»Also, ich fing an, Kartoffelchips zu mampfen. Mit lautem Geknirsche.« Norman lächelte schwach. »Da verlor er die Nerven und suchte auf seinem Laptop nach Stichworten. Und ich hab ihm über die Schulter geguckt und heimlich mitgesurft, und siehe da, er hatte eine ganze Liste mit vorbereiteten Erklärungen abgespeichert. Er ging gut vorbereitet in die Sitzung. Greta aber war mittlerweile richtig in Fahrt, man applaudierte und jubelte sogar… mehrmals wurde auch laut gelacht. Die wunderten sich, wie komisch sie war. Schließlich sprang er auf und rief etwas total Dämliches, was ihr eigentlich einfiele und so, und dann brach die Hölle los. Er wurde einfach niedergebrüllt. Deshalb verließ er die Sitzung verärgert. Und ich folgte ihm.«
»Warum haben Sie das getan?«
»Vor allem, um ihn noch mehr zu verwirren. Das hat mir richtig Spaß gemacht.«
»Oh.«
»Ja, ich bin College-Student, und er ist genau wie der Professor, den ich mal hatte und den ich überhaupt nicht ausstehen konnte. Ich wollte ihm klarmachen, dass ich ihn durchschaut hatte. Aber kaum hatte er den Sitzungssaal verlassen, da rannte er auch schon los. Ich wusste, dass er irgendeine Schweinerei vorhatte. Deshalb folgte ich ihm und sah, wie er Feueralarm auslöste.«
Oscar nahm den Hut ab und legte ihn auf den Tisch. »Haben Sie das wirklich gesehen?«
»Verdammt noch mal, ja! Deshalb habe ich ihn mir vorgeknöpft. Ich rannte zu ihm hin und sagte: ›Hören Sie, Skopelitis, so einen schmutzigen Trick können Sie hier nicht abziehen! Das ist unprofessionell!«
»Und dann?«
»Er stritt alles ab. Ich sagte: ›Hören Sie, ich habe alles mit angesehen.‹ Er kriegt Panik und läuft weg. Ich ihm hinterher. Leute strömen wegen des Feueralarms auf die Gänge. Es wird richtig aufregend. Ich will ihn mir schnappen. Wir rangeln miteinander. Ich bin viel kräftiger als er, deshalb verpasse ich ihm einen ordentlichen Hieb. Ich renne ihm nach, hechte die Treppe hinunter, er hat eine blutige Nase, man schreit uns an, wir sollen aufhören. Ich bin ziemlich ausgerastet.«
Oscar seufzte. »Norman, Sie sind gefeuert.«
Norman nickte niedergeschlagen. »Wirklich?«
»Ihr Verhalten ist nicht hinnehmbar, Norman. Ich beschäftige in meinem Team lauter Politprofis. Sie gehören keiner Kampfgruppe an. Sie können nicht einfach jemanden zusammenschlagen.«
»Was hätte ich denn machen sollen?«
»Sie hätten die Polizei darüber informieren sollen, dass Sie Dr. Skopelitis bei einem Vergehen beobachtet haben.« DER IST ERLEDIGT! GUT GEMACHT! SCHADE, DASS ICH SIE JETZT FEUERN MUSS.
»Wollen Sie mich wirklich feuern, Oscar?«
»Ja, Norman, Sie sind gefeuert. Ich werde ins Krankenhaus gehen und mich bei Dr. Skopelitis persönlich entschuldigen. Ich hoffe, ich kann ihn davon überzeugen, seine Anzeige zurückzuziehen. Und dann schicke ich Sie nach Cambridge zurück.«
Oscar besuchte Skopelitis in der Laboratoriumsklinik. Er brachte Blumen mit: einen üppigen Strauß symbolischer gelber Nelken mit Lattich. Skopelitis hatte ein Einzelzimmer und legte sich bei Oscars unerwartetem Eintreten hastig wieder ins Bett. Er hatte ein blaues Auge und einen Nasenverband.
»Ich hoffe, Sie nehmen das nicht allzu ernst, Dr. Skopelitis. Ich rufe mal eine Krankenschwester, damit sie Ihnen eine Vase bringt.«
»Ich glaube, das wird nicht nötig sein«, näselte Skopelitis.
»Aber ich bestehe darauf«, sagte Oscar. Er durchlief das ganze quälende Ritual, rief die Krankenschwester, nahm ihre Komplimente über die Blumen entgegen, plauderte mit ihr über Regen und Sonnenschein und registrierte derweil das wachsende Unbehagen des Patienten. Als Skopelitis auf dem Gang Kevin in seinem Rollstuhl bemerkte, steigerte es sich zu unverhohlenem Entsetzen.
