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Sie trampten von Mamou nach Eunice und riefen über ein anderes Münztelefon im Washingtoner Büro des Senators an. Der Senator hielt sich nicht mehr in Washington auf. Bambakias befand sich auf Informationsreise in den soeben eroberten Niederlanden. Mittlerweile hatte der ganze Auswärtige Ausschuss sein Lager in einem leergeräumten Gebäude der holländischen Regierung in Den Haag aufgeschlagen. Oscar entschuldigte sich für die Störung und wollte gerade auflegen, als sich der Senator zu Wort meldete. Das Telefonat war über den Atlantik weitergeleitet worden und hatte ihn aus dem Schlaf geweckt. Gleichwohl wollte er das Gespräch unbedingt entgegennehmen.

»Oscar, ich bin ja so froh, dass Sie anrufen. Legen Sie nicht auf! Wir wissen über den Vorfall Bescheid. Lorena und ich sind geschockt. Wir werden Huey deswegen festnageln. Ich weiß, das bedeutet, dass ich wegen dem Debakel mit Moira geoutet werde, aber das nehme ich gerne in Kauf. So kann Huey nicht mit den Leuten umspringen, das ist entsetzlich. In einem solchen Land können wir nicht leben. Wir müssen Stellung beziehen.«

»Schön, dass Sie das sagen, Senator. Tapfere prinzipientreue Entschuldigung, aber das war alles meine Schuld.«

»Oscar, hören Sie genau zu. Die Haitianer haben die Sache überlebt, und Sie werden sie auch überleben. Neurologen in aller Welt sind mit dem Problem befasst. Sie sind erbost über das, was Dr. Penninger angetan wurde, das ist ein persönlicher Affront gegen sie und ihren Berufsstand. Wir möchten, dass Sie nach Den Haag kommen und sich hier behandeln lassen. In Holland gibt es ausgezeichnete Kliniken. Eigentlich ist die ganze Infrastruktur in wunderbarem Zustand. Straßenblockaden sind hier unbekannt. Die Regierungseinrichtungen sind tipp-topp in Ordnung. Der Auswärtige Ausschuss hier in Den Haag bekommt in einer Woche mehr Arbeit geschafft als der in Washington in einem Jahr. Ihnen stehen alle Möglichkeiten offen, Oscar. Es besteht Hoffnung. Ihre Freunde möchten Ihnen helfen.«

»Senator, selbst wenn Sie Greta helfen könnten, so bin ich doch ein spezieller Fall. Ich habe einen einzigartigen genetischen Hintergrund, und neurale kolumbianische konventionelle Medizin ist da nutzlos.«

»Das stimmt nicht! Sie lassen außer Acht, dass es hier in Europa drei Däninnen gibt, die praktisch Ihre Schwestern sind. Sie haben von Ihren Schwierigkeiten erfahren und möchten Ihnen helfen. Ich bin vor kurzem mit ihnen zusammengetroffen und habe mich mit ihnen unterhalten. Ich glaube, jetzt kann ich Sie besser verstehen. Sag es ihm, Lorena.«

Die Frau des Senators ging ans Telefon. »Oscar, hören Sie auf Alcott. Was er sagt, ist vernünftig. Ich habe ebenfalls mit den beiden Frauen gesprochen. Sie sind ein Sonderfall, ganz klar; aber sie möchten Ihnen trotzdem helfen. Es ist ihnen ernst, und uns auch. Sie bedeuten uns viel. Sie haben Alcott und mir in den dunkelsten Stunden beigestanden, und jetzt sind wir an der Reihe, so ist das. Bitte lassen Sie sich von uns helfen.«

»Lorena, ich bin nicht verrückt. Huey befindet sich seit zwei Jahren in diesem Zustand, und er ist auch nicht verrückt. Es handelt sich einfach um einen grundlegend anderen Bewusstseinszustand. Bisweilen habe ich große Schwierigkeiten, mir über etwas klar zu werden, das ist alles.«

Lorenas Stimme entfernte sich auf einmal. »Red ihn nieder, Alcott! Er spricht gerade richtiges Englisch!«

Bambakias meldete sich wieder, in seinem volltönendsten, eindringlichsten Bariton. »Oscar, Sie sind ein Profi. Sie sind ein Spieler. Spieler regen sich nicht auf. Sie werden einfach bloß ruhig. Sie haben als terroristischer weißer Hacker mit einer Polizeiakte in Louisiana nichts verloren. Sowas tut ein Spieler nicht. Wir werden Huey dafür festnageln; es wird eine Weile dauern, aber wir nageln ihn fest. Huey hat einen Riesenfehler gemacht – er hat ein Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates vergiftet. Es ist mir egal, ob Hueys Schädel mit Turboladern und Nachbrennern vollgestopft ist. Two Feathers dadurch herauszufordern, dass er einen seiner Mitarbeiter unter Gas setzt, war eine große Dummheit. Der Präsident ist ein ausgesprochen harter Mann – und offen gesagt hat er sich als weit besserer Politiker erwiesen als der Ex-Gouverneur dieses kleinen Südstaates.«

