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»Heeeey!« schrie Kevin. Huey hatte er abgeschrieben; jetzt wandte er sich plötzlich an die unter dem Balkon versammelte Menschenmenge. »Hey, Leute! Euer Gouverneur hat den Verstand verloren! Er will euch vergiften und alle in verrückte Zombies verwandeln!«

Die Bodyguards packten Kevins gefesselte Arme und prügelte auf ihn ein.

»Ich werde gefoltert!« schrie Kevin. »Die Cops foltern mich!«

Huey drehte sich um. »Verflucht noch mal, Boozoo, schlag ihn doch nicht in der Öffentlichkeit! Bring ihn erst nach drinnen. Und du, Zach, hör auf, jedesmal deine verdammten Fäuste einzusetzen. Nimm den Totschläger. Dafür ist er schließlich da.«

Obwohl er gefesselt war, gab Kevin sich nicht so leicht geschlagen. Er wirbelte auf der Stelle herum, hüpfte auf und ab. Sein Geheul nutzte ihm wenig, denn die Menge war von den Kopfhörern in Beschlag genommen. Doch es tanzten nicht alle, und einige blickten zum Balkon hoch.

Boozoo holte den Totschläger hervor. Kevin trat unbeholfen nach ihm. Boozoo wich einen Schritt zurück, stolperte über den Fuß eines anderen Aufpassers, verfing sich plötzlich in den Beinen eines weißen Balkonstuhls aus Metall. Er fiel nach hinten, schlug mit voller Wucht auf dem Boden auf. Der zweite Bodyguard wollte vorspringen, kam jedoch dem um sich schlagenden Boozoo in die Quere, stürzte auf die Knie und heulte auf.

»Ach, Scheiße«, grummelte Huey. Er zog eine verchromte Automatikpistole unter dem Jackett hervor und schoss geistesabwesend auf Kevin. In die Brust getroffen, wurde Kevin rückwärts geschleudert, krachte gegen das Geländer und stürzte in die Tiefe.

Huey trat verdutzt ans Geländer, verdrehte den Kopf und blickte nach unten. Die Pistole funkelte noch immer in seiner Hand. Die Feiernden sahen die Pistole und spritzten entsetzt auseinander.

»O je«, stöhnte der Gouverneur.

»Ich weiß immer noch nicht, was ich mit ihm anfangen soll«, sagte der Präsident. »Er hat am helllichten Tag vor tausend Augenzeugen einen Menschen ermordet, aber er hat immer noch Anhänger. Am liebsten würde ich ihn ja einsperren, aber… na ja. Wir haben so viele Leute durchs Gefängsnissystem durchgeschleust, das ist eine bedeutende demographische Gruppe.«

Oscar und der Präsident der Vereinigten Staaten machten einen Spaziergang im Garten des Weißen Hauses. Ebenso wie das Weiße Haus wurde auch der Rosengarten regelmäßig nach Wanzen abgesucht. Viel half es nicht, aber solange sie in Bewegung blieben, war es machbar.

»Der Sinn für Anstand hat ihm immer schon gefehlt, Mr. President. Selbst in Louisiana weiß jeder, dass Huey zu weit gegangen ist. Man wird bis nach seinem Tod warten, bevor man eine Brücke nach ihm benennt.«

»Was halten Sie von Washington, Oscar? Ist das jetzt eine andere Stadt, was meinen Sie?«

»Ich muss gestehen, es stört mich, dass ausländische Truppen in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten stationiert sind, Mr. President.«

»In dem Punkt bin ich Ihrer Meinung. Aber das hat das Problem gelöst. Leute, die auf der Straße wohnen und ganze Stadtteile abriegeln… Das darf eine Regierung in der Hauptstadt nicht dulden. Amerikanische Truppen hätten nicht mit der notwendigen Härte durchgreifen können, um die Macht der dezentralen Netzwerkgangs zu brechen. Die Holländer aber räumen auf den Straßen auf, und wenn es zehn Jahre dauert. Die ziehen die Sache durch.«

»Das ist jetzt eine andere Stadt, Sir. Viel ordentlicher als früher.«

»Sie könnten hier leben, nicht wahr? Wenn das Gehalt stimmen würde? Wenn sich das Team des Weißen Hauses um Sie kümmern würde.«

»Ja, Sir; ich glaube, ich könnte überall leben, wohin die Pflicht mich ruft.«

»Das hier ist jedenfalls nicht Louisiana.«

»Eigentlich mag ich Louisiana, Mr. President. Ich halte mich noch immer über die dortige Entwicklung auf dem Laufenden. Der Staat hat in vielerlei Hinsicht Leitfunktion. Ich habe in Louisiana ein paar sehr gute Erfahrungen gemacht.«