»Können wir irgendetwas für Sie tun, um Sie bei Ihrer Genesung zu unterstützen? Wie wäre es mit ein wenig leichter Lektüre?«
»Hören Sie auf«, sagte Skopelitis. »Ersparen Sie sich die Höflichkeiten, das ertrage ich nicht.«
»Ich bitte um Verzeihung?«
»Hören Sie, ich weiß genau, weshalb Sie hier sind. Kommen wir zur Sache. Sie möchten, dass ich meine Anzeige zurückziehe. Hab ich recht? Der Junge hat mich tätlich angegriffen. Also, ich bin unter einer Bedingung dazu bereit: er muss aufhören, Lügen über mich zu verbreiten.«
»Was für Lügen meinen Sie?«
»Verarschen Sie mich nicht. Ich weiß Bescheid. Ihre Leute waren dort drinnen, die verstehen sich auf schmutzige Tricks. Sie haben das Ganze von Anfang an geplant, Sie haben ihr die Rede geschrieben, die gegen den Senator gerichteten Verleumdungen, Sie haben alles geplant. Sie sind mit Ihrer Wahlkampfmaschine in mein Labor gewalzt und haben die alten Geschichten wieder aufgewärmt, um Karrieren zu beenden und das Leben Unbeteiligter zu zerstören… Davon wird mir ganz übel! Aber ich gebe Ihnen eine Chance: sie stopfen ihm das Mundwerk, dann ziehe ich die Anzeige zurück. Das ist mein Angebot. Entweder Sie nehmen es an, oder Sie lassen es bleiben.«
»O je«, sagte Oscar, »ich fürchte, Sie sind falsch informiert. Wir wollen gar nicht, dass die Anzeige zurückgezogen wird. Wir wollen die Angelegenheit vor Gericht klären.«
»Was?«
»Sie werden wochenlang auf glühenden Kohlen sitzen. Wir werden hier einen Schauprozess veranstalten. Wir werden Ihnen die Wahrheit unter Eid Brocken für Brocken aus der Nase ziehen. Sie sind nicht in der Position, um mit mir zu verhandeln. Sie sind erledigt. Diese Schweinerei haben Sie nicht spontan durchgezogen! Sie haben auf dem Alarmknopf DNS-Spuren zurückgelassen. Sogar Fingerabdrücke. Das Ding hat eine eingebaute Videokamera! Hat Huey Sie nicht davor gewarnt, dass die Alarmeinrichtungen des Labors verwanzt sind?«
»Huey hat nichts damit zu tun.«
»Das kann ich mir denken. Er wollte, dass Sie die Rede stören; dass Sie völlig aus dem Ruder laufen und die ganze Belegschaft auf die Straße jagen, war nicht seine Absicht. Das hier ist ein Forschungslabor, keine Ninja-Akademie. Sie haben die Hosen runtergelassen wie ein Circusclown.«
Skopelitis war leicht grün im Gesicht. »Ich will einen Anwalt sprechen.«
»Dann besorgen Sie sich einen. Aber Sie werden hier mit keinem Polizisten sprechen. Sie werden einen freundschaftlichen Schwatz mit einem Vertreter des US-Senats halten. Nachdem Sie vom US-Senat befragt wurden, werden Sie bestimmt einen Anwalt brauchen. Einen sehr teuren Anwalt. Verschwörung, Behinderung der Gerichtsbarkeit… da kommt einiges zusammen.«
»Es war doch bloß ein falscher Alarm! Ein Fehlalarm. Sowas kommt ständig vor.«
»Sie haben zu viele Sabotagehandbücher gelesen. Prolos kommen mit urbaner Kriegsführung durch, weil es ihnen nichts ausmacht, in den Knast zu kommen. Prolos haben nichts zu verlieren – Sie hingegen schon. Sie sind gekommen, um Dr. Penninger niederzubrüllen und Ihre Haut zu retten, aber Sie sind ausgerastet und haben Ihre Karriere zerstört. Im Handumdrehen haben Sie zwanzig Jahre Arbeit zunichte gemacht. Und da besitzen Sie die Unverfrorenheit und wollen mir Bedingungen diktieren? Ich könnte Sie kreuzigen, Sie Trottel. Sie haben die größte Dummheit Ihres Lebens begangen. Ich werde Sie zum Gespött der Öffentlichkeit machen, man wird im ganzen Land über Sie lachen.«
»Hören Sie. Tun Sie das nicht.«
»Was war das?«
»Tun Sie mir das nicht an. Ruinieren Sie mich nicht. Bitte. Er hat mir das Nasenbein gebrochen, okay? Das Nasenbein! Hören Sie, ich habe den Kopf verloren.« Skopelitis wischte sich die Tränen aus dem blauen Auge. »So etwas hat sie noch nie getan, sie hat sich gegen uns gewandt, als ob sie den Verstand verloren hätte! Ich musste irgendetwas unternehmen, es war einfach… es war einfach…« Er begann zu schluchzen. »Mein Gott…«
»Nun, wie ich sehe, strenge ich Sie an«, sagte Oscar. »Die Unterhaltung mit Ihnen hat mir Spaß gemacht, aber die Zeit drängt. Ich muss gehen.«