»Ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.«
»Frauen«, knurrte Kevin. »Keine Ahnung, was mit denen los ist. Die sind einfach nicht rational. Das sind hinterhältige kleine Mata-Hari-Sexbomben, die Giftgasbomben mit sich rumschleppen… Oder sie sind wie Dr. Penninger nebenan, die Starre Eiskönigin des Ewigen Lichts und der Ewigen Wahrheit… Ich kapier einfach nicht, wie man diese Frau zufriedenstellen soll! Ich meine, Systemknacker wie ich, wir haben doch eine Menge gemeinsam mit den Wissenschaftlern. Beidesmal geht es um verborgenes Wissen und wie man es findet und wer es findet und wer die Lorbeeren dafür einheimst. Darum geht’s doch bei der Wissenschaft. Ich hab gern für sie gearbeitet, ich dachte, sie hätte es wirklich kapiert. Ich habe mich für die Frau krummgelegt, ich habe ihr jede Bitte erfüllt – ich habe ihr Wünsche erfüllt, die ihr nicht mal bewusst waren. Ich habe zu ihr aufgesehen, verdammt noch mal! Und was habe ich von meinen loyalen Diensten? Ich mache ihr Angst. Sie will mich loswerden.«
Oscar nickte. »Gewöhnen Sie sich schon mal an die Vorstellung. Das ist eine Säuberung. Huey hat uns ausgeschaltet. Das ist ein Enthauptungsschlag. Ich kann kaum noch sprechen. Ich kann kaum noch gehen. Und Greta befindet sich in einem hellwachen, schizoiden, katatonischen, hebephrenischen, nonverbalen Trancezustand…«
»Ich hab ein bisschen Schwierigkeiten mit den Adjektiven, Mann, aber kein Problem, Mann, ich verstehe, was Sie meinen. Entweder ich ergreife jetzt selbst die Macht und versuche, den ganzen Laden als Polizeistaat zu führen. Oder ich… ich weiß auch nicht… setze mich nach Boston ab. Ende der Geschichte. Schließlich ist das eine hübsche Hackerstory, oder? Eine gute Geschichte, um sie in ‘ner Bar zu erzählen.«
»Sie allein können den Laden nicht zusammenhalten, Kevin. Die Leute vertrauen Ihnen nicht.«
»Das weiß ich, Mann. Die Wohltaten teilen Sie alle selber aus, und mit mir schüchtern Sie die Leute ein. Ich weiß, dass ich der böse Mann war. Mein Dad war auch böse. Die Gründerväter sind ein Haufen toter Weißer; die Typen vom Mount Rushmore sind mittlerweile alle furchteinflößende Anglos. Wir sind die Bösen. Ich hab mich an die Rolle gewöhnt. Hey, ich war froh, Arbeit zu haben.«
»Ich möchte, dass Sie mir helfen, Kevin.«
»Wobei, Mann?«
»Hier rauszukommen.«
»Kein Problem, Boss. Ich bin immer noch Captain Scubbly Bee. Scheiße, ich hab mich mächtig angestrengt, Colonel Scubbly Bee zu werden. Ich kann Sie hier rausbringen. Wo wollen Sie hin?«
»Nach Baton Rouge. Oder wo immer Huey sich versteckt.«
»Oho! Nicht, dass ich Ihrem Urteil misstrauen würde, Mann, aber ich habe da einen prima Gegenvorschlag. Wie wär’s mit Boston? Das gute alte Drecknest! Beacon Hill, Charlestown, Cambridge… Wir beide sind schließlich Nachbarn, Mann. Wir wohnen in derselben Straße! Wir könnten zusammen nach Hause gehen. Wir könnten in einer Bar in Boston ein richtiges Bier trinken. Wir könnten uns ein Hockey-Spiel ansehen.«
»Ich muss mit Huey reden«, erklärte Oscar kategorisch. »Ich habe etwas Persönliches mit ihm zu klären.«
Green Huey hatte sich halb zur Ruhe gesetzt. Er nahm an einer Menge Einweihungsfeierlichkeiten teil und schnibbelte Seidenbänder durch. Die öffentliche Imagepflege wurde dadurch erschwert, dass er von einer militanten Phalanx von Regulatoren-Bodyguards umgeben war, aber Huey genoss die Show. Der Ex-Gouverneur war schon immer für einen Lacher gut gewesen. Er wusste, wie man die Leute bei Laune hielt.
