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»Ich bin’s.« Es war Greta.

Oscar öffnete die Tür. »Komm rein. Was machst du hier? Hast du den Verstand verloren?«

»Ja.«

Oscar seufzte. »Hast du deine Kleidung auf Wanzen untersucht? Hast du dich vergewissert, dass dir niemand gefolgt ist? Weck bitte meinen Bodyguard nicht auf. Gib mir einen Kuss.«

Sie umarmten sich. »Ich weiß, ich bin schrecklich«, flüsterte sie. »Aber ich bin immer noch wach. Die anderen schlafen alle. Ich hatte einen Moment Zeit für mich. Und da hab ich mir gedacht, ich weiß, was ich will. Ich will bei Oscar sein.«

»Das geht einfach nicht«, sagte er und schob seine Hand in ihren Rock. »Damit gefährdest du alles, das ist wirklich leichtsinnig.«

»Ich weiß, dass wir uns nicht mehr treffen können«, sagte sie, lehnte sich an die Wand und schloss hingebungsvoll die Augen. »Ich bin keinen Moment unbeobachtet.«

»Mein Bodyguard schläft hier. Und er ist total schießwütig.«

»Ich wollte bloß mit dir reden«, sagte sie und zog ihm das Hemd aus der Hose.

Er führte sie ins Bad, schloss die Tür, schaltete das Licht ein. Ihr Lippenstift war verschmiert, und ihre Pupillen waren so groß wie Untertassen.

»Bloß reden«, wiederholte sie. Sie legte die Handtasche aufs Waschbecken. »Ich hab dir etwas Hübsches mitgebracht.«

Oscar schloss die Tür ab. Dann stellte er die Dusche an.

»Ein kleines Geschenk«, sagte sie. »Weil wir uns nicht mehr sehen. Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten.«

»Ich werde mich kalt duschen«, verkündete er, »bloß für den Fall, dass Kevin misstrauisch wird. Wir können miteinander reden, aber sei leise.« Er knöpfte sich das Hemd auf.

Greta nahm ein mit Schleife versehenes Päckchen aus der Handtasche. Sie legte es auf die Ablage, dann drehte sie sich um und betrachtete Oscar versonnen. Oscar ließ das Hemd auf die kalten Fliesen fallen.

»Mach schnell«, sagte sie und entkleidete sich.

Sie warfen zwei Handtücher auf den Boden und ließen sich darauf nieder. Er drückte ihr die Ellbogen in die Kniekehlen, bog ihre Beine zurück und legte los wie ein Wahnsinniger. Die wechselseitige Vierzig-Sekunden-Raserei endete mit dem Getöse eines nahenden Zuges.

Als er wieder Luft bekam, brachte er ein schwaches Lächeln zustande. »Wir tun einfach so, als wäre nichts passiert. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte sie und stemmte sich auf zitternden Armen hoch. »Jedenfalls geht’s mir jetzt besser.« Sie richtete sich auf, zog sich den Rock hinunter. Dann reichte sie ihm das Geschenk. »Hier, das ist für dich. Alles Gute zum Geburtstag.«

»Ich habe keinen Geburtstag«, sagte er.

»Ja, ich weiß. Aber ich habe dir trotzdem ein Geburtstagsgeschenk gemacht.«

Er schlüpfte in die Hose und nahm ihr Geschenk entgegen. Zu seinem gelinden Erschrecken fühlte sich das kleine, in Geschenkpapier verpackte Kästchen heiß an. Er entfernte das bunte Papier und klappte den Sperrholzdeckel auf. In dem Kästchen war ein rundlicher Gegenstand, eingepackt in chemische Heizelemente. Er nahm das Geschenk aus der heißen Umhüllung.

»Das ist eine Armbanduhr«, sagte er.

»Probier sie an!« meinte Greta lächelnd.

Er legte sein klassisches japanisches Chronometer ab und streifte Gretas Armbanduhr über. Die Uhr war heiß und feucht und hatte die Farbe von gekochten Gumboschoten. Er betrachtete die grünlich leuchtenden Ziffern der Anzeige. Die Uhr ging sechzig Minuten nach. »Das Ding sieht aus, als bestünde es aus Gallerte.«

»Es besteht tatsächlich aus Gallerte! Das ist eine Neuronenuhr!« sagte sie. »Die einzige weltweit! Wir haben sie im Labor hergestellt.«

»Erstaunlich.«

»Das kann man wohl sagen! Hör zu. Jedes Säugerhirn hat eine eingebaute 24-Stunden-Uhr. Im Mäusehirn ist sie im suprachiasmatischen Nukleus lokalisiert. Daher haben wir suprachiasmatisches Gewebe geklont und in ein Stützgel eingebettet. Die Ziffern bestehen aus enzymsensitiven Zellen, die Glühwürmchengene enthalten! Wir haben drei separate Neuronenklumpen implantiert, die ein intelligentes neurales Netzwerk bilden, das kumulative Fehler automatisch ausgleicht. Obwohl es sich um eine vollständig organische Uhr handelt, zeigt sie die richtige Zeit an! Das heißt, so lange sie Bluttemperatur behält.«

