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»Ich habe eine Menge Geld«, sagte Oscar. »Ich wette, Sie könnten was gebrauchen.«

Keine Antwort.

Er wandte sich wieder Greta zu. Er durchsuchte ihre Taschen, fand aber nichts, womit er sich durch massives Metall hätte hindurcharbeiten können. Er versuchte, sie bequemer zu betten. Er legte ihre Füße hoch, rieb ihre gefesselten Handgelenke, massierte ihr die Schläfen.

Nach einer halben Stunde begann sie zu stöhnen und kam zu sich.

»Mir ist so schwindelig«, krächzte sie.

»Ich weiß.«

Sie regte sich. Sirrend spannte sich die Plastikfessel.

»Wir wurden gekidnapped. Das ist eine Entführung.«

»Oh. Verstehe. Jetzt erinnere ich mich wieder.« Greta orientierte sich allmählich. »Man hat mir gesagt, du hättest dich verletzt und ich sollte zu dir ins Hotel kommen. Und als ich die Kuppel verlassen hatte, da… haben sie mich einfach gepackt.«

»So ist es auch bei mir gelaufen«, meinte Oscar. »Sie haben uns wechselseitig als Köder benutzt. Ich hätte wohl wachsamer sein sollen. Aber warum? Wie, um Himmels willen, sollte man dann leben? So etwas kann man nicht vorausahnen. Eine Entführung ist vollkommen blödsinnig. Ein beschissenes Spiel.«

»Was werden sie mit uns machen?« fragte Greta.

Oscar bemühte sich, seiner Stimme einen zuversichtlichen Klang zu verleihen. Er hatte sich bereits aus der schwarzen Grube der Verzweiflung herausgearbeitet und wollte unbedingt vermeiden, dass Greta diese Erfahrung mit ihm teilte. »Das kann ich dir nicht sagen, weil ich nicht weiß, wer dahintersteckt. Aber sie haben uns nicht verletzt, und das bedeutet, sie haben noch etwas mit uns vor. Sie haben sich große Mühe gegeben, sich verkleidet, einen Wagen umgebaut und so weiter. Das sind andere Leute als die Verrückten, die es sonst immer auf mich abgesehen haben.« Er hob die Stimme. »Hey! Hallo! Würden Sie uns bitte sagen, was Sie von uns wollen?« Keine Antwort. Damit hatte er auch nicht gerechnet.

»Sie hören jedes Wort mit«, sagte er zu Greta. »Wir werden natürlich abgehört.«

»Können sie uns auch sehen? Es ist stockdunkel.«

»Ja, können sie. Ich glaube, die haben Infrarotkameras.«

Greta ließ das Gehörte einsinken. »Ich habe unheimlichen Durst«, meinte sie schließlich.

»Tut mir Leid.«

»Das ist Wahnsinn«, sagte sie. »Die werden uns umbringen, nicht wahr? Wir sitzen in der Patsche.«

»Greta, das ist reine Spekulation.«

»Das sind Gangster. Sie werden uns abknallen. Ich werde bald sterben.« Sie seufzte. »Ich habe mich immer gefragt, wie ich reagieren würde, wenn ich wüsste, dass ich sterben muss.«

»Tatsächlich?« meinte Oscar. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Wirklich nicht?« Sie regte sich. »Wie kommt das? Das ist doch eine interessante Frage. Ich hab mir immer vorgestellt, ich würde mich wie Evariste Galois verhalten. Die Mathematikerin, weißt du. Ich würde meine gewagtesten Spekulationen in mein Notizbuch eintragen und hoffen, dass sie eines Tages jemand versteht… Weißt du, wenn man das Problem durchdenkt, gibt es eine naheliegende Schlussfolgerung. Der Tod ist universell, aber den Zeitpunkt seines Todes zu kennen, ist ein unglaubliches Privileg. Und da man ihn wahrscheinlich nie erfahren wird, sollte man sich irgendwann mal ein paar Stunden Zeit nehmen und sein Testament machen. Findest du nicht? Das ist nach Maßgabe der Dinge die rationale Schlussfolgerung. Ich hab es wirklich mal getan – im Alter von elf Jahren.« Sie schöpfte Atem. »Seitdem leider nicht mehr.«

»Das ist schade.« Greta war offenbar völlig verängstigt. Sie plapperte unkontrolliert drauflos. Seine eigene Angst hatte sich vollständig verflüchtigt. Er war erfüllt von Beschützerinstinkt. Er fühlte sich beschwingt, nahezu trunken. Er würde alles tun, um sie zu retten.

