisch; es handelte sich um Mikropartikel von der Größe und Form von Jakobskrautpollen. Die Partikel hafteten wie eine schmerzlose Linie Kokain an der Nasenschleimhaut, wo ihr Inhalt in die Blutbahn einsickerte und mysteriöse Dinge anstellte.