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Jimmy schaute auf den über Kopfhöhe angebrachten Scanner und holte tief Luft. »Ich werd diesen Bus für Sie nach Boston zurückfahren, und dann bin ich fertig mit Ihnen. Okay? Dann mache ich erstmal Pause. Ich meine, ich will wirklich mal ausspannen. Ich brauche Erholung, genau das. Ich werd eine Menge Bier trinken und zum Bowling gehen, und wenn ich Glück habe, find ich jemanden fürs Bett. Aber mit Politikern geb ich mich nicht mehr ab.«

»Sie wollen wirklich das Team verlassen, Jim?« fragte Oscar. »Einfach so?«

»Sie haben mich zum Busfahren angeheuert, Mann! Können Sie’s nicht dabei belassen? Das ist ein Job! Ich führe keinen Kreuzzug.«

»Sie sollten nichts überstürzen. Ich bin sicher, wir würden schon einen anderen Platz für Sie finden.«

»Nee, Mann. Sie haben keinen Platz für mich. Oder überhaupt für Typen wie mich. Weshalb gibt es denn jetzt Millionen Nomaden? Sie haben keine Jobs, Mann! Sie sind euch scheißegal! Ihr habt keine Verwendung für sie! Ihr könnt sie nicht gebrauchen! Ihr braucht sie einfach nicht. Überhaupt nicht. Okay? Und deshalb brauchen sie euch auch nicht. Okay? Sie sind es leid, darauf zu warten, dass ihr ihnen eine Perspektive bietet. Deshalb bauen sie sich ihr eigenes Leben auf, aus dem Zeug, das überall herumliegt. Glauben Sie, die Regierung schert sich um sie? Die Regierung kann doch nicht mal die eigene Luftwaffe bezahlen.«

»Ein besser organisiertes Land hätte Verwendung für alle seine Bürger.«

»Mann, darum geht es ja gerade – sie sind viel besser organisiert als die Regierung. Organisation ist das einzige, was sie haben! Sie haben kein Geld, keinen Job und kein Dach über dem Kopf, aber sie sind organisiert, Organisation haben sie im Überfluss. Verstehen Sie, Mann, die sind genau wie Sie. Sie und Ihr Wahlkampfteam, Sie sind viel besser organisiert als diese Dinosaurierbeamten, die das Laboratorium leiten. Sie können das Ding jederzeit übernehmen, okay? Ich meine, genau das werden Sie auch tun! Sie werden das Ding übernehmen. Ob’s denen passt oder nicht. Sie wollen es haben, deshalb nehmen Sie sich’s.«

Oscar schwieg.

»Das wird mir am meisten fehlen, Mann. Dabei zuzuschauen, wie Sie Ihren nächsten Zug machen. Zum Beispiel, wie Sie dieses verrückte Wissenschaftlerhuhn eingespannt haben. Mann, das war brillant. Ich hab’s einfach nicht über mich gebracht, zu gehen, bevor Sie bei dem Wissenschaftlerhuhn gepunktet hatten. Sie kriegen immer Ihren Willen.« Jimmy lachte. »Sie sind ein Genie! Ich bin kein Genie, okay? Das ist einfach nicht mein Ding. Es ist zu anstrengend.«

»Ich verstehe.«

»Hören Sie auf, sich so viele Sorgen zu machen, Mann. Wenn Sie sich Sorgen machen wollen, dann denken Sie an Washington. Morgen kommen wir dort an, und wenn der Bus heil wieder aus der Stadt herauskommt, dann bin ich heilfroh, Mann.«

Der Himmel über Washington, DC, wurde ständig von Drohnen verdunkelt. Es gab auch eine Menge Helikopter, denn die Behörden hatten keine Kontrolle über die Straßen mehr. Große Gebiete der Landeshauptstadt waren ständig unpassierbar. Dissidenten und Protestler hatten den öffentlichen Raum in Besitz genommen.

Die gewaltlose Verweigerung hatte in Washington strategisch und taktisch ein bislang unerhörtes Ausmaß erreicht. Die funktionsfähigen Bezirke waren in Privatbesitz und wurden von Monitoren und zahllosen Privatschlägern bewacht, während man andere Gebiete den Anwohnern überlassen hatte. Die ideologische Ausrichtung der Besatzer war höchst unterschiedlich, doch während sie mit der Regierung ein prekäres Gleichgewicht hergestellt hatten, hassten sie einander bis aufs Blut. Dupont Circle, Adams-Morgan und das Gebiet östlich des Capitol Hill wiesen Mordraten auf, die beinahe an die des zwanzigsten Jahrhunderts heranreichten.

In vielen Gegenden Washingtons hatte sich die Einteilung in Straßen und Gebäude schlichtweg aufgelöst. Ganze Stadtviertel waren an die Protestler gefallen, die ihre eigene Kanalisation und ihre eigenen Wasserleitungen und Stromgeneratoren installiert hatten. Die Straßen waren ständig verbarrikadiert und wurden von Tarnnetzen und schmutzigen Plastikplanen verdeckt.