Oscar und Kevin verkleideten sich als Obdachlose, ließen sich durchs soziale Netz hindurchfallen und pirschten sich an den Gouverneur heran. Sie reisten bei Nacht und schliefen in den miesesten Hotels; sie schlugen ihre neu erworbenen Militärzelte in Parks auf. Sie verbrannten ihre Ausweise und trugen Strohhüte, Gummistiefel und Overalls. Kevin trat als Oscars Aufpasser auf, ein humpelnder Typ mit einer Gitarre. Oscar gab sich als Kevins etwas unterbelichteter Cousin aus, der ständig vor sich hinbrummelte. Oscar hatte ein Akkordeon dabei. Obwohl Akkordeonmusik in der Gegend mal sehr beliebt gewesen war, ging man ihnen meistens aus dem Weg. Als geistig gestörte Straßenmusikanten, die jeden Moment einen Song anstimmen mochten, boten sie einen furchteinflößenden Anblick.
Oscar hatte die Geduld mit Huey verloren. In dieser Hinsicht war er gespaltener Meinung. Oscar war in letzter Zeit ständig gespaltener Meinung. Einerseits wollte er den Mann öffentlich zur Rechenschaft ziehen. Andererseits wollte er ihn schlicht und einfach ermorden. Dieser Gedanke erschien Oscar mittlerweile durchaus plausibel, denn der Wunsch, Politiker zu ermorden, war nicht ungewöhnlich bei geistig gestörten Entwurzelten, die nichts mehr zu verlieren hatten. Er und Kevin stritten sich ernsthaft über das Thema. Kevin schwankte offenbar zwischen Pro und Contra. Oscar war gleichzeitig pro und contra.
Das strategische Problem war erschreckend vielgestaltig. Oscar fiel es äußerst schwer, die Gedanken vorübergehend einmal abzustellen, denn er vermochte nun zahlreiche unterschiedliche Aspekte eines Themas gleichzeitig zu bedenken. Huey umbringen. Huey verstümmeln, ihm vielleicht persönlich die Arme brechen. Die Vorstellung, ihn auf Dauer in den Rollstuhl zu verbannen, hatte ihren Reiz. Huey zu blenden hatte etwas Biblisches. Aber wie? Ein Anschlag aus dem Hinterhalt war für zwei Amateure, die noch nie mit Schusswaffen zu tun gehabt hatten, ein schwieriges Unterfangen. Der Einsatz von Waffen hätte zudem die unverzügliche Festnahme zur Folge gehabt. Gift klang verlockend, würde aber eine Menge Planung und einen großen Aufwand erfordern.
»Sie gehören doch dem NSR an, oder?« sagte Kevin, als sie zum Gezirpe der Grillen, fernab des üblen Überwachungsnebels der Stadt, im Zelt ihre Schlafsäcke ausrollten. »Ich dachte eigentlich, man hätte Ihnen da beigebracht, was für schlimme Dinge man mit Zigarrensud anfangen kann.«
»Der Präsident ordnet nicht die Ermordung von innenpolitischen Gegnern an. Könnte man ihm das nachweisen, würde er des Amtes enthoben. Das ist völlig kontraproduktiv.«
»Sind Sie nicht ein Agent des Präsidenten?«
Das war eine kluge Bemerkung. Oscar wurde bewusst, dass er sich ein wenig in den wuchernden Ranken seiner kognitiven Prozesse verheddert hatte. Am nächsten Tag kehrten sie in einem schmuddligen Lokal am Stadtrand von Mamou ein und riefen über ein Satellitenmünztelefon den NSR an.
Es dauerte eine Weile, bis Oscars unmittelbarer Vorgesetzter den Münztelefonanruf über eine äußerst unsichere Leitung aus dem Herzen von Cajun-Land entgegennahm. Als er endlich dranging, war er fuchsteufelswild. Oscar erklärte, er sei vergiftet worden, er sei mental nicht auf der Höhe und habe einen totalen geistigen Zusammenbruch erlitten, weshalb er für seine Handlungen nicht mehr verantwortlich und für den öffentlichen Dienst fortan ungeeignet sei, sodass er von seinem Posten unverzüglich zurücktreten müsse. Sein Vorgesetzter befahl ihm, nach Washington zu fliegen und sich eingehend untersuchen zu lassen. Oscar erwiderte, dass dies nicht seinen Absichten als Privatmann entspreche. Sein Vorgesetzter meinte, man werde ihn festnehmen. Oscar erklärte, er befinde sich derzeit mitten in Louisiana, wo die Einheimischen auf Unionsagenten nicht gut zu sprechen seien. Er legte auf. Das viele Reden hatte ihn angestrengt. Seine Zunge fühlte sich ganz wund an.
Kevin kam allmählich in Schwung. Er schlug vor, sämtliche Verbindungen zu Senator Bambakias einfach abzubrechen. Sie speisten genüsslich rote Bohnen und Reis, und auf dem Rückweg stellten sie fest, dass es am Münztelefon von Regulatorenschlägern in Pickups wimmelte. Sie versuchten, mit der Gitarre und dem Akkordeon etwas Geld zu verdienen, bis man ihnen sagte, sie sollten sich zum Teufel scheren.