»Phantastisch.«

»Aber du musst sie füttern. Das kleine Paket enthält Rinderserum. Du kochst einfach einmal wöchentlich ein paar Milliliter davon auf und injizierst es in diese kleine Öffnung.« Sie stockte. »Rattenhirne produzieren auch Abfallprodukte, aber bloß ein paar Tropfen.«

Oscar drehte das Handgelenk herum und betrachtete das transparente Armband. Die Schließe bestand aus Mäuseknochen. »Das ist eine erstaunliche technische Leistung, nicht wahr?«

»Aber du darfst die Uhr nicht kalt werden lassen, sonst stirbt sie. Und wenn du ein Reset durchführen willst, öffnest du diese Klappe an der Rückseite und setzt sie dem Sonnenlicht aus. Wir haben dort Netzhautzellen angebracht. Wenn die Zellen Sonnenschein abbekommen, setzen sie Glutamat frei, das sich an die Rezeptoren bindet. Diese wiederum produzieren Stickstoffoxid, das Enzyme aktiviert, die Phosphat an ein Protein des Zellkerns binden. Das Protein sendet eine genetische Botschaft aus, worauf die Gene die Neuronen der Uhr zurückstellen!«

»Äh… gibt es dafür auch eine Bedienungsanleitung?«

Sie zögerte. »Ach, vergiss das. Du bist bloß ein Laie. Du brauchst die Funktionsweise der Uhr nicht zu verstehen.«

Oscar betrachtete das unheimliche Gerät. Es klebte an seinem Handgelenk wie rohe Leber. »Das ist ein selbstgemachtes Geburtstagsgeschenk«, sagte er. »Trotz all der Aufregung hast du dir die Zeit genommen, mir eine Uhr anzufertigen. Und zwar eigenhändig.«

»Es freut mich, dass sie dir gefällt.«

»Und ob sie mir gefällt. Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe.«

Ihre Brauen zuckten ein wenig. »Du findest sie doch nicht abstoßend?«

»Abstoßend? Um Gottes willen! Die Uhr ist der Entwicklung bloß ein paar Schritte voraus, das ist alles. Ich könnte mir vorstellen, dass ein solcher Artikel bei den Konsumenten großen Anklang finden würde.«

Sie lachte erfreut. »Ha! Genau. Das Gleiche habe ich auch meinen Mitarbeitern gesagt, als wir das Ding gebaut haben. Endlich haben wir ein Produkt für den Massenmarkt, nach dem wirklich Nachfrage besteht!«

Oscar war gerührt. »Man setzt dir schon seit Jahren zu von wegen ›reiner Wissenschaft‹, nicht wahr? Als ob die das Recht hätten, über deine Vorstellungskraft zu bestimmen, bloß weil sie deine Rechnungen zahlen. Also, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, Greta. So etwas wie ›reine Wissenschaft‹ gibt es nicht. ›Reine Wissenschaft‹ ist eine ebensolche bösartige Lüge oder arglistige Täuschung wie ›unabhängige Justiz‹ oder ›absolute Freiheit‹. Begehren ist niemals rein, und das Streben nach Wissen ist bloß eine andere Form von Begehren. Es gibt keinen Wissenszweig, der so rein und abstrakt wäre, dass er vor den Niederungen und dem Schmutz gefeit wäre. Wenn der menschliche Geist etwas verstehen kann, dann kann er es auch begehren.«

Sie seufzte. »Ich weiß nie, was ich davon halten soll, wenn du so redest… Am liebsten würde ich dir alles erzählen, was mir in letzter Zeit so durch den Kopf gegangen ist.«

»Versuch’s mal.«

»Es ist so… Man will etwas, aber man weiß, es ist schlecht für einen. Deshalb verkneift man sich’s, will es aber doch, verkneift es sich und will es – aber es ist einfach zu verlockend. Deshalb gibt man dem Wunsch nach, und dann passiert es. Und da stellt man fest, dass es gar nicht so schlecht ist, wie man dachte. Nicht halb so schlecht. Eigentlich ist es sogar gut. Richtig gut. Es ist wundervoll. Man fühlt sich besser. Man fühlt sich wie neugeboren. Stärker. Man versteht sich besser. Man hat Kontakt zu sich selbst. Man verleugnet sich nicht mehr. Man ist nicht mehr distanziert und rein. Man ist lebendig und nimmt Anteil an der wirklichen Welt. Man weiß, was man will.«