Besonders erwähnenswert unter den Washingtoner Autonomen waren die Gruppen, die sich als ›Marsianer‹ bezeichneten. Frustriert aufgrund der jahrelangen bemühten Gleichgültigkeit gegenüber ihren heftigen Beschwerden, verhielten sich die Marsianer nun so, als existierte die Regierung nicht mehr. Die Marsianer betrachteten das ganze Gebiet von Washington, DC, als Rohmaterial.

Ihre Bautechniken waren ursprünglich von einer Gruppe übereifriger prospektiver Marssiedler entwickelt worden.

Diese längst von der Bildfläche verschwundenen Weltraumfreaks, eine einfallsreiche und fanatische Gruppierung, hatten zahlreiche billige und einfache Techniken entwickelt, die es kleinen Gruppen von Astronauten ermöglichen sollten, die atmosphärelosen, eiskalten Wüsten des Roten Planeten zu besiedeln. Die Menschheit war nie bis zum Mars vorgedrungen, doch mit dem endgültigen Zusammenbruch der NASA waren die Kolonisierungspläne für den Mars öffentlich geworden.

Die Pläne gerieten in die Hände fanatischer Protestler. Sie gruben sich tief in das morastige Flussbett des Potomac ein, pressten Wasser aus dem Erdreich, formten Ziegel daraus und bauten endlose Gewölbe, Tunnel und Kivas, halb unterirdisch gelegene Lehmbauten, wie sie von den Hopi-Indianern benutzt worden waren. Die Radikalen stellten fest, dass selbst der kargste Flecken Erde im Vergleich zu den luftlosen Wüsten des Mars ein wahres Füllhorn war. Alles, was auf dem Mars funktioniert hätte, funktionierte auf einer verlassenen Straße oder einem aufgegebenen Parkplatz hundertmal besser.

Der Erfindungsreichtum der NASA trug nun erstaunliche Früchte, und auf den Straßen von Washington entstanden zahlreiche Marssiedlungen. Slums aus komprimiertem Erdreich, zu betreten über labyrinthische Schleusen, klebten wie Wespennester an den Wänden von Gebäuden. In der Nähe von Union Station gab es drei Stockwerke hohe Abraumhalden, und selbst in Georgetown rumpelte es hin und wieder im Erdreich.

Die meisten Marsianer waren Anglos. Tatsächlich gehörten sechzig Prozent der Einwohner Washingtons dieser bedrängten Minderheit an. Die Verwaltung, berüchtigt für ihre Korruption, wurde von militanten Anglos beherrscht. Die ethnischen Bosse machten regen Gebrauch von ihrer traditionellen Begabung für Betrug, Hacking und Schreibtischverbrechen.

Obwohl er sich in Washington nicht auskannte, wusste Oscar doch, dass man gut beraten war, die Stadt nicht unvorbereitet zu betreten. Als er ausstieg, zog sich seine Mannschaft mit dem Bus sogleich in die relative Sicherheit Alexandrias zurück. Oscar ging zwei Blocks weit zu Fuß, über einen permanenten Straßenmarkt, wo Blumen, Medaillen, Armreifen, Aufkleber, Fahnen, Kassetten und Weihnachtsgeschenke feilgeboten wurden.

Er erreichte sein Ziel unbehelligt und in guter Verfassung. Sodann stellte er ohne große Überraschung fest, dass das Regierungsgebäude Hausbesetzern in die Hände gefallen war.

Oscar wanderte durch die Lobby, vorbei an Metalldetektoren und einem zyklopenhaften Gesichtserkennungsgerät. Der Portier der Besetzer war ein älterer Schwarzer mit kurz geschorenem Kraushaar und einer Fliege. Er reichte Oscar ein ID-Armband.

Das Computersystem überwachte nicht nur Oscars Bewegungen, sondern auch alles andere in dem Gebäude: Möbel, technische Geräte, Werkzeug, Küchenutensilien, Kleidungsstücke, Schuhe, Haustiere und natürlich die Hausbesetzer selbst. Die Detektorelemente waren so klein wie Apfelsinenkerne und so robust wie Nägel, sodass man sie unbemerkt an allem befestigen konnte, was von Interesse war.

Aufgrund der universellen Markierungen war der Inhalt des Gebäudes im Wesentlichen vor Diebstahl geschützt. Zudem erleichterten sie es, den staatlichen Besitz zu vergesellschaften. Da der Ort, der Zustand und die Herkunftsgeschichte eines jeden Gegenstands registriert waren und jederzeit abgerufen werden konnten, waren sie leicht zu finden. Zudem wurde es Schnorrern schwer gemacht, das Gemeineigentum zu entwenden oder zu missbrauchen. Wenn alles funktionierte, galt der digitale Sozialismus als billigere und praktischere Alternative zum Privateigentum.