»Tatsächlich.«

»Wissen Sie, die Niederländer wurden so hart und entschlossen, als der Meeresspiegel stieg. Ich denke, in Louisiana tut sich was. Allmählich glaube ich, es hat eine Menge für sich, sich im Schlamm zu suhlen.«

Der Präsident starrte ihn an. »Sie haben doch wohl nicht vor, öfters im Schlamm zu baden.«

»Bloß hin und wieder, Sir.«

»Bei einer unserer früheren Unterhaltungen habe ich Ihnen gesagt, wenn Sie sich an Ihre Anweisungen hielten, würde ich Ihnen einen Posten im Weißen Haus verschaffen. Seitdem hat Ihr Werdegang einige interessante Wendungen genommen, ohne dass mir indes irgendwelche Zweifel an Ihrer Befähigung gekommen wären. Diese Regierung hat mit Bigotterie – oder Skandalen – nichts am Hut, und nun, da die verfassungsmäßige Ordnung einigermaßen wiederhergestellt ist, beabsichtige ich, den Agenten- und Cowboyunsinn nach Möglichkeit zurückzuschrauben. Ich regiere dieses Land jetzt wirklich – auch wenn ich hin und wieder auf niederländische Truppen zurückgreifen muss –, und wenn ich das Oval Office verlasse, will ich ein vernünftiges, regierbares, anständiges und manierliches Land hinterlassen. Und ich glaube, Sie könnten dabei eine Rolle spielen. Möchten Sie mehr darüber hören?«

»Sehr gern, Sir.«

»Wie Ihnen wohl bewusst ist, gibt es in diesem Land noch immer sechzehn verdammte Parteien! Und ich habe nicht vor, mich der Wiederwahl mit der Rückendeckung einer Würstchenpartei wie den Sozpats zu stellen. Wir brauchen eine radikale Neuordnung des Parteiengefüges und eine grundlegende politische Konsolidierung. Wir müssen die verkrusteten Strukturen aufbrechen und ein praktikables, vernünftiges, bipolares System etablieren. Dabei steht die Normalität gegen alles andere.«

»Ich verstehe, Sir. Genau wie in der guten alten Zeit. Stehen Sie nun links oder rechts?«

»Ich stehe unten, Oscar. Ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden, und ich weiß, wo ich stehe. Alle anderen können meinetwegen oben stehen. Sie sollen ruhig abheben und mit ihren Vogelhirnen verrückte Hightechideen ausbrüten, und die, welche auf den Boden fallen, ohne zu zerbrechen, die gehören mir.«

»Mr. President, ich gratuliere Ihnen zu dieser Formulierung. Ihnen hat sich hier ein Möglichkeitshorizont eröffnet, der es Ihnen gestattet, zu tun, was Ihnen beliebt, und was Sie da sagen, klingt machbar.«

»Meinen Sie? Gut. Das ist Ihre Rolle. Sie werden als Mittelsmann zwischen dem Weißen Haus und der gegenwärtigen Parteienstruktur fungieren. Sie werden die Radikalen und Verrückten aussondern und sie im oberen Flügel sammeln.«

»Ich bin nicht untenorientiert, Sir?«

»Oscar, wenn es kein Oben gibt, gibt es auch kein Unten. Es funktioniert nur, wenn ich meine eigene Opposition erschaffe. Der obere Block ist von ausschlaggebender Bedeutung, wenn das Spiel funktionieren soll. Der obere Flügel muss brillant sein. Er muss wahrhaft attraktiv sein. Er muss visionär sein und nahezu vernünftig. Und die praktische Umsetzung seiner Ziele darf ihm niemals, unter keinen Umständen, gelingen.«

»Ich verstehe.«

»Besondere Sorge bereitet mir die Koalition zwischen Prolos und Wissenschaftlern. Diese Leute sind eigensinnig. Sie erpressen bereits ganze Industrien mit der Drohung, sie auszuforschen. Das ist gegenwärtig die einzige wahrhaft neue und kraftvolle politische Bewegung. Die kann ich unmöglich in mein Lager aufnehmen. Ich kann sie nicht bestechen. Ich kann sie nicht beschwatzen. Die sind naturgemäß radikal, weil sie die aktuelle Entsprechung der Triebkraft darstellen, welche die westliche Gesellschaft in den vergangenen sechs Jahrhunderten transformiert hat. Sie zu vernichten wäre kriminell, das würde das Land lobotomisieren. Sie gewähren zu lassen, wäre allerdings unverantwortlich.«