»Senator, ich höre Ihnen zu. Ich glaube, was Sie da sagen, hat etwas für sich.«

Bambakias ließ langsam die Luft entweichen. »Gott sei Dank.«

»Ich habe mir bislang nicht viele Gedanken über Holland gemacht. Ich meine, Holland verfügt über ein so großes Potenzial. Ich meine, praktisch gehört Holland jetzt uns, oder etwa nicht?«

»Ja, das ist richtig. Wissen Sie, Holland ist das neue Louisiana. Louisiana ist eine Nachricht von gestern! Sie und ich haben recht daran getan, uns in Louisiana zu engagieren, das war ein ernsthaftes Problem – aber als Schurkenstaat ist Louisiana jetzt ein Nebenschauplatz. Die Niederlande ist die wahre Zukunft. Das ist ein ernsthaftes, gut organisiertes, sachliches Land, seine Bewohner unternehmen systematische, vernünftige Schritte, um das Klima und die Umwelt in den Griff zu bekommen. Ob Sie’s glauben oder nicht, aber die sind den Vereinigten Staaten auf vielen Gebieten voraus – zumal im Bankwesen. Das Thema Louisiana ist erledigt. Die sind nicht ernsthaft. Das sind Visionäre, Krebse fressende Psychos. Wir brauchen jetzt eine ernsthafte politische Organisation, eine Rückkehr zur Normalität. Huey ist ein Mann von gestern, der zählt nicht mehr. Das ist ein geifernder Verrückter, der hie und da mit technischen Innovationen um sich wirft – als ob es ausreichen würde, ein paar halbgare Ideen auszuspucken, um die Menschheit insgesamt voranzubringen. Das ist pure Demagogie, das ist Wahnsinn. Wir brauchen Vernunft und politische Stabilität und eine nüchterne, pragmatische Politik. Das ist die Aufgabe der Regierung.«

Oscar wälzte dieses außergewöhnliche Statement in seinem Kopf herum. Gedanken und Erinnerungen wirbelten kaleidoskopisch durcheinander. »Sie haben sich wirklich verändert, nicht wahr, Alcott?«

»Wie bitte?«

»Ich meine die Behandlung, der Sie sich unterzogen haben. Die hat Ihre Persönlichkeit verändert. Sie sind jetzt realistisch. Sie sind vernünftig und umsichtig. Sie sind langweilig.«

»Oscar, ich bin mir darüber im Klaren, dass Sie über einige interessante Einsichten verfügen, aber jetzt ist nicht der Moment zum Plaudern. Wir müssen beim Thema bleiben. Sagen Sie mir, dass Sie nach Den Haag kommen und sich uns anschließen werden. Lorena und ich, wir sind Ihre Familie – in Zeiten wie diesen sind wir Ihre Ersatzfamilie. Kommen Sie nach Holland, nehmen Sie Ihren Platz im Team wieder ein, und dann bringen wir Sie wieder in Ordnung. Das verspreche ich Ihnen.«

»Also gut, Senator, Sie haben mich überzeugt. Sie haben Ihr Wort bisher stets gehalten, und Ihr Versprechen rührt mich sehr. Ich glaube, ich war impulsiv. Ich kann nicht ständig Vollgas geben. Ich muss gründlich über alles nachdenken.«

»Das ist prima. Ich wusste, dass ich Sie zur Vernunft bringen könnte, ich wusste, ich würde Sie aufmuntern. Aber ich glaube, wir haben jetzt lange genug telefoniert. Die Leitung ist nicht sicher.«

Oscar wandte sich an Kevin. »Der Senator meint, die Leitung sei nicht sicher.«

Kevin zuckte die Achseln. »Also, das ist irgendein Telefon, Mann. Das ist ein großer Staat. Huey kann nicht alle Telefone abhören.«

Zwei Stunden später wurden sie am Straßenrand von der Polizei von Louisiana festgenommen.

Green Huey nahm in Lafayette an einem kulturellen Ereignis teil. Er und ein Teil seiner Truppe halblegaler alter Kameraden hauten auf einem Hotelbalkon mit Blick aufs Volksfest auf den Putz. Unter ihnen fand in fast völliger Stille eine gewaltige Tanzveranstaltung statt. Mindestens tausend Leute nahmen an einem kaleidoskopischen Square dance teil. Alle trugen Kopfhörer mit Positionsmeldern, und ein Code in der lautlosen Musik dirigierte die Menge. Die Menschen wirkten gleichzeitig frei und kontrolliert, reglementiert, aber spontan, ausgelassen, aber unauffällig gesteuert.