»Aber ich bin nicht mehr elf. Jetzt weiß ich, was Erwachsene in dieser Lage tun. Mit großen Ideen hat das nichts zu tun. Man will nur eines, nämlich Sex.«

Diese Bemerkung traf Oscar unvorbereitet, hatte aber die Wirkung eines Streichholzes, das man an ein ölgetränktes Tuch hält. Die zugrundeliegende Wahrheit war so zwingend, dass ihm keine Entgegnung einfiel. Er wurde von so heftiger Angst und Erregung überschwemmt, dass es ihm beinahe das Hirn spaltete. Ihm klingelten die Ohren, und seine Hände begannen zu jucken.

»Und wenn ich gegenwärtig nicht gefesselt wäre…« flüsterte sie leidenschaftlich.

»Eigentlich«, wisperte er, »macht mir das nicht viel aus…«

Der Lautsprecher schaltete sich knackend ein. »Okay. Hören Sie auf der Stelle damit auf. Schluss damit. Das ist wirklich abstoßend.«

»Hey!« mischte sich eine männliche Stimme ein. »Lass sie doch.«

»Bist du verrückt?« entgegnete Willis.

»Mädchen, du warst nie im Krieg. Das ist die Nacht, bevor man getötet wird – Teufel noch mal, da hat man’s nötig. Da bespringt man alles, was einen Rock trägt.«

»Ha!« rief Oscar. »Das gefällt Ihnen nicht? Dann kommen Sie nach hinten und hindern Sie uns daran.«

»Lassen Sie’s nicht drauf ankommen.«

»Was können Sie uns schon anhaben? Wir haben nichts mehr zu verlieren. Sie wissen, dass wir ein Paar sind. Klar, das ist unser großes Geheimnis, aber wir haben nichts mehr zu verstecken. Sie sind nichts weiter als Voyeure. Sie bedeuten uns nichts. Zum Teufel mit Ihnen! Wir können tun, was wir wollen.«

Greta lachte. »So hab ich’s noch nicht betrachtet«, sagte sie impulsiv. »Aber es stimmt. Wir zwingen sie nicht zum Zuschauen. Sie können gar nicht anders.«

»Scheiße, ich will ihnen zuschauen«, sagte der männliche Entführer. »Die Einstellung gefällt mir! Ich stell ihnen extra Musik an.« Ein Radio wurde eingeschaltet. Es lief gerade ein flotter Cajun-Twostep.

»Nimm die Finger weg!« kommandierte Willis.

»Sei still! Ich kann zuschauen und gleichzeitig fahren.«

»Ich setz die beiden unter Gas.«

»Bist du denn wahnsinnig? Tu’s nicht. Hey!«

Der Wagen geriet heftig ins Schlingern. Matsch spritzte gegen die Kotflügel, und das überladene Fahrzeug kam von der Fahrbahn ab und drehte sich halb. Oscar prallte schmerzhaft gegen die Trennwand. Der Wagen kam zum Stehen.

»Jetzt hast du’s geschafft«, sagte Willis.

»Werd nicht hysterisch«, knurrte der Mann. »Wir werden schon rechtzeitig da sein.«

»Nicht, wenn gerade die Achse gebrochen ist, du elender Lüstling.«

»Hör auf rumzunerven, lass mich nachdenken. Ich seh mal nach.« Eine Wagentür öffnete sich quietschend.

»Ich habe mir den Arm gebrochen!« schrie Oscar. »Ich verblute!«

»Würden Sie bitte aufhören, so gottverdammt clever zu sein?« brüllte Willis. »Herrgott noch mal, sind Sie eine Nervensäge! Wieso machen Sie’s uns nicht allen leichter? Das hätte nicht sein müssen! Halten Sie den Mund und schlafen sie.« Es ertönte das bösartige Zischen von Gas.

Oscar erwachte im Dunkeln vom lauten Geräusch berstenden Metalls. Er lag auf dem Rücken, und auf seiner Brust lastete ein schweres Gewicht. Es war bedrückend heiß, und er hatte den Geschmack von Aluminiumpulver im Mund.

Es ertönte ein durchdringendes Kreischen und dann ein dumpfes Ploppen. Ein messerscharfer Keil Sonnenlicht fiel auf Oscar. Er stellte fest, dass er auf dem Boden eines riesigen Sarges lag, mit Greta lang hingestreckt auf seiner Brust. Er bewegte sich, schob mühsam ihre Beine beiseite, was einen stechenden Schmerz hinter den Augäpfeln zur Folge hatte.

Nachdem er ein paarmal tief die frische Luft eingeatmet hatte, begriff Oscar, wo er sich befand. Sie lagen noch immer in der Ambulanz, das Fahrzeug war jedoch umgestürzt. Jetzt lag er flach auf der schmalen Seitenwand. Greta hing über ihm, noch immer mit den Händen an die Holme der Trage gefesselt, die nun Teil der Decke waren.

Weitere dumpfe Schläge und das Kreischen von Metall. Auf einmal sprangen die Hintertüren auf und fielen auf den Boden.