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Oscar verspürte schwindelerregenden männlichen Triumph. Das Gefühl währte etwa drei Sekunden, erreichte seinen Höhepunkt und machte dann einer bösen Vorahnung Platz.

»Eine Liebesbeziehung ist nicht immer eitel Sonnenschein«, sagte er.

Greta schaute ihn verblüfft an. »Oscar, Lieber, ich rede nicht von Sex. Das ist ja alles gut und schön, und ich bin glücklich darüber, aber wir beide könnten so viel Sex haben, wie wir wollen, und es würde doch nichts ändern. Ich will damit sagen, dass du mir dadurch, dass du mir Macht gegeben hast, ein reales und dauerhaftes Geschenk gemacht hast, Oscar. Jetzt weiß ich endlich, was Macht bedeutet. Zum erstenmal im meinem Leben kann ich zu anderen Menschen sprechen. Wenn sie da alle vor mir sitzen, meine Leute, kann ich Ihnen die Wahrheit sagen. Ich kann sie überzeugen. Ich kann sie führen. Ich bin ihre Anführerin geworden. Ich verfüge über wahre Macht. Ich glaube, ich wollte immer schon Macht, aber ich habe dem Wunsch widerstanden, weil ich glaubte, Macht sei schlecht für mich – aber das ist sie nicht! Jetzt weiß ich, was Macht bedeutet, und mein Gott, sie tut ja so gut. Sie verändert mich vollständig. Ich will immer mehr davon.«

Gegen Ende ihrer zweiten Woche als Direktorin feuerte Greta die ganze Abteilung für Materialforschung. Dadurch wurde eine Menge Platz im betreffenden Labor frei, das an der Ostseite der Kuppel neben der botanischen Abteilung lag. Die lange Zeit vernachlässigten Botaniker waren über den Raumgewinn überglücklich. Die Schließung des unersättlichen Labors für Materialforschung war zudem ein finanzieller Segen für das Laboratorium.

Auch für Oscars Hotel war sie ein Segen. Das Hotel war voll belegt mit Gebrauchtmaterialienhändlern, anrüchigen Mittelsmännern, die in Buna eingetroffen waren, kaum dass die zum Verkauf stehende Hardware in ihrem Netz annonciert worden war.

Die meisten Materialwissenschaftler fanden sich grummelnd mit den vollendeten Tatsachen ab. Nicht jedoch Dr. David Chander. Chander hatte von Anfang an eifrig am Streik teilgenommen und war zudem ein heller Kopf. Um seiner Entlassung entgegenzuwirken, hatte er sich vom Streikkomitee taktisch beraten lassen. Er hatte seine Ausrüstung mit Superkleber an den Labortischen festgeklebt und sich in der Forschungseinrichtung verbarrikadiert. Da saß er nun und weigerte sich kategorisch, das Labor zu verlassen.

Kevin hatte vorgeschlagen, mit einem hydraulischen Rammbock in Chanders Labor einzudringen. Die Laboratoriumspolizei war zu durcheinander und verdrossen, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Kevin wäre liebend gern in die Rolle des entschlossenen Ordnungshüters geschlüpft, Oscar aber glaubte, dies würde ein ungünstiges Licht auf das neue Regime werfen. Gewalttätige Auseinandersetzungen wollte er nicht unterstützen; dergleichen war unprofessionell, nicht sein Stil.

Stattdessen beschloss er, den Mann niederzureden.

Oscar und Kevin stiegen zu Chanders im dritten Stock gelegenem Labor hoch, und Oscar meldete sich an. Er wartete geduldig, bis Chander die Tür aufgesperrt hatte. Dann schlüpfte er durch den Spalt und ließ den verärgerten Kevin auf dem Gang zurück.

Chander verrammelte die Tür sogleich wieder. »Warten Sie, ich helfe Ihnen«, erbot sich Oscar. Er half Chander, das abmontierte Bein eines Laborstuhls mit einem mit Superkleber befestigten Türklotz zu verkeilen.

Im Gegensatz zur Mehrheit der Laboratoriumsangestellten trug Chander als Industrieforscher Anzug und Krawatte und einen seriösen Hut. Sein dunkelhäutiges Gesicht war aschfahl, die Augen vom vielen Stress verschwollen. »Ich habe mich schon gefragt, ob Sie wohl den Mut haben würden, mit mir persönlich zu sprechen«, sagte er und biss sich auf die fleischige Unterlippe. »Ich kann allerdings nicht behaupten, dass es mich wundert, dass Sie gekommen sind.«

Oscar öffnete eine Plastikbox. »Ich habe Ihnen ein paar Vorräte für Ihr Sit-in mitgebracht«, sagte er. »Etwas tiefgefrorene Suppe, schmackhafter Reis…«

»Sie wissen doch, dass ich im Hungerstreik bin, oder?«

»Davon habe ich noch nichts gehört«, log Oscar.

»Sorgen Sie dafür, dass die Telefone wieder eingeschaltet werden, dann werde ich Sie ausführlich über meine Probleme informieren.«

»Aber deswegen bin ich doch persönlich hergekommen«, meinte Oscar fröhlich. »Um mich mit Ihnen auszusprechen, von Mann zu Mann.«

»Damit werde ich mich nicht abfinden«, verkündete Chander. »Sie zerstört mein Lebenswerk, das ist einfach ungerecht. Ich kann ebenso lange warten wie der ganze Rest. Ich kann das Gleiche machen wie Sie. Ich habe auch Freunde und Unterstützer, ich habe Unterstützung seitens der Industrie. Ich bin ein ehrlicher Mann – was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann. Wenn sich erst mal rumspricht, mit welchen Tricks Sie hier gearbeitet haben, wird man Sie alle vor Gericht stellen.«

»Aber ich bin Vertreter eines Senatsausschusses«, sagte Oscar. »Natürlich hat der Senat Verständnis für Ihre missliche Lage. Ich schlage vor, wir setzen uns, und Sie sagen mir, was Sie auf dem Herzen haben.«

Er nahm vorsichtig auf einem wackeligen Laborhocker Platz und zückte Notizblock und Füllfederhalter.

Chander zog eine Plastikkiste heran und ließ sich ächzend darauf nieder. »Hören Sie, der Kongress kann mir nicht helfen. Der Zustand des Kongresses ist hoffnungslos, die verstehen nichts von technischen Problemen. Die Sache ist die: Ich habe hier einen technischen Durchbruch geschafft. Das ist kein leeres Versprechen. Das ist keine hohle Phrase, mit der ich mich loskaufen will. Ich habe eine bedeutende technische Entdeckung gemacht! Und zwar schon vor zwei Jahren!«

Oscar blickte auf seine Notizen. »Dr. Chander… Wie Sie wissen, wurde hier im Laboratorium eine Produktivitätsvaluierung vorgenommen. Alle Abteilungen unterlagen den gleichen Bewertungskriterien: Genfragmentierung, Fließ-NMR und so weiter. Ihre Abteilung wurde innerhalb von vier Jahren fünfmal umstrukturiert. Ihre Erfolgsbilanz ist, offen gesagt, katastrophal.«

»Das streite ich nicht ab«, sagte Chander. »Aber das war Sabotage.«

»Das ist eine erstaunliche Behauptung.«

»Hören Sie. Das ist eine lange, unerfreuliche Geschichte, aber… Hören Sie, Grundlagenforschung und Firmensponsoring haben sich noch nie vertragen. Meine Probleme sind in keiner Weise wissenschaftlich, sondern allein im Management begründet. Hier geht es um die Weiterverarbeitung von organischem Material, wir suchen nach biologisch basierten Lösungen für traditionelle technische Probleme. Das eröffnet uns ein weites Arbeitsfeld. Unser Problem lag darin, dass der Firmensponsor in Detroit ansässig ist.«

Chander seufzte. »Ich habe keine Ahnung, weshalb die Automobilindustrie unsere Arbeit gefördert hat. Das war nicht meine Entscheidung. Aber seit sie vor fünf Jahren hier aufgetaucht sind, haben sie alles ruiniert. Ständig verlangen sie von uns Ergebnisse, dann wieder kappen sie den Zeitplan oder ändern unsere Entscheidungen ab. Sie mischen sich in alles ein. Sie schicken uns hirngeschädigte Automanager auf Studienurlaub, und die tauchen hier auf, stehlen seltene Tiere, entwickeln bescheuerte Zukunftsszenarien und quatschen Blödsinn. Wir haben hier die Hölle durchgemacht: Reengineering, Outplacement, zielorientiertes Management, totaler Kundenservice, was Sie wollen! Alle Zumutungen, die man sich nur vorstellen kann.«

»Aber die Industrie hat Ihnen die Forschungsmittel bewilligt. Das waren Ihre Firmensponsoren. Sie konnten für Ihre Vorschläge keine ausreichende staatliche Förderung lockermachen. Wenn Sie Ihre eigenen Sponsoren nicht glücklich machen können, was tun sie dann hier?«

»Was ich hier tue?« sagte Chander. »Ganz einfach! Darauf gibt es eine ganz simple, direkte Antwort. Es geht um Energie.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Elektromotive Energie! Mein Team und ich haben nach neuen Energiequellen für die amerikanische Transportindustrie gesucht. Und wir haben ein neues Arbeitsmodell entwickelt. Die mitochondrische ATP-Energie-Generation. Mit Signalumwandlung, Protein-Phosphorylierung, Membran-Diffusionspotenzialen… Wissen Sie überhaupt, was eine Mitochondrie ist?«