Ein junger Mann in Overalls und mit Bürstenschnitt schaute herein, in der Hand eine Brechstange. »Hey«, sagte er. »Sie leben ja!«
»Ja. Wer sind Sie?«
»Hey, niemand! Ich meine… äh… Dewey.«
Oscar setzte sich auf. »Was geht hier vor, Dewey?«
»Keine Ahnung, aber Sie hatten wirklich Glück, dass Sie da drinnen überlebt haben. Was ist mit der Lady? Ist sie okay?«
Greta hing schlaff an den Handgelenken, den Kopf zurückgeworfen, die Augen zeigten das Weiße. »Helfen Sie uns!« sagte Oscar hustend. »Helfen Sie uns, Dewey. Sie werden es nicht bereuen.«
»Klar«, sagte Dewey. »Ich meine, ganz wie Sie wollen. Kommen Sie raus!«
Oscar kroch aus dem Laderaum der Ambulanz hervor. Dewey packte ihn beim Arm und half ihm auf die Beine. Oscar verspürte jähen Schwindel, dann aber pumpte das Herz Adrenalin durch seinen Körper. Die Welt wurde wieder schmerzhaft klar.
Der demolierte Krankenwagen lag auf einer unbefestigten Straße, gleich neben einem sumpfigen, träge dahinfließenden Fluss. Es war früher Morgen, kalt und dunstig.
Es stank nach verbranntem Polster. Der Wagen war von einem Explosivgeschoss getroffen worden – vielleicht von einer Granate. Die Wucht der Explosion hatte ihn von der Straße geschleudert, worauf er seitlich im roten texanischen Schlamm gelandet war. Der Motor war eine schwarze Masse aus zerfetztem Metall und geschmolzenem Plastik. Die Fahrerkabine war in zwei Teile zerlegt, sodass man die dicke, eingedellte Panzerung der Gefangenenzelle sah.
»Was ist passiert?« fragte Oscar.
Dewey zuckte fröhlich die Achseln. Seine Augen strahlten. »Hey, Mister – sagen Sie’s mir! Da hat heute Nacht offenbar jemand einen Volltreffer gelandet. Mehr kann ich nicht sagen, schätze ich.« Dewey war noch sehr jung, vielleicht siebzehn. Er hatte sich eine einschüssige Flinte auf den Rücken geschnallt. In der Nähe stand ein uralter, verrosteter Pickup mit texanischem Nummernschild. Auf der Ladefläche lag ein kaputtes Motorrad.
»Ist das Ihr Wagen?« fragte Oscar.
»Ja!«
»Haben Sie eine Werkzeugkiste dabei? Irgendwas, womit man Handfesseln durchschneiden kann?«
»Ich hab eine Motorsäge dabei. Bolzenschneider. Eine Abschleppkette. Hey, auf der Farm hat mein Dad sogar ein Schweißgerät!«
»Sie sind ein tüchtiger Bursche, Dewey. Ich würde mir Ihr Werkzeug gern einen Moment leihen, um meine Freundin loszuschneiden.«
Dewey blickte ihn verwirrt und besorgt an. »Sind Sie sicher, Mister, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist? Sie bluten ganz schön aus dem Ohr.«
Oscar hustete. »Ein Schluck Wasser. Der wäre jetzt gut.« Er fasste sich an die Wange, berührte eine klebrige Masse aus geronnenem Blut und sah zum Ufer. Es müsste wundervoll sein, den Kopf in kaltes Wasser zu stecken. Das war eine hervorragende Idee. Es war unbedingt notwendig, das Vorhaben hatte allerhöchste Priorität.
Er stolperte durch dichtes braunes Schilf, sank bis zum Knöchel in kalten Schlamm ein. Er fand eine freie Stelle in dem mit Algenschaum bedeckten Wasser und schöpfte sich Wasser über den Kopf. Blut floss aus seinem Haar hervor. Über dem rechten Ohr hatte er eine große, klaffende Platzwunde, die sich mit brennendem Schmerz und Übelkeit erregendem Pochen bemerkbar machte. Er riskierte es, ein paar Schluck vom Flusswasser zu trinken, und blieb vorgebeugt hocken, bis der Schock nachließ. Dann richtete er sich auf.
In zwanzig Metern Entfernung machte er ein zweites Autowrack aus, das im Fluss langsam auf und nieder stieg. Zunächst meinte Oscar, es handele sich um einen halb untergetauchten Tankwagen, doch dann stellte es sich zu seiner Überraschung als kleines U-Boot heraus. Das schwarze Unterwasserfahrzeug war vom Bug bis zum Heck mit daumengroßen Einschusslöchern übersät. Es war im Schlamm gestrandet und von einem sich ausbreitenden schillernden Ölfilm umgeben.
Bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt, kletterte Oscar die Uferböschung hoch. Als er sich der Ambulanz näherte, bemerkte er, dass viele Glasscherben der explodierten Windschutzscheibe blutverschmiert waren. Kein Mensch war zu sehen. Der regenfeuchte Feldweg war von zahlreichen Motorradspuren durchfurcht.
Plötzlich war aus dem Innern der zerstörten Ambulanz das gedämpfte Knattern von Deweys Motorsäge zu vernehmen. Oscar stapfte zum Heck und blickte hinein. Dewey hatte es aufgegeben, die Handfesseln durchtrennen zu wollen, und sägte stattdessen das angenietete Standbein der Trage durch. Er bog den Metallrahmen und schob die Handschellen durch die Lücke.
Oscar half ihm, Greta ins Freie zu schaffen. Ihre Hände waren bläulich und die Handgelenke aufgeschürft, doch sie atmete noch kräftig.
Sie war zweimal mit Gas betäubt worden und hatte einen Autounfall und ein Feuergefecht überlebt. Dann war sie in einer verschlossenen, gepanzerten Zelle eingesperrt gewesen. Greta musste dringend ins Krankenhaus. In ein hübsches, sicheres Krankenhaus. Ein Krankenhaus war für sie beide eine gute Idee.
»Dewey, wie weit ist es von hier bis nach Buna?«
»Nach Buna? Luftlinie etwa dreißig Meilen«, antwortete Dewey.
»Ich gebe Ihnen dreihundert Dollar, wenn Sie mich auf der Stelle nach Buna bringen.«
Dewey musste nicht lange überlegen. »Steigen Sie ein«, sagte er.
So weit von Buna entfernt fand Oscars Handy keine Relaisstation. An einem Lebensmittelladen im Dörfchen Calvary hielten sie an, und Oscar kaufte Verbandszeug und probierte ein Münztelefon aus, kam allerdings nicht bis zum Labor durch. Nicht einmal das Hotel in Buna konnte er erreichen. Mittels behutsamer Schläfenmassage und einer Büchse Mineralwasser gelang es ihm, Greta wieder aufzuwecken, doch sie hatte Kopfschmerzen, und ihr war übel. Sie musste ganz still liegen, und dafür kam nur die Ladefläche von Deweys Pickup infrage, auf der bereits das geborgene Motorradwrack untergebracht war.
In angespanntem Schweigen glitt Meile um Meile vorbei. Die verschlafene Landschaft des texanischen Ostens hatte er noch nie gemocht. Pinien, Sumpfland, kleine Flüsse, noch mehr Pinien, noch mehr Sumpfland, ein weiteres Flüsschen; hier war nie etwas passiert, und es würde auch nichts passieren. Gleichwohl war nun doch etwas Bedeutsames geschehen. Nun knisterte die ländliche Ödnis vor lautloser Bedrohung.
Vier Meilen vor Buna begegnete ihnen ein verrosteter Mietwagen. Der Wagen raste an ihnen vorbei. Dann hielt er mit quietschenden Bremsen, wendete und schloss wild hupend zu ihnen auf.
Dewey, der die ganze Zeit über an einer steinharten Stange Zuckerrohr gekaut hatte, hielt mit Kauen inne und spuckte gelbe Fasern durchs Ausstellfenster. »Kennen Sie den Kerl?« fragte er.
»Funktioniert die Flinte?« entgegnete Oscar.
»Mann, klar funktioniert die Flinte, aber für dreihundert Dollar knall ich niemanden ab.«
Der Verfolger streckte den Kopf aus dem Fenster und winkte. Es war Kevin Hamilton.
»Halten Sie«, sagte Oscar. »Der gehört zu mir.«
Oscar stieg aus. Er sah kurz nach Greta, die zusammengekrümmt auf der Ladefläche lag und gegen die Übelkeit ankämpfte. Dann ging er zu Kevin hinüber, der die Wagentür geöffnet hatte und heftig winkte.
»Fahren Sie nicht nach Buna rein!« rief ihm Kevin entgegen. »Da ist die Hölle los.«
»Schön, Sie zu sehen, Kevin. Können Sie mir helfen, Greta zu holen? Sie liegt auf der Ladefläche. Sie ist schwer angeschlagen.«
»Ist gut«, sagte Kevin. Er warf einen Blick zum Pickup. Dewey war soeben ausgestiegen, die Flinte hatte er sich unter den Arm geklemmt. Kevin langte unter den Fahrersitz und holte einen riesigen verchromten Revolver hervor.
»Ruhig Blut!« meinte Oscar. »Der Bursche steht auf meiner Gehaltsliste.« Er blickte bestürzt auf die Schusswaffe. Er hätte nie gedacht, dass Kevin dergleichen besaß. Der Besitz von Schusswaffen war streng verboten und machte nur Ärger.
Kevin packte die Waffe wortlos wieder weg, dann stieg er unbeholfen aus. Sie hoben Greta von der Ladefläche und legten sie auf den Rücksitz von Kevins schäbigem, übelriechendem Mietwagen. Dewey wartete geduldig neben seinem Pickup und kaute Zuckerrohr.