»Hören Sie, das können Sie mir doch nicht antun! Das war doch bloß eine Kleinigkeit.«
»Jetzt hören Sie mir mal zu.« Oscar nahm wieder Platz. »Sie haben hier einen Laptop. Sie möchten, dass ich Sie vom Haken lasse? Schreiben Sie mir eine E-mail. Erzählen Sie mir alles. Jede Kleinigkeit. Ganz im Privaten. Und wenn Sie aufrichtig sind… nun, was soll’s. Er hat Ihnen das Nasenbein gebrochen. Dafür entschuldige ich mich. Das war nicht richtig.«
Oscar studierte gerade das letzte Sitzungsprotokoll des Wissenschaftsausschusses, als Kevin den Raum betrat.
»Schlafen Sie eigentlich nie?« fragte Kevin gähnend.
»Nicht besonders viel.«
»Das hab ich schon gemerkt.« Kevin ließ den Stock fallen und setzte sich in einen Liegestuhl. Oscars Hotelzimmer war recht spartanisch eingerichtet. Aus Sicherheitsgründen zog er täglich um, außerdem waren die besten Suiten an zahlende Kunden vermietet.
Oscar klappte den Laptop zu. Der Bericht, der gerade lief, war äußerst interessant – ein staatliches Labor in Davis, Kalifornien, litt unter einer Plage hyperintelligenter Labormäuse, welche die Einheimischen in Panik versetzten und sie veranlassten, vor Gericht zu ziehen – Kevin aber war mindestens ebenso interessant.
»Und wie geht es jetzt weiter?« fragte Kevin.
»Was glauben Sie, Kevin?«
»Also«, meinte Kevin, »da muss ich passen. Sowas habe ich nämlich noch nicht erlebt.«
»Was Sie nicht sagen.«
»Ja. Die Lage sieht so aus. Da gibt es eine Gruppe von Leuten, die alle ihren Job verlieren werden. Also organisieren sie sich und leisten Widerstand. Etwa sechs Wochen lang herrscht große Aufregung und Solidarität, und dann werden sie alle gefeuert. Man wird die ganze Anlage abschalten und ihnen die Tore vor der Nase zusperren. Dann werden sie alle zu Prolos.«
»Glauben Sie das wirklich?«
»Na ja, vielleicht kommt’s ja auch anders. Vielleicht sind Grundlagenforscher irgendwie smarter als Computerprogrammierer oder Börsenmakler oder Fließbandarbeiter oder herkömmliche Farmer… Anders als all die anderen Leute, die ihren Job verloren haben und denen man den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Aber das denken die anderen immer in dieser Lage. ›Ja, deren Jobs sind jetzt überflüssig geworden, aber Leute wie uns wird man immer brauchen.‹«
Oscar trommelte mit den Fingern auf den Laptop. »Es ist schön, dass Sie so viel Anteil nehmen, Kevin. Ich weiß Ihren Beitrag zu schätzen. Aber ob Sie’s glauben oder nicht, was Sie da sagen, ist nicht gerade neu für mich. Ich bin mir der gewaltigen Zahl von Menschen bewusst, die aus der traditionellen Wirtschaft herausgedrängt werden und sich zu organisierten Mobs zusammenschließen. Ich meine, sie gehen nicht zur Wahl, deshalb wird ihnen nur selten meine professionelle Aufmerksamkeit zuteil, aber im Laufe der Jahre gelingt es ihnen immer besser, dem Rest von uns das Leben schwer zu machen.«
»Oscar, die Prolos sind ›der Rest von uns‹.«
»Ich war niemals der Rest von irgendwas«, meinte Oscar. »Selbst Leute wie ich sind niemals Leute wie ich. Möchten Sie einen Kaffee?«
»Ja, gut.«
Oscar schenkte ihnen zwei Becher ein. Kevin zog kameradschaftlich eine eckige weiße Stange aus komprimiertem pflanzlichem Protein aus seiner Gesäßtasche hervor. »Auch ein Stück?«
»Ja, gern.« Oscar nagte versonnen. Es schmeckte wie Karottenschaum.
»Wissen Sie was«, meinte Oscar grüblerisch, »ich habe auch jede Menge Vorurteile – wer hat die schließlich nicht? –, aber gegen die Prolos habe ich an sich nichts. Ich bin es bloß leid, in einer Gesellschaft zu leben, die ständig in immer neue Fragmente auseinanderbricht. Ich habe mich immer für staatliche, demokratische, nationale Reformen eingesetzt. Mit dem Ziel, ein System zu etablieren, das jedem einen Platz bietet.«
»Aber die Wirtschaft ist außer Kontrolle. Das Geld braucht einfach keine Menschen mehr. Die meisten von uns sind einfach bloß im Weg.«
»Nun, Geld ist nicht alles, aber ohne lebt sich’s schlecht.«
Kevin zuckte die Achseln. »Bevor das Geld erfunden wurde, haben auch schon Menschen gelebt. Geld ist kein Naturgesetz. Geld ist ein Medium. Man kann ohne Geld leben, wenn man es durch die richtige Art von Datenverarbeitung ersetzt. Die Prolos wissen das. Sie haben zahllose Tricks auf Lager, um über die Runden zu kommen, Straßenblockaden, Erpressung, Schmuggel, Schrottverwertung, öffentliche Darbietungen… Dabei hatten sie nie viel in der Hand. Aber die Prolos haben es fast geschafft. Sie wissen doch, wie Reputationsserver funktionieren, oder?«
»Natürlich weiß ich darüber Bescheid, aber ich weiß auch, dass sie eigentlich nicht funktionieren.«
»Ich habe von Reputationsservern gelebt. Nehmen wir mal an, Sie gehörten zu den Regulatoren – die sind in der Gegend hier stark vertreten. Taucht man mit einer Vertrauensrate von mehr als neunzig Prozent in einem Regulatorenlager auf, dann kümmern sie sich um einen. Man ist höflich, man klaut nicht, sie können einem ihre Kinder anvertrauen, ihre Autos, was auch immer. Man ist nachweislich ein guter Nachbar. Man passt sich ein. Man ist hilfsbereit. Man hintergeht niemals die Gruppe. Das ist eine vernetzte Tauschwirtschaft.«
»Das ist Gangstersozialismus. Das ist ein verrücktes Konzept, das ist unrealistisch. Und es ist instabil. Man kann immer jemanden bestechen, um die eigene Bewertung höher zu treiben, und schon bricht das Geld in Ihr kleines Wolkenkuckucksheim ein. Dann stehen Sie wieder ganz am Anfang.«
»Es kann durchaus funktionieren. Das Problem ist, dass die organisierten Verbrecher der Unionsregierung es auf die Prolos abgesehen haben und einen Netzkrieg gegen ihre Computersysteme führen und sie vorsätzlich zum Absturz bringen. Denen ist es lieber, wenn die Prolos chaotisch sind, denn dann stellen sie keine Gefahr für den Status quo dar. Ein Leben ohne Geld ist einfach unamerikanisch. Aber mittlerweile leben beispielsweise schon die meisten Afrikaner außerhalb der Geldwirtschaft – sie ernähren sich von Blattprotein, das von holländischen Maschinen produziert wird. Das gilt auch für Polynesien. In Europa bezieht man ein garantiertes Jahreseinkommen, dort sitzen Null-Arbeit-Leute in den Parlamenten. In Japan spielen Tauschnetzwerke seit jeher eine große Rolle. Die Russen glauben noch immer, Eigentum sei Diebstahl – diese armen Schweine würden eine Geldwirtschaft niemals zum Laufen kriegen. Wenn das unpraktikabel ist, weshalb kommen die anderen alle damit zurecht? Wenn Green Huey an die Macht kommt, dann gibt es endlich wieder ein geeintes Amerika.«
»Green Huey ist ein Stalin in Taschenformat. Er betreibt Personenkult.«
»Ich gebe zu, er ist ein Hurensohn, aber ein Riesenhurensohn. Seine Regierung betreibt jetzt Regulatorenserver. Und der Luftwaffenstützpunkt wurde auch nicht zufällig eingenommen, Hueys Nomaden sind jetzt wirklich fit – kein Klein-Klein von wegen Straßenblockaden und Leitungen lahmlegen mehr. Jetzt haben sie Ausrüstung der Airforce, womit schon Landesregierungen gestürzt wurden. Diese Gruppe ist im Kommen, Mann. Die schnappen Ihnen das Land unter den Füßen weg.«
»Kevin, hören Sie auf, mir Angst zu machen. In der Beziehung bin ich Ihnen weit voraus. Ich weiß, dass die Prolos eine Bedrohung darstellen. Das weiß ich seit den Unruhen am 1. Mai in Worcester im Jahre ‘42. Vielleicht ist Ihnen dieser hässliche Vorfall gar nicht aufgefallen, aber ich habe Videos davon – ich habe sie mir schon hundertmal angeschaut. Die Leute haben in meinem Heimatstaat eine Bank mit den Händen auseinander genommen. Es war der absolute Wahnsinn. Das verrückteste, was ich je gesehen habe.«
Kevin biss ein Stück von seiner Stange ab und schluckte. »Die Videos brauche ich nicht. Ich war dort.«
»Sie waren dort?« Oscar beugte sich ein wenig vor. »Wer hat das angeordnet?«
»Niemand. Niemand gibt jemals Anweisungen. Das war eine staatliche Bank, von dort aus wurden Leute bespitzelt. Das sprach sich herum, ein paar Aktivisten schlossen sich zusammen und überrannten die Bank. Und anschließend gingen sie in Deckung und zerstreuten sich wieder. Irgendwelche ›Anweisungen‹ oder ›Verantwortliche‹ gab es nicht. Man wird nicht einmal die Software finden. Die läuft auf einem anonymen Spezialserver. Der befindet sich so tief im Untergrund, dass er nicht mal mehr Augen